Wie Emotionen geschürt werden

[Von Dr. Christian Wipperfürth]

Der Live-Ticker des “Spiegel” zur Ukraine meldet am 27.02. um 11.48:

“Reuters meldet, dass jetzt auch die zweitgrößte russische Bank VTB aus dem Kreditgeschäft in der Ukraine ausgestiegen ist.  Zuvor hatte bereits die Sberbank die Darlehensvergabe praktisch auf Eis gelegt. Damit wird Firmen in der Ukraine zunehmend der Geldhahn zugedreht.” (http://www.spiegel.de/politik/ausland/liveticker-zu-ukraine-und-russland-a-955925.html)

Die emotionale Wortwahl des Artikels legt den Eindruck nahe, dass russische Banken der ukrainischen Wirtschaft Schaden zufügen.

Tatsache ist: Es waren westliche Banken, die ihr Engagement in den vergangenen Jahren beträchtlich reduziert haben. Im Januar 2008 hatten Banken mit Eigentümern aus einem EU-Land in der Ukraine einen Marktanteil von 32% am Bankensektor. Bis Januar 2012 sank er auf 24,3%. Seitdem ist er weiter abgesunken. Der Anteil russischer Kreditinstitute ist im gleichen Zeitraum von 5,6% auf 12,2% gestiegen und seither noch ein wenig angewachsen.

Westliche Banken sind aber weiterhin wichtiger als russische. Warum haben sich die Gewichte verschoben? Weil sich westliche Banken während und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise asus dem Geschäft in Ostmittel- und Osteuropa teilweise zurückgezogen haben, um den Heimatmarkt stützen zu können. Westliche Banken haben sich auch zu einem beträchtlichen Teil aus Russland zurück gezogen. Russische Banken haben auf ihrem Heimatmarkt und in Nachbarländern an Bedeutung gewonnen, weil sie deutlich finanzstärker und auch erfahrener geworden sind.

Russische Banken drehen der Ukraine nicht den Geldhahn zu. Sie tun das, was Geldhäuser gewöhnlich tun, wenn es eine Krise gibt – und die gibt es in der Ukraine – sie halten sich mit der Kreditvergabe zurück. Ebenso wie die Kreditinstitute in manchen Länder Südeuropas.

Das Niveau der Meldung des “Spiegel” ist erschreckend niedrig. Kann er es nicht besser? Oder soll Stimmung gemacht werden?

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.