Widersprüchlichkeiten in Slawjansk – und anderswo

Kommentar: Warum manche sich scheinbar widersprechende Kriegsaufnahmen aus dem Donbass nicht ungewöhnlich sind

 Slawjansk – Hochburg der Rebellen, wie es in den Amateuraufnahmen der Separatistenherrschaft schien oder nun freudig befreite ukrainische Stadt, wie uns die ukrainische Regierungspresse glauben macht? Zerstörte Stadt, wie Aufnahmen von vor ein paar Wochen nahe legten oder völlig intakt, wie uns offizielle ukrainische Armeevideos zeigen wollen? Widersprüchlichkeiten oder gar Lügen in der Berichterstattung – wo liegt die „Wahrheit“?

Erfahrungen der Geschichte

Es ist interessant, wenn gerade Deutsche eine solche Fragestellung umtreibt. Denn die eigene Geschichte müsste sie am besten gelehrt haben, dass solche Phänomene in einem Krieg nach einer Niederlage normal sind. Man erinnere sich nur an das Jahr 1945, in dem aus einem deutschen Volk überzeugter Nazis über Nacht eben jene Nazis völlig verschwunden waren und „eigentlich“ niemand so recht mit „Überzeugung“ dabei gewesen war – vor allem nach der Auskunft, die man den Siegern direkt gab. Nur wer in der NS-Zeit „in Amt und Würden“ gewesen war, konnte sich schlecht herausreden, auch wenn es die meisten natürlich trotzdem versuchten. Eben jene Leute sind in Slawjansk nun gar nicht mehr vor Ort, sondern nach Donezk geflohen.

Verstärkt wird so eine Tendenz durch drakonische Strafmaßnahmen für die Anhänger der Besiegten, wie jetzt in der Ukraine. Mit einem gestern von Poroschenko ratifizierten Gesetz steht auf Separatismus fünf bis sieben Jahre Gefängnis. Der vom Euromaidan eingesetzte Gouverneur von Dnjepopetrowsk Kolomoysky fordert sogar die Konfiszierung des Vermögens von allen, die die Separatisten unterstützt haben. Wer würde da nicht gegenüber den Siegern den überzeugten Separatistenfeind geben? Hier soll absichtlich nicht auf „niedere Beweggründe“ abgestellt werden vom Motto „das Fähnchen in den Wind hängen“. Wer eine Familie ernährt, sollte vor solchen Vorwürfen in sich gehen, ob er beispielsweise als Anhänger der Separatisten nach einer solchen Eroberung ohne Hoffnung auf eine Rückgewinnung wirklich offen mit seiner Überzeugung auftreten würde, um dann ins Gefängnis zu gehen oder ob für ihn nicht die Verantwortung gegenüber der Familie schwerer wiegen würde und er notfalls eine ukrainische Fahne gegen seine Überzeugung heraus hängt.

Hier soll nicht bestritten werden, dass es auch zur Separatistenzeit Anhänger der Regierung in Slawjansker Kellern gegeben hat, die nun freudig den Panzern der Regierungstruppen entgegen eilen (und sich dabei auch filmen lassen). Ich stelle hier aber die These auf, dass sie zu keiner Zeit die Mehrheit in der örtlichen Bevölkerung stellten. Zum einen gab es zu Beginn der militärischen Auseinandersetzung sofort spontan große Mengen von einheimischen Zivilisten, die sich unbewaffnet den ukrainischen Regierungspanzern entgegen stellten, jedoch in Slawjansk kein größeren Sympathiebekundungen für die Regierung, bevor die Herrschaft vor Ort an die Rebellen ging. Zum anderen sind die meisten Slawjansker aus der Stadt geflohen – mehrheitlich nach Russland. Warum sollten sie das tun, wenn ihre Sympathien der Euromaidan-Regierung galten, für die Russland so etwas wie der „Hort des Bösen“ ist? Vielmehr ist damit zu rechnen, dass von der existenten Minderheit der Regierungsanhänger in Slawjansk die meisten dort geblieben sind, in Erwartung „ihrer“ Truppen und so ist es natürlich nicht verwunderlich, dass sie jetzt, wo die Rückeroberung erfolgte, auch „da“ sind. Schlimm wird die Situation nun für die Geflohenen, denn wer möchte aus Russland zurück kommen unter dem sofortigen Verdacht, Separatist zu sein, worauf nach Poroschenkos Willen Gefängnis steht? Die Rückkehrquote der Flüchtlinge aus der Stadt dürfte bei den nach Russland geflohenen nicht allzu groß werden.

Eine Stadt – zwei Bildgeschichten

Gar nicht so viel anders verhält es sich mit den scheinbar widersprüchlichen Bildern. Wer im Film arbeitet weiß, dass es möglich ist in einer teilweise zerstörten Stadt zwei Kameraleute los zu schicken und zwei Filme zu schneiden, von denen einer aussagt, die Stadt sei komplett heil und der andere, sie sei komplett kaputt. Hierzu brauchen beide Seiten keinerlei gefakte Aufnahmen, sondern müssen nur ihre Motive passend auswählen. Das wäre sogar in deutschen Großstädten nach der oben zitierten „Stunde Null“ möglich gewesen, denn auch dort gab es intakte Stadtteile ohne jeden Bombenschaden.

So waren die auch von uns gebrachten Aufnahmen von Zerstörungen in Slawjansk, die von Amateurfilmern stammten, die wahrscheinlich den Separatisten von ihrer Einstellung nahe standen, nicht weniger „wahr“, als Aufnahmen der Regierungstruppen oder – wie zu erwarten – in Kürze deutschen Mainstream-Medien, die ein „intaktes“ Slawjansk präsentieren werden. So wie es den Kameraleuten damals darum ging, Zerstörungen ihrer Heimatstadt durch den „Gegner“ zu dokumentieren, geht es diesen Zerstörern und ihrem ideologischen Umfeld nun darum, die von ihnen selbst verursachten Zerstörungen als „zu vernachlässigend“ zu schildern, denn nur so können sie ihre eigene Schuld minimieren. Und jeder schickt nun seine eigenen Leute zum Beweis der eigenen Propaganda los – ein realen Bild könnte nur ein eigener Besuch verschaffen. Dass sich die Regierung der Ukraine dennoch einer Schuld bewusst ist, zeigt die gestrige Ankündigung, Donezk und Lugansk „ohne Einsatz von Artillerie und Luftwaffe“ erobern zu wollen. Man fühlt sich jetzt militärisch dazu in der Lage und im Gegensatz zu der ganz anderen Handlungsweise in Slawjansk ist nun das Ziel der „sauberen“ Darstellung der eigenen Aktionen höher gewichtet, als die möglichst radikale Kriegsführung, die automatisch mit mehr Opfern verbunden ist und die in Slawjansk „gewählt“ wurde.

Hier am Ende noch ein Wort in eigener Sache von russland.RU. Während wir bei Text- und Informationsquellen nur auf örtliche Online-Zeitungen direkt aus der Ostukraine vertrauen, die keine offenen Anhänger einer der beiden Seiten sind, sind wir bei Bildmaterial oft gezwungen, auf parteiische Quellen zurück zu greifen. Unsere finanziellen Mittel zu Beschaffung von Videomaterial sind sehr begrenzt und wir sind, wenn wir berichten wollen (und das wollen wir) auf die Quellen angewiesen, die uns ihr Material kostenfrei oder günstig zur Verfügung stellen. Westliche Nachrichtenagenturen haben ebenso wie russische Regierungsmedien Preise für ihr Rohmaterial, das ein unabhängiges Web-TV nie zahlen könnte, da die Einnahmen aus Web-Reporten niedriger wären als die reinen Kosten für Bildrechte. Kostenlos stellen nur örtliche Amateurfilmer und die abchasische Nachrichtenagentur Anna News Aufnahmen aus dem Donbass zur Verfügung, wenn man dort nachfragt und seine eigene Situation schildert. Die Amateurfilmer stehen mehrheitlich auf der Seite der Separatisten, wobei wir auch mehrfach Material von Euromaidan-Anhängern mit deren Genehmigung verwendet haben, vor allem auf der Krim. Anna News sind Abchasier und als solche verständlicherweise auf der Seite der Separatisten – denn Abchasien ist ein nach Unabhängigkeit strebender Teil von Georgien und als solcher hat man für einen nach Unabhängigkeit strebenden Teil der Ukraine verständlicherweise viel Sympathien. Das geht den noch spanischen Katalanen, die auch Beobachter zu vom Westen scharf kritisierten Referenden geschickt haben, genauso. Die Politiker-Aufnahmen stammen übrigens vom Presseservice der Europäischen Union, wo wir als akkreditierte Berichterstatter ebenso kostenlos Rohmaterial beziehen können – mit dem natürlich eigentlich positive PR für Brüssel gemacht werden soll.

Auch sehen wir uns im deutschsprachigen Raum als Korrektiv für eine Berichterstattung, die nach unserer Auffassung in der entgegengesetzten Richtung (bei der Ukraine pro-Euromaidan) äußerst einseitig ist und die hiesige TV-Landschaft über die Dominanz der Öffentlich-Rechlichen und weniger Medienkonzerne wie Springer fest im Griff hat – genau umgekehrt wie im russischsprachigen Raum. Online suchen die Leute daher vor allem nach den Teilen der Wahrheit, die die hiesigen Mainstream-Medien verschweigen – und gerade diesen Leuten fühlen wir uns verpflichtet, wobei wir uns dennoch bemühen, die nötige Distanz auch zu russischen Nationalisten, militanten Separatisten oder auch der russischen Regierung zu wahren. Im russischsprachigen Raum müssten wir wahrscheinlich den umgekehrten Weg einschlagen. Aktiven russischen Oppositionellen gilt unser Respekt – aber wir bewegen uns nun einmal im deutschsprachigen Raum und der ist andersherum einseitig.

Unabhängigkeit und Neutralität

Am Ende noch ein Absatz zu den Wörtern „Unabhängigkeit“ und „Neutralität“. Russland.RU ist unabhängig von irgendwelchen Regierungen oder Medienverbünden, das ist ein Fakt – denn unserem Herausgeber, einem deutschen, in Russland lebenden Journalisten gehören Domain und Zeitung vollständig und keine Regierungsstelle oder Medienkonzern hält Anteile oder unterstützt uns finanziell. „Neutralität“ nehmen wir für uns nicht in Anspruch. „Neutral“ berichtet in Wirklichkeit niemand aus einem solch emotional aufgeladenen Konflikt wie dem Bürgerkrieg im Donbass – in jede Darstellung fließen die innere Einstellung und die innere Erfahrung des Berichterstatters und die Erwartungen seiner Auftraggeber ein, nicht nur in Kommentaren. Auch jede Quelle lässt sich einem bestimmten Meinungsspektrum zuordnen und beispielsweise die öffentlich-rechtlichen Medien greifen ganz überwiegend auf pro-Euromaidan-Quellen zurück, ohne das wirklich kenntlich zu machen. Ähnlich verhält es sich übrigens mit vielen Kritikern einzelner Artikel im Netz, die schön als Beleg immer eine Quelle aus ihrem ideologischen Umfeld anführen. Wer für sich „Neutralität“ reklamiert, wie die deutschen Mainstream-Medien, versucht damit meist zu kaschieren, wie stark die eigene Berichterstattung von den vorgenannten Faktoren abhängig ist und im deutschsprachigen Raum sind nach unserer langjährigen Beobachtung (russland.RU existiert seit 1996) die großen Medien wie ARD und ZDF zunehmend führend bei dieser Heuchelei – denn außer den russischen Regierungsmedien vertraut niemand außer ihnen auf eine so einseitige Quellenlandschaft wie diese Presse. Auch sind wir der Meinung, dass eine es eine Neutralität ohne Unabhängigkeit gar nicht geben kann, denn „wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“ und das gilt für ein staatsfinanziertes Medium wie das Konglomerat aus ARD und ZDF nicht weniger als für Russlands „Perwij Kanal“ oder „Telekanal Rossija“. Einem solchen Verwirrspiel wollen wir uns nicht anschließen und nehmen deshalb für uns keine „Neutralität“ in Anspruch. Wir arbeiten ja zugegebenermaßen mit dem Ziel der deutsch-russischen Verständigung – und wenn man ein Ziel hat, kann man gar nicht immer neutral sein, wenn Dinge passieren und Meinungen gemacht werden, die diesem Ziel widersprechen.

Roland Bathon, russland.RU

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.