Wer verstößt gegen den Olympischen Frieden?

Den russischen Entwurf einer Resolution über den Olympischen Frieden erörtert die Generalversammlung der Uno am 6. November. Traditionell wird dieses Dokument vom dem Land ausgearbeitet, das die Olympischen Spiele austrägt. Ein „Olympischer Frieden“ wurde erstmals im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verkündet und damals unbedingt eingehalten: Wer dagegen verstieß, wurde hart bestraft.

Die Resolution über den „Olympischen Frieden“ ist tatsächlich eine Tradition. Gewöhnlich wird dieses Dokument nach einer kurzen formellen Erörterung automatisch verabschiedet, denn sein Text ändert sich mit den Jahren kaum. In diesem Jahr verlief die Erörterung indessen nicht so glatt. Ein Hindernis wurde, wie nicht anders zu erwarten, das in Russland verabschiedete Gesetz über das Verbot der Gay-Propaganda unter Minderjährigen. Im Dokument wurde darauf verwiesen, dass an Olympischen Spielen „Personen unterschiedlichen Alters, und Geschlechts, unterschiedlicher physischer Fähigkeiten, Religion, Rasse und unterschiedlichen sozialen Status“ teilnehmen können. Manchen Teilnehmern der Erörterung erschien das unzureichend zu sein. Sie forderten, in diese Aufzählung auch die Worte „Gay“ und „Transsexuelle“ aufzunehmen. Es sei bemerkt, dass in den Resolutionen der vergangenen Jahre, darunter auch zur Sommerolympiade in London – von den Anhängern nichttraditioneller sexueller Orientierung keinerlei Rede war.

Trotzdem wurde nach mehreren Wochen von Verhandlungen ein Kompromiss gefunden: Nun ruft das Dokument zu „sozialer Inklusivität“ auf, die eine Diskriminierung eines beliebigen Typs nicht zulasse. Russland war mit dieser Variante zufrieden. Aber da die meisten Resolutionen der Uno nur empfehlender Art sind, könne von ihrer buchstäblichen Befolgung keine Rede sein, bemerkt der Präsident der Föderation der Sportjournalisten Russlands Nikolai Dolgopolow.

„Ja, man muss um jeden Preis danach streben, dass in den Tagen der Olympischen Spiele der langersehnte Frieden herrscht. Und wenn irgendwelche militärischen Konflikte entstehen sollten, so darf sich das in keiner Weise auf die Austragung der Spiele auswirken. Ein Land muss sie auf einem solch hohen Niveau austragen, zu dem es nur fähig ist.“

Es sei hier gesagt, dass es in der Heimat Olympias – im Alten Griechenland – keine Forderung nach einer vollständigen Einstellung von Kampfhandlungen während der Spiele gegeben hatte. Doch als im Jahr 1893 diese alte Tradition wieder aufgegriffen wurde, führten die Teilnehmer der neuzeitlichen Olympischen Bewegung gerade einen solchen Punkt ein: die Einstellung aller Kriege und Konflikte – eine Woche vor Beginn der Spiele, während der Spiele und auch noch eine Woche nach ihrem Abschluss.

Die Austragung von Olympischen Spielen wurde von globalen als auch von regionalen Konflikten behindert. Die Olympischen Sommerspiele von 1916 konnten wegen des Ersten Weltkrieges nicht stattfinden. Und 1940 und 1944 war den Menschen auch nicht nach Sport zumute, denn die Staaten klärten ihre Beziehungen nicht in einer Sportarena, sondern auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Die Sommerspiele 1972 wurde von der „Münchener Tragödie“ überschattet, als Terroristen israelische Sportler als Geiseln nahmen. Und im Jahr 2008 startete Saakaschwili zum Eröffnungstag der Sommerspiele in Peking den Überfall Georgiens auf Südossetien. Der Krieg in Syrien wurde in den Tagen der Londoner Spiele nicht eingestellt, und es ist wenig wahrscheinlich, dass im Winter 2014 dort eine Waffenruhe eintreten wird. Der Vizepräsident des Zentrums für strategische Kommunikationen Dmitri Absalow sagt hierzu Folgendes:

„Ein ernsthafter Faktor bei dem Verstoß gegen dieses Verbot ist die Position mancher Staaten, die eine Aggression nicht eindeutig verurteilen. Zum Beispiel sind die Positionen der Länder zur Situation um Georgien noch immer unterschiedlich – und damit bleibt ein Präzedenzfall für weitere Verstöße. Außerdem hat in der Sportbewegung in gewissem Maße die Anlegung doppelter Maßstäbe die Oberhand gewonnen. Olympische Spiele wurden früher als gesellschaftliche und sportliche Ereignisse betrachtet, in letzter Zeit werden jedoch immer mehr politische Aspekte mit hineingetragen.“

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach wird sich in der 68. Sitzung der Generalversammlung der Uno in New York mit der Bitte an ihre Teilnehmer wenden, die Resolution über den „Olympischen Frieden“ zu den Spielen 2014 vom 7. bis 23. Februar zu verabschieden.