Wird der Weltraum zum Werbeträger für russische Sporteitelkeiten?

Moskau/Orbit – Einmal mehr durfte die internationale Raumstation ISS als Werbeträger für ein sportliches Großprojekt Russlands dienen. Am vergangenen Dienstag wurde dort das offizielle Logo zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 enthüllt. 400 Kilometer über der Erdoberfläche, in der ewigen Dunkelheit des Weltraums, im Orbit, auf Din A4.

Nach dem medienwirksamen All-Ausritt des Olympischen Feuers zu den Winterspielen Anfang des Jahres in Sotschi, gesellt sich nun also auch noch der Fußball hinzu. Den Countdown für die Präsentation des Logos zählten die drei russischen Kosmonauten Jelena Serowa, Alexander Samokutjajew und Maxim Surajew, verkrampft lässig gegen die Schwerkraft ankämpfend, auf selbstgemalten Din A4 Bögen herab. Der Aktion wohnte allerdings etwas von der unfreiwillige Komik eines Schülerkabaretts auf der Weihnachtsfeier inne.

Nichtsdestotrotz keimte der ganze russische Stolz in dieser Inszenierung, die durch eine eigene aus Moskau übertragene TV-Show gewürdigt wurde. Die Fassade des Bolschoi-Theaters war durch eine Lichtprojektion illuminiert. Typisch Russisch ist man geneigt zu sagen  – klotzen, nicht kleckern. Aber nicht nur die Russen schwelgten im Rausch ihrer Eitelkeiten. Auch der Weltfußball-Verband hatte die Gelegenheit beim Schopf gegriffen, sich in Selbstweihräucherung zu baden.

Das Emblem verkörpere die einzigartigen Merkmale der WM und Russlands als gastgebende Nation. Es vereine Magie und Träume – der FIFA-Präsident Joseph Blatter kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus – so wie es die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bei Millionen von Fans tun würde. Blatter muss bei solch pathetischen Sätzen getropft haben wie ein sabbernder Hund vor seinem Fressnapf. „Das Logo repräsentiert Russlands Herz und seine Seele.“ Joseph, nun ist aber wieder gut.

Über die Summe der Kosten für die Werbeveranstaltung indes wurden bisher noch keine weiteren Angaben gemacht. Dem bisher etwa 100 Milliarden Euro teuren Projekt ISS dürfte es auf jeden Fall zu Gute kommen. Laut NASA belaufen sich derzeit alleine die jährlichen Betriebskosten der Raumstation auf rund 2,2 Milliarden Euro. Ein Zubrot dieser Couleur sollte daher mehr als willkommen sein.

Es drängt sich die Frage auf: Warum kam eigentlich nie jemand in der Kultserie „Star Trek“ auf diesen Marketing-Gedanken, der USS Enterprise solche Mittel zufließen zu lassen? Wo war der Inbegriff des amerikanischen Selbstverständnisses in Form eines gelben „M“, quasi als Botschaft an den Mann im Mond gerichtet, bei der Erstbegehung des Erdtrabanten? Wie lange wird es denn noch dauern, bis das Space-Shuttle als Werbeträger für Mineralölfirmen, Tabakkonzerne und „des Wodkas reine Seele“ dienen wird?

Jedoch, bei aller Euphorie, spätestens wenn die nächste Schach-Universade in den Sternen präsentiert wird, werden auch wir uns unseren Teil dazu denken und uns aus der ganzen Sache wohl eher ausklinken…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.