Wie sehen Russen das Deutsch-Russische Verhältnis

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[von Daria Boll-Palievskaya] „Zwischen den Deutschen und den Russen gibt es eine fast mystische Verbindung“. Die stellvertretende Leiterin des Zentrums für Deutschlandforschungen am Europa-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie Dr. Еkaterina Timoschenkowa spricht darüber, wie die Russen das Deutsch-Russische Verhältnis sehen.

Frau Timoschenkowa, Ihr Institut feiert dieses Jahr sein 30jähriges Bestehen.

Ja, und es wurde von Michail Gorbatschow gegründet. Damals wurde der Prozess der Verständigung mit dem Westen in den Gang gesetzt, und man hat sich überlegt, dass man sich mit Europa nicht versöhnen kann, ohne dabei ein wissenschaftliches Europainstitut zu haben. Wir haben verschiedene Zentren für Landesforschungen, aber auch Abteilungen, die sich z.B. mit der europäischen Integration oder mit dem europäischen politischen System, mit der europäischen Wirtschaft befassen.

Welche Ziele verfolgt das Zentrum für Deutschlandforschungen?

Wir beobachten Tendenzen in der Entwicklung Deutschlands, die deutsche Außenpolitik insbesondere in Bezug auf Russland. Das russische Parlament, die Präsidentenadministration oder andere Machorgane können uns jeder Zeit einen Antrag zu einem speziellen Thema stellen, das sie im Moment interessiert – sei es die Migrationspolitik oder die Kräfteverteilung vor den Wahlen. Unser Monitoring und unsere Analysen, Schlussfolgerungen und Empfehlungen stellen wir ihnen dann zur Verfügung. Auch das Außenministerium lädt uns zu runden Tischen ein, sie wollen unsere Expertise haben. Inwiefern es dann in der Tagespolitik berücksichtigt wird, ist eine andere Frage.

Auch die russischen Medien konsultieren sie oft. Was wollen die Journalisten wissen?

Natürlich geht es vor allem um die deutsch-russischen Beziehungen. Als im Jahre 2014 die Krise begann, waren alle in Russland geschockt, dass Deutschland die russische Position in Sache Krim nicht verstehen wollte. Keiner hat erwartet, dass deutsche Politik nicht nur Poroschenko unterstützten wird, sondern den Nationalismus und Extremismus in der Ukraine sozusagen übersieht. Man ging in Russland davon aus, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel unbedingt diese „braune Färbung“ in der Ukraine erkennen wird. Die Enttäuschung saß tief, denn man hat Deutschland sehr lang als einen sozusagen „Anwalt Russlands“ auf der europäischen Bühne gesehen. In den russischen Talkshows dominiert das Thema Ukraine bis heute. Und bis heute wollen die Menschen erfahren, warum Russland nicht verstanden wird. Jetzt kommt langsam die Ernüchterung. Man sieht ein, dass es sich um nationale Interessen handelt. Man geht davon aus, dass Deutschland eine führende Rolle in der EU spielt. Deswegen ist die Frage: wie ist die deutsche Außenpolitik mit der russischen korreliert. Das Thema Flüchtlinge interessiert die russischen Zuschauer auch sehr. Bemerkenswert dabei ist, dass sich viele Russen um die Flüchtlingskrise in Deutschland Sorgen machen. Man erwartet inzwischen nicht, dass Sanktionen abgeschafft werden, aber die Flüchtlingskrise hat die Russen emotional bewegt. Die meisten teilen die Meinung, dass Angela Merkel einen Fehler gemacht hat.

In den deutschen Medien herrscht eine sehr starke Personifizierung von Putin: „Putins Regime“, „Putins Propaganda“, „Putins Russland“ usw.  Sprechen die Russen über Merkels Deutschland?

Man fragt sich, warum sie die Grenzen geöffnet hat (und hier beobachtet man eine starke Personifizierung). Man versteht nicht, warum die Deutschen sie immer noch wählen wollen. Aber sie ist kein rotes Tuch wie Putin für den Westen. Man hat eher so eine Art Mitgefühl mit den Deutschen. Obwohl es auch viele Experten gibt, die eine sehr negative Meinung über Angela Merkel haben.

26 Millionen Todesoper auf der Seite der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, ein langer kalter Krieg, jetzt Sanktionen usw. Und trotzdem ist das Bild Deutschlands in Russland eher positiv besetzt, während in Deutschland Russland schon wieder als „Reich des Bösen“ gesehen wird.  Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Es ist ein Paradox: aber genau dieser blutige Krieg hat uns nähergebracht. Ein russischer Fernsehjournalist hat es mir so erklärt: „Zwischen den Deutschen und den Russen gibt es eine fast mystische Verbindung. Wie lange wir uns auch prügeln, am Ende werden wir uns versöhnen“. Und vielleicht kennen wir die Deutschen so gut wie keine andere europäische Nation, weil wir uns sozusagen oft verprügelt haben. Und es ist natürlich ein Teil unserer Geschichte, denn die Deutschen haben schon seit Peter dem Großen eine wichtige Rolle in Russland gespielt. Im russischen Bewusstsein gab es immer eine Bewunderung gegenüber Deutschland, vor der deutschen Ordnung usw.

Mit welchem Russland Bild werden Sie persönlich konfrontiert, wenn Sie in Deutschland an verschiedenen Konferenzen teilnehmen?

Es ist eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was ich in den deutschen Medien lese oder höre, und dem, wie mir Menschen in Deutschland begegnen. Und zwar meistens mit einer großen Sympathie. Viele sagen, dass sie an die Demokratie in ihrem Land nicht mehr glauben, oder dass ihnen klar ist, dass die Presse auf beiden Seiten nicht die Wahrheit sagt. Auch wenn ich mit deutschen Politikern rede, merke ich, dass sie viel mehr Verständnis für Russland, für russische Position haben, als sie es in der Öffentlichkeit zeigen. Ich würde sagen, es ist eine Art innere Zensur.

Daria Boll-Palievskaya – russland.NEWS