Wiktor Ponedelnik – der erste Star einer Fußball-Europameisterschaft

(von Michael Barth) Kiew/Moskau. Das 14. Finale einer Europameisterschaft steht unmittelbar bevor. Wieder wird es einen Europameister geben, der vier Jahre lang seinen Titel behält. Wir wollen hier einen Blick auf die Vergangenheit dieser Europameisterschaften wagen. Es begann im Jahr 1960 in Frankreich und prompt war der allererste EM-Star ausgerechnet – ein Russe.

Andere Zeiten – andere Qualifikationen

 

Eine Qualifikation im heutigen Sinne gab es schlichtweg nicht, in diesem Europapokal der Nationen, wie er zu dieser Zeit noch genannt wurde. Dafür wurden die Achtel- und Viertelfinalspiele, die im K.-o.-Modus ausgetragen wurden, als Fahrkarte für das Halbfinale und das Endspiel genutzt. Im Achtelfinale gelangen den Sowjets zwei, es galt noch Hin- und Rückspiel in den jeweiligen Heimatländern zu bestreiten, überzeugende Siege gegen die Ungarn. In Moskau wurde 3:1 und in Budapest 1:0 gewonnen.

 

Das nächste Spiel war gegen Spanien im Viertelfinale. Der Gewinner jedoch hieß: „Kalter Krieg“. Obwohl die Spieler der spanischen Mannschaft bereits am Flughafen versammelt waren um gemeinsam nach Moskau zu fliegen wurden sie von dem seinerzeit regierenden Diktator Francisco Franco zurückgepfiffen. Die Spanische Staatsmacht stemmte sich dagegen, ihr Team gegen die Sowjetunion spielen zu lassen. Die UdSSR wiederum verzichtete höflicherweise auf ein Spiel auf neutralem Boden. Das Ende vom Lied: Spanien verlor am grünen Tisch und musste eine empfindliche Konventionalstrafe zahlen, die Sowjetunion dagegen bekam beide Partien mit jeweils 3:0 Toren gutgeschrieben.

 

Die Endrunde in Frankreich wird zur Sternstunde

 

Das erste der beiden noch ausstehenden Turnierspiele (Halbfinale und Finale) für die Sowjetunion fand in Marseile statt. Die Nationalelf der UdSSR musste gegen die damalige Tschechoslowakei antreten. Obgleich in deren Reihen mit Josef Masopust einer der besten Fußballer seiner Zeit stand wurde der Bruderstaat von der Sowjetunion mit 3:0 schier weggefegt. Der Matchwinner des Spiels hieß Wiktor Ponedelnik, dieser russische

Mittelstürmer, der die entscheidenden Vorlagen zu den beiden ersten Toren für seinen Sturmkollegen Walentin Iwanow von Torpedo Moskau gab. Dann besiegelte Ponedelnik selbst mit seinem Tor in der 65. Spielminute den Endstand dieses Halbfinales.

 

Einwurf: Des Helden seine Vereinsgeschichte

 

Wiktor Wladimirowitsch Ponedelnik, so sein voller Name, erblickte am 22. Mai 1937 in Rostow am Don das Licht der Welt. Seine Fußballerkarriere formte sich zuerst beim heutigen FK Rostow, der früher noch als Rostselmasch im Vereinsregister geführt wurde. Mit 21 Lenzen ging er dann zum Lokalrivalen SKA Rostow. Seine Karriere beendete Ponedelnik schließlich nach neun Jahren in Rostower Vereinen beim Hauptstadtklub Spartak Moskau.

 

Zuvor hätte er schon einmal zu den Moskauer „Fohlen“, dem ZSKA, wechseln sollen, die Partei wollte ihn dort haben. Da wurde aber nichts daraus: „Das war ein Riesenskandal damals, ich wurde quasi entführt“, schimpft er noch heute. Aufgrund der regen Anteilnahme einflussreicher Persönlichkeiten erwirkte er den Verbleib in seiner Heimatstadt. 1966 klang Ponedelniks große Zeit endgültig aus – er widmete sich dem Journalismus, machte seinen Trainer und wurde zu guter Letzt noch Berater des Präsidenten.

 

Chapeau – Sowjets mit improvisierten Schuhwerk im Finale

 

Am 10. Juli 1960 ging es für die Sbornaja im Pariser Prinzenparkstadion dann ums Ganze. Das Endspiel gegen die Jugoslawen, die im Halbfinale 5:4 gegen Gastgeber Frankreich gewannen, stand bevor. Es trat eine UdSSR-Auswahl an, in der zum Glück ein handwerklich begabter Verteidiger als Schuhmacher fungierte. Da selbst nicht einmal Fußballschuhe aus der DDR für die Sbornaja zu beschaffen waren, „wurden eigens dafür gekaufte Ledertaschen in Sportschuhe umgenäht“, erinnert sich Wiktor Ponedelnik amüsiert nach all den Jahren. Dann kommt er jedoch ins grübeln: „Es hört sich heute seltsam an, aber das war uns damals alles egal. Für die Nationalelf anzutreten war die größte Ehre.“

Das Endspiel selbst war Dramatik pur. 18.000 Zuschauer, der Rest war ob des Ausscheidens der „Equipe Tricolore“ maßlos enttäuscht zu Hause geblieben, erlebten einen packenden Kampf um den ersten europäischen Titel. Die Jugoslawen führten zur Pause mit 1:0. Dann schlug die Stunde der Sowjets, bei der der ebenso großartige wie legendäre Torwart Lew Jaschin von Dynamo Moskau als „Schild“ dieser Mannschaft wirkte. „Jaschin hat uns im Spiel gehalten“, erzählt Ponedelnik. „Dann wurden die Jugoslawen müde, das haben wir gespürt.“

 

Kurz nach dem Wiederanpfiff traf Torpedo-Stürmer Slawa Metreweli zum verdienten Ausgleich. In der 114. Spielminute, die reguläre Spielzeit brachte keine Entscheidung, krönte Wiktor Ponedelnik endgültig seine Karriere. Sein Treffer zum 2:1 Endstand machte die Sowjetunion zum ersten Europameister der Geschichte.

 

Vive la Russe – Gipfeltreffen auf dem Eiffelturm

 

Nach ihrem Sieg seien sie einfach nur durch Paris geschlendert, resümiert Wiktor Ponedelnik später. Keine große Sause hätte es gegeben, keine ausgelassene Party, nicht einmal ein hemmungsloses Besäufnis. Stattdessen schlenderte die russische Nationalauswahl einfach nur durch die Strassen von Paris. Die Stadt der Liebe, für die Sowjets der Ort der Sehnsucht schlechthin. Man habe Frankreich auf sich wirken lassen und ein Bier getrunken, so Ponedelnik: „Wir durften ja alleine noch nicht einmal das Hotel verlassen. Ja, es war wirklich eine andere Welt damals, nicht nur im Fußball“.

 

Und dann stand der 23-Jährige Wiktor Ponedelnik als frischgebackener Europameister auf dem Eiffelturm und blickte versonnen über die Stadt, als plötzlich ein fremder Mann neben ihm auftauchte. Es war niemand Geringeres als Senor Real Madrid persönlich. Santiago Bernabeu, der legendäre Präsident des spanischen Hauptstadtklubs, wollte den jungen Stürmer aus dem russischen Umland zu den „Königlichen“ locken und bot ihm einen Vertrag bei Real an. Jedoch war das nicht im Sinne der begleitenden KGB-Offiziere, die ein behütendes Auge auf die Sbornaja während ihrer Reise in den „dekadenten“ Westen hatten. Immerhin betonten sie die große Ehre dieses Angebot, aus dem Vertrag jedoch wurde nichts. Ponedelnik muss bei dieser Anekdote lachen: „Und wir standen ratlos herum und fragten uns, was das eigentlich ist, ein Vertrag“.

Da das Endspiel in die Verlängerung ging, war zum Zeitpunkt des Tores in Moskau bereits nach Mitternacht und damit der Montag angebrochen. Die sowjetische Presse wurde nicht müde zu betonen: „Ponedelnik zabil v Ponedelnik“, auf Deutsch „Montag trifft am Montag“, da der Name übersetzt den ersten Wochentag bezeichnet. Immerhin, eine Prämie von 200.- US$ wurde den Spielern jeweils vom sowjetischen Fußballverband als Lohn der Müh’ überreicht – den ersten Fußball-Europameistern der Geschichte. Nach 29 Länderspielen, in denen er 20 Tore schoss, war auch diese Karriere Ponedelniks beendet. Sein Asthma zwang das „Schwert der Sbornaja“ letzten Endes zum Aufhören.

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.