Wetterkapriolen: Wintersonnwende bringt Wärmerekord

Foto: Lothar Deeg/russland.RU (c)Foto: Lothar Deeg/russland.RU (c)
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Eigentlich ist jetzt Winter – erst recht in St. Petersburg, das so weit nördlich liegt, dass der Tag nicht mal mehr sechs Stunden dauert. Den Temperaturen nach könnte gerade aber auch ein verregneter, kühler Sommer sein.

Der 21. Dezember gilt, grob gesagt, als der astronomische Winterbeginn. Wir haben jetzt die Wintersonnwende – es wird also wieder heller und die Tage länger. Das ist schön, denn momentan ist es in St. Petersburg meistens zappenduster: Nur 5 Stunden und 54 Minuten liegen am heutigen Montag zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – am Dienstag ist es sogar nochmal eine Minute weniger.

An intensiver Sonneneinstrahlung können die Wetterkapriolen also nicht liegen, die gegenwärtig St. Petersburg heimsuchen: Heute wurden an der Newa der Temperaturrekordwert von 10,5 Grad gemessen – aber aufgepasst, plus! Und, besonders ungewöhnlich für eine Höchsttemperatur, das geschah auch noch mitten in der Nacht! Alexander Kolessow, seines Zeichens der Chefmeteorologe der Stadt, schreibt auf Facebook, dass auf seiner Datscha seit gestern die Krokusse blühen. Vermutlich auch nachts …

Hitzerekord – ganz ohne Sonne

Die Sonne hat mit den Rekordtemperaturen also nichts zu tun, ohnehin kommt sie erst gegen 10 Uhr morgens irgendwo im Südosten über den Horizont gekrochen, um sich alsbald im Südwesten um 16 Uhr auch schon wieder zu verkriechen. Meistens sieht man sie zu dieser Jahreszeit in Petersburg ohnehin nicht – die üblichen dicken Wolken legen einen diffusen Grauschleier über Stadt und Land am 60. Breitengrad.

Mit der lauen Sommernacht – nur gelegentlicher Nieselregen, der kräftige Westwind und wohl auch jahreszeitliche Gewohnheiten verhinderten die spontane Öffnung von Straßencafés – wurde der bisherige Allzeit-Temperaturrekord für einen 21. Dezember mit Vehemenz in die Tonne getreten: Bisher lag der nämlich bei lauen 5,5 Grad – gemessen anno 1936. Und auch schon am Sonntag, gemessen wurden 8,6 Grad, wurde der Temperaturrekord von 5,5 Grad aus dem gleichen Jahr eingestellt. Ähnliche Wetterdaten werden auch aus Moskau gemeldet, dort begann der heutige Tag mit nächtlichen 9 Grad plus.

Fünf Grade mehr als normal – das ist nicht normal

Gleich fünf Grad mehr als der bisherige historische Höchstwert für das gleiche Datum – das ist eine richtig heftige Klimaabweichung. Das erinnert schon an den katastrophal überhitzten Sommer 2010 – als über dem europäischen Russland für Wochen Turkmeniens Wüstenklima herrschte und rund um Moskau lichterloh Wälder und Moore brannten. Der Qualm von dort hüllte Petersburg nur für einen halben Tag ein – aber die jemals an der Newa gemessene höchste Temperatur trieb dieser Jahrtausendsommer von bislang 35 Grad auf 39 Grad hoch. Und nachts standen schweißtreibende 30 Grad in der Stadt … Wenn es so weiter geht, brauchen sich die Russen jedenfalls nicht zu grämen, dass sie nicht mehr in der Türkei und in Ägypten urlauben dürfen.

Noch schlagen die Meteorologen aber nicht Klima-Alarm und erklären die milde Wintersonnwende nüchtern mit einem kräftigen Islandtief und einem Hoch über dem Mittelmeer, zwischen denen warme Luft aus Westeuropa mit Macht tief nach Russland gesaugt wird. Diese Wetterlage soll noch einige Tage anhalten.

Weiße Weihnachten wird es also nicht mal in Russland geben – wobei hier ist ja diese Woche auch gar nicht Weihnachten. Aber das ist dann schon wieder ein anderes Thema. Bis Neujahr, wenn man auch hierzulande feiert, so versprechen die längerfristigen Prognosen, könnten die Temperaturen dann wieder Richtung Nullpunkt fallen – plusminus 1 Grad sind zwar auch nicht ganz das, was man unter „Russischen Winter“ versteht, aber immerhin.

[ld/russland.ru]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.