Wirbel um Reichstag im „Patriotenpark“ – warum?

Foto: © Michael Barth/russland.RU

[von Michael Barth] – In einem Freizeitpark bei Moskau soll eine Kopie des Berliner Reichstags errichtet werden, um dessen Erstürmung durch die Rote Armee 1945 „nachzuspielen“. Nicht überall trifft dieses Bauvorhaben auf offene Ohren. Die Reaktionen der Bundesregierung in Berlin reichen von „befremdet“ bis „fassungslos“.

Er sollte eine Bereicherung für den „Park Patriot“ werden. Der Berliner Reichstag, der für die Russen die endgültige Zerschlagung des deutschen Faschismus ikonisiert. Unvergessen das Bild der roten Fahne, gehisst auf der Kuppel des Regierungssitzes der Nationalsozialisten. Krieg, und natürlich auch ein bisschen Frieden, sind dem russischen Volk, nach Jahrhunderten der ständigen Bedrohung durch fremde Völker und Nationen, in Fleisch und Blut übergegangen. Kein Wunder, dass da Patriotismus großgeschrieben wird. Zudem ist der russische Patriotismus eine der drei Grundsäulen, neben der Kirche und der Schicksalsergebenheit, die das riesige Land gesellschaftlich zu vereinen vermögen.

Der Patriotenpark, in Kubinka, etwa 60 Kilometer westlich von Moskau entfernt, entstand 2015 daher als ein mit allerlei schwerem Militärgerät bestückter Freizeit- und Vergnügungspark, der der russischen Jugend ein Gefühl für ewig treue Vaterlandsliebe vermitteln soll. Panzer und Haubitzen auf 5.000 Hektar im „Park Patriot“ laden den Nachwuchs zum Mitmachen ein. Und so mancher Familienvater lässt sich natürlich ebenfalls gerne einmal stolz im Schützenturm fotografieren. Wenn man so will, handelt es sich bei dem Themenpark also um eine Mischung aus Patriotismus-, Militär- und Technikgelände, da eine Verteidigung des Vaterlandes ohne Bewaffnung ja auch ziemlich absurd erscheint.

Und trotzdem sollte man den russischen Patriotismus und Militarismus getrennt voneinander betrachten. Erst diese Tage verkündete der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu, dessen Ministerium den Patriotenpark leitet und seinerzeit das Gelände für umgerechnet rund 320 Millionen Euro bauen ließ: „Wir müssen uns mit der patriotischen Erziehung befassen“. Zudem sprach er sich gegen die „unendliche Militarisierung“ des Landes aus und war der Meinung, dass die vormilitärische Ausbildung an Schulen ohnehin keinerlei Notwendigkeit entspräche. Und nun die Pläne für den „Mitmach-Reichstag“, dessen einziger Zweck die Erstürmung desselben werden wird, was die „Deutsche Welle“ sofort zu Gedanken an „imperiale Träume“ hinreißen ließ.

Themenpark für imperiale Träume?

Die „Bild“-Zeitung sinnierte hingegen lange, ob „Gaga oder gefährlich“ und veröffentlichte erst einmal ein Gespräch mit dem Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Der heutige CDU-Fraktionsvize finde es geschmacklos und sehe Parallelen zu Russlands Realpolitik schrieb das Blatt. Es passe in eine Reihe mit russischen Cyberattacken und „Fake-News“ gegen den deutschen Bundestag und die Bundeswehr, plauderte er aus dem Nähkästchen. Mit „Fake-News“ meinte er, der „Bild“ zufolge, die für ihn offenbar erfundene Behauptung, in Litauen sei eine Frau von einem Bundeswehr-Soldaten vergewaltigt worden.

„Statt fortlaufender Provokationen brauchen wir Verständigung und Kooperation über nationale Grenzen hinweg, wird der Exminister von der „Bild“ zitiert. „Die Welt braucht wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Sicherheit, statt die Schlachten der Vergangenheit nachzuspielen.“ Sein Politikkollege Schoigu sieht das hingegen etwas anders. Nicht an abstrakten Schauplätzen, wie er in der Duma Beifall erntend sagte, wolle er Geschichte veranschaulichen, sondern an konkreten Orten wie einer nachspielbaren Gebäudeerstürmung. Im Außenministerium in Berlin zeigte man sich über die Idee befremdet. Warum es eigentlich der Reichstag sein müsse, fragte man sich. „Sein Land“, sagte Martin Schäfer, der Sprecher des Auswärtigen Amtes, „würde so etwas zur ‚Erziehung und Ertüchtigung der deutschen Jugend‘ nicht unbedingt bauen, und das gilt auch für die Art und Weise, wie das betrieben wird.“

Für die Regierungssprecherin Ulrike Demmer sei die Idee überraschend und spreche für sich. Daraufhin konterte der russische Militärsprecher Igor Konaschenkow: „Die Attacken dazu von einzelnen deutschen Politikern lösen nicht nur Erstaunen aus, sondern sie werfen auch die Frage auf, welche Haltung sie eigentlich zu den ‚Erbauern‘ des Dritten Reiches von 1933 bis 1945 haben.“ Außerdem verteidigte er das Projekt als wichtiges Symbol für den sowjetischen Sieg über Hitler-Deutschland. Für ihn sei das Modell des von erbitterten Kämpfen völlig zerstörten Reichstages als Bestandteil der militärhistorischen Landschaft des Freizeitparks legitim. Schließlich sei es das Ziel, durch diesen Themenpark zum Anfassen, weitere Schauplätze des Zweiten Weltkrieges nachzubauen, um den Besuchern die Atmosphäre der damaligen Zeit nachfühlen zu lassen.

Allerdings ist durch das Modell des Reichstags, von dem bisher außer Plänen noch nichts existiert, eine andere Institution Russlands ins Gespräch gekommen. Die patriotische Jugendorganisation „Junarmija“, auf Initiative des Verteidigungsministeriums 2016 ins Leben gerufen, nutzt das Gelände bisher für ihre paramilitärischen Aktivitäten. Die Organisation strebe nach eigenem Bekunden „die guten alte Traditionen der Kinder- und Jugendarbeit wieder aufleben zu lassen“. Die Parolen lauten demnach auch „Patriotismus, Freundschaft und Internationalismus.“ Laut der Nachrichtenagentur „Interfax“ seien rund 5000 Jugendverbände organisiert. Eine Militarisierung der Gesellschaft, weise Verteidigungsminister Schoigu jedoch weit von sich: „Man sagt, wir würden das Land militarisieren, damit bei uns alle im Gleichschritt marschieren. Das ist natürlich nicht so.“

Da bliebe noch die Frage, inwieweit Patriotismus mit Militarismus gleichzusetzen sei. So wie es scheint, verläuft diese Grenze in Russland fließend. Was aber auch kein Wunder wäre, denn bedroht und überfallen wurde das Land schon immer. Und schließlich ist Patriotismus eine der Stützen der russischen Gesellschaft.

[mb/russland.RU]

 

 

 

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.