Yandex stellt neue KI vor: Eigene Entwicklung mit internationalem Fundament

Yandex stellt neue KI vor: Eigene Entwicklung mit internationalem Fundament

Der russische Technologiekonzern Yandex hat ein neues Sprachmodell veröffentlicht, das er als „vollständig souverän“ bezeichnet. Alice AI Foundation wurde nach Unternehmensangaben von Grund auf trainiert und steht Entwicklern frei zur Verfügung. Die Veröffentlichung ist ein Schritt zu mehr eigener Entwicklungskapazität – der Anspruch vollständiger Unabhängigkeit verlangt allerdings eine genauere Betrachtung.

Yandex hat am 21. September Alice AI Foundation LLM vorgestellt. Gegenüber der Wirtschaftszeitung Wedomosti erklärte das Unternehmen, die neue Entwicklung sei ohne fremde ausländische Modellbestandteile von Grund auf trainiert worden. Als Umfang des Trainings nannte der Konzern 18 Billionen sogenannte Tokens – Textbausteine, in die das Lernmaterial für die Verarbeitung zerlegt wird. Die Kosten legte Yandex nicht offen.

Veröffentlicht wurden die Modellgewichte, also die im Training ermittelten Parameter. Entwickler können das Modell herunterladen, selbst betreiben und für eigene Aufgaben weitertrainieren. Die Apache-2.0-Lizenz erlaubt auch eine kommerzielle Nutzung. Damit erhalten Unternehmen und Forschungseinrichtungen eine Grundlage, auf der sie eigene Anwendungen aufbauen können.

Das Modell enthält rund 80 Milliarden Parameter, von denen bei der Verarbeitung eines einzelnen Textbausteins etwa drei Milliarden aktiviert werden. Dahinter steht eine Architektur aus spezialisierten Teilnetzen, die je nach Aufgabe zum Einsatz kommen. Dieses als „Mixture of Experts“ bezeichnete Verfahren soll den Rechenaufwand begrenzen. Yandex sieht die experimentelle Veröffentlichung als Vorstufe einer künftigen KI, die komplexere Aufgaben schrittweise bearbeiten und als Grundlage für die Agentenfunktionen des Assistenten Alice dienen soll. Nutzer sollen diesem künftig konkrete Handlungen übertragen können.

Für Endnutzer ist das veröffentlichte Modell allerdings noch kein fertiger neuer Chatbot. In seiner Dokumentation weist Yandex ausdrücklich darauf hin, dass die zusätzlichen Trainings- und Anpassungsschritte für den unmittelbaren Einsatz in Produkten noch fehlen. Die Veröffentlichung richtet sich vor allem an Entwickler und Forscher.

Bei der Leistungsfähigkeit meldet der Konzern beachtliche Ergebnisse. Besonders stark sei die Entwicklung bei russischsprachigem Faktenwissen, außerdem bei mathematischen Aufgaben und beim Programmieren. Für Wissen, das russischsprachige Nutzer interessiert, veröffentlichte Yandex zwei eigene Tests namens WikiWebFacts und HardMultiQA. Der Konzern begründet dies damit, dass englischsprachige Prüfaufgaben diese Kenntnisse nur unzureichend abbildeten.

Die Vergleichswerte stammen jedoch aus Messungen des Herstellers. Verglichen werden ausgewählte offene Basismodelle; ein allgemeiner Vorsprung gegenüber fertigen internationalen KI-Assistenten lässt sich daraus nicht ableiten. Auch Yandex’ eigene Tabellen zeigen unterschiedliche Stärken: Bei mehreren russischsprachigen Wissenstests liegt Alice vorn, bei anderen Aufgaben führen Konkurrenten.

Erklärungsbedürftig bleibt vor allem das Wort „souverän“. Im technischen Bericht beschreiben die Entwickler selbst, dass sie ein Verfahren aus DeepSeek-V3 zur Verteilung der Rechenarbeit verwenden. Hinzu kommt Kimi Delta Attention, ein ebenfalls aus internationaler Forschung übernommener Ansatz zur Verarbeitung von Textzusammenhängen. Diese Verfahren wurden für die eigene Modellarchitektur ausgewählt und kombiniert.

Darin liegt kein Widerspruch zur Aussage, das Modell sei von Grund auf trainiert worden. Eigene Modellgewichte können mit andernorts entwickelten Methoden entstehen. Sehr wohl begrenzt dieser Befund aber die Lesart, hier sei eine ausschließlich aus russischen Erfindungen zusammengesetzte Technik entstanden. Auch The Bell hebt die internationalen Architekturbausteine hervor und verweist auf den experimentellen Charakter der Veröffentlichung.

Der greifbare Fortschritt besteht darin, dass Yandex ein selbst trainiertes Modell öffentlich nutzbar macht und dessen Weiterentwicklung ermöglicht. Wie leistungsfähig die daraus entstehenden Anwendungen im Alltag sind, müssen unabhängige Prüfungen und der praktische Einsatz zeigen. Die technische Veröffentlichung bietet dafür eine Grundlage. Das Etikett „vollständig souverän“ ersetzt diese Prüfung nicht.

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