Wie weit darf sich Satire aus dem Fenster lehnen?

Wie weit darf sich Satire aus dem Fenster lehnen?

[Ein Kommentar von Michael Barth] – Sie erinnern sich? Vor ziemlich genau elf Monaten waren wir plötzlich alle Charlie. Nachdem die französische Satirezeitung Charlie Hebdo Mohammed-Karrikaturen druckte und veröffentlichte, stürmten zwei, sich zur Al-Kaida Jemen bekennenden, Islamisten mit Sturmgewehren die Pariser Redaktionsräume der Zeitung und erschossen zehn Personen. In der Folge bekundeten nahezu weltweit zig tausende Menschen ihr Mitgefühl mit den Ermordeten und der Slogan „Je suis Charlie“ war in aller Munde.

Nun veröffentlichte das selbe Blatt Karikaturen zur Tragödie über dem Sinai, wo ein russisches Passagierflugzeug abstürzte und 224 Insassen ihr Leben verloren. Auch hier ist die Welle der Empörung wieder groß. Diesmal bei den Russen. Ein Mitglied des Föderationsrates, Igor Morosow, spricht von der „Verhöhnung des Andenkens“ an die Opfer. Über die Echauffiertheit der Angehörigen der Absturzopfer muss sicherlich nicht erst groß geredet werden. Der Schock über den Absturz sitzt eh schon tief genug.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass die derzeit nicht Charlie sind. Nun stellt sich die Frage, wie weit darf Satire gehen? Satire provoziert. Die einen lachen, die anderen sind außer sich vor Zorn. Das ist im Wesentlichen auch Sinn und Zwecke einer solchen Überspitzung. Auch wir bei russland.RU standen bereits massiv in der Kritik, wenn wir einen satirischen Beitrag zu aktuellen Themen auf unserer Seite einstellten. Als schwammige Rechtfertigung können wir sagen, dass wir uns sehr wohl Gedanken machen, wie weit wir gehen können.

Wo fängt’s an und wo hört’s auf?

Im vorliegenden Fall zeigt die erste Abbildung vom Himmel herab regnende Flugzeugtrümmer und abstürzende Menschen über einem offensichtlich aus dem nahen Osten stammenden bewaffneten Menschen. Übertitelt ist die Zeichnung mit: „Russische Fliegerkräfte verstärken ihre Bombardements“. Die zweite Karikatur legt einem skelettierten Totenschädel unter den Wrackteilen die Worte in den Mund: „Ich würde die Air Cocaine nehmen“. Darüber eine deutliche Anspielung auf russische Billig-Air Lines.

Dieser Kommentar soll nun weder als Verurteilung Charlie Hebdos, noch als Schönreden der Leichenfledderei dienen. Nein, vielmehr soll er zur Diskussion anregen, wie ein Medium damit umzugehen hat. An welchem Punkt endet der Spaß und wo beginnt die Geschmacklosigkeit? Wir erinnern uns, in den 30-er Jahren, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, tat sich Julius Streichers Propagandahetzblatt „Der Stürmer“ mit Karikaturen von Juden auf der Titelseite hervor. Wir empfinden das heutzutage – zu recht – als absolutes „No Go“.

Denn wie heißt es so schön: Satire darf alles. Satire, solange sie nicht auf Spott und Hohn ausgerichtet ist, geschweige denn den Zynismus bedient, kontrastiert Widersprüche und Wertvorstellungen. Zudem wird sie im heutigen Deutschland als Meinungsfreiheit gewertet. Ob hierbei Persönlichkeitsrechte verletzt werden, steht als Frage erst an zweiter Stelle. Man könnte diese Polemik im vorliegenden Fall aber durchaus auch als üble Nachrede bewerten. Sie sehen, es ist ein schmaler Grat, wie man Satire bewertet. Charlie Hebdo jongliert hier gerade auf äußerst dünnem Eis.

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