Wer sind die Faschisten in der Ukraine?

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[Von Christoph Brumme] Wer sind die Faschisten in der Ukraine, die Randalierer in Kiew, die Molotow-Cocktails und Steine auf Polizisten werfen? Wer ist der geheimnisvolle, ultra-radikale, extrem-nationalistische „Rechte Sektor“? Wer sind die Wähler und Funktionäre der Partei „Swoboda?“ Und wer die Polizisten, die für Janukowytsch Prügel beziehen müssen?

Niemand wisse genau, wer diese Leute seien, heißt e in der Presse immer wieder. Agieren sie konspirativ? Nein, sie zeigen sich in der Öffentlichkeit. Warum redet dann niemand mit ihnen? Niemand interviewt die „Faschos“, niemand fragt nach den Gründen ihrer Wut. Genügt es, ihre Pamphlete zu lesen, um zu erfahren, was sie wollen? Wie ist das Verhältnis der Anhänger und Wähler zu den Funktionären, zu den Führern, wie man in der Ukraine sagt?

Bei den Ukraine-Nachrichten definiert ein Ukrainer-Kenner das rechte Spektrum so: „Der Rechte Sektor, das sind Teile von Swoboda, Trisub, Patriot Ukrajiny, UNA-UNSO (Ukrainische Nationalversammlung-Ukrainische Nationale Selbstverteidigung), der Kongress Ukrainischer Nationalisten, die ganzen faschistischen Splittergruppen, die in den ganzen Jahren hier herangezüchtet wurden, Hools von Dynamo Kiew.“

Man könnte noch ein Dutzend andere radikale Splittergruppen aufzählen, die das oligarchische polit-ökonomische System beseitigen wollen und die mit den Rechten sympathisieren, als da wären die Neo- Stalinisten aus dem Donbass, die Machnow-Leute, die Dekabristen, die Trotzkisten, die Zaristen, die Anarchisten und einige radikale Kosaken-Bataillone. Und Hooligans gibt es nicht nur in Kiew, jede Fußballmannschaft der 1.Liga hatte solche Anhänger. Das sind auch keine anonymen Menschen, man kann sie in den Sportkneipen treffen, wo Dart und Billard gespielt werden. Das wäre in Deutschland nicht anders. In einer Hotel-Bar wird man sie nicht treffen. Aber am Abend vor dem Spiel stehen die jungen Männer in Sportkneipen und Biergärten herum, um die Strategien für den nächsten Tag abzusprechen.

Die Partei „Swoboda“ ist im „Rechten Sektor“ die bekannteste Vereinigung, weil sie bei Parlamentswahlen 10 % bekam, das heißt, unter Anrechnung der Nichtwähler haben 6 – 7 % der Erwachsene sie gewählt.

Auf dem Majdan in Kiew hatte ich die Ehre, einige Tage lang Gast eines „Swoboda“-Funktionärs und seiner Freunde zu sein. Es war so kalt Mitte Dezember, besonders nachts, ich wärmte mich an einer Tonne mit Feuer. Die bösen Radikalen reichten mir Suppe, boten Tee an. Sie sagten nichts, ich auch nicht. Es steckte nur die ukrainische Nationalfahne mit dem Namen ihrer Stadt an ihrem Zelt, keine Parteienfahne. Wir standen vielleicht zwanzig Minuten zusammen am Feuer. Dann ging ich zum Europaplatz, um einen Becher Glühwein zu trinken. Auf dem Majdan gab es keinen Alkohol, für mich eines der größten Wunder, das ich mit der Ukraine verbinde.

Ich tröstete noch ein paar Polizisten, die froren ja auch, die Burschen, viele Achtzehn-, Neunzehnjährig, denen man eigentlich Teddybären in die Arme drücken möchte. Am Kiosk traf ich einen der Männer vom Feuer. Einen Swoboda-Funktionär, wie sich später herausstellte. Verheiratet, Kinder, arbeitslos. Offiziell arbeitslos. Inoffiziell weiß die Regierung von der Hälfte der Bevölkerung nicht, wie sie ihr Geld verdient.

Ich wollte ihm Glühwein spendieren, er wollte nicht, keinen Alkohol, der mache müde und aggressiv. „Wir müssen klug handeln“, sagte er. „Die Regierung würde sich freuen, wenn wir Alkohol trinken würden, sie spendieren ihn ja ihren eigenen Anhängern, so macht man sich das Volk gefügig.“

Ein Mann mit Kopf und Verstand. Er bestellte Kaffee, auch den durfte ich nicht bezahlen. Als ich wissen wollte, warum er in Kiew sei, wo er herkäme, antwortete er mit einem Blick auf die anderen Wartenden in der Schlange vor dem Kiosk, er wolle mir später antworten.

Ein paar Schritte später erzählte er etwas ausführlicher über sich. Seine Frau versorgt zu Hause das Vieh und die Kinder, sie schicke Essen. Bis zur Aussaat könne er auf dem Majdan bleiben, bis April, wie seine Freunde auch. Auf vier Monate Majdan-Verteidigung seien sie vorbereitet. Drei Monate planten sie ein für den Sturz von Janukowytsch, ihr wichtigstes Ziel. Er sei Abgeordneter in seinem Heimatkreis. Er wolle nicht von jedem erkannt werden, es seien „Berkut“-Spitzel am Kiosk gewesen. Der Europaplatz, 300 Meter vom Majdan entfernt, galt als Regierungsgelände.

Wir setzten uns zu seinen Freunden ans Feuer. Warum sie in Kiew seien, wollte ich wissen. Von den zehn Männern wohnten zwei in Kiew. Sie hatten sich dieser Gruppe von Traktoristen angeschlossen, versorgten sie mit Kleidung, dort könnten sie Wäsche waschen und suchen. Vier der Männer arbeiteten etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew als Traktoristen. Die beiden Kiewer waren Rentner, beide Anfang 50. Bestimmte staatliche Angestellte, Feuerwehrleute, Physio-Therapeuten, erhalten nach 25 Arbeitsjahren die Mindestrente.

Die anderen Männer übernachteten im Gewerkschaftshaus. Zwei kamen aus Nikopol, aus dem Süden der Ukraine. Irgendwelche verwandtschaftlichen Beziehungen gab es. Alle gehörten zu den Demonstranten des ersten Dezembersonntags, zum harten Kern der Majdan-Verteidiger.

Dass sie bewaffnet seien, daraus machten sie mir gegenüber am zweiten Tag unserer Bekanntschaft gar kein Geheimnis. Womit? „Wir haben alles“, sagten sie. „Alles? Auch Pistolen? Berkut kann schießen.“ „Wir auch.“

Es erstaunte mich eigentlich nicht. Auf dem Land sind viele Männer im Besitz von Schusswaffen, ob Kalaschnikow oder Mauser-Pistole. Auf meiner letzten Radreise traf ich einen Mann, der in seiner Wohnstube eine deutsche Haubitze aus Wehrmachtsbeständen wieder schussbereit gemacht hatte. Den Beweis seines Erfolgs führte er nicht vor, aber angesichts der geschmierten und geölten Teile glaubte ich ihm.

Ein Thema am Feuer: Wenn die Sondertruppe „Berkut“ den Majdan räumen wolle, werde es Blutvergießen geben. Sie seien bereit, ihre Leben einzusetzen für die Freiheit ihrer Kinder. „Tatsächlich, so ernst?“ Hätten sie Wodka getrunken, hätte ich ihnen gleich geglaubt. Abe sie schienen es ernst zu meinen. Alle behaupteten, dass Janukowytsch von Putin eine Milliarde Euro zum persönlichen Gebrauch erhalten habe, ein Gastgeschenk für die Familie. Sonst äußerten sie keine radikalen politischen Äußerungen, außer der, dass Janukowytsch zurücktreten müsse.

Der Präsident war zu gierig, und jetzt hat er auch noch die Tür nach Europa zugedonnert. Bald, so glaubte man, könne man dorthin so frei reisen wie auch nach Russland, ohne Visum, um die Verwandten zu besuchen. Und um im Autohandel ein bisschen mitzumischen. Der Zigarettenschmuggel funktioniert ja im Moment wieder ganz gut, um den muss man sich nicht kümmern, da verdienen auch die polnischen Geschäftspartner mit.

EU gleich Visafreiheit, gleich Verwandten- und touristische Besuche, gleich gebrauchte Autos in Deutschland kaufen und in Berlin studieren zu können, auf diese Utopie hofften einige Millionen Ukrainer. Zwar hatte die EU gar nicht versprochen, Visafreiheit zu gewähren, aber Ukrainer lesen ja russische Zeitungen und in denen wurde berichtet, dass die Russen bald Visafreiheit bekommen. Also dann werden wohl auch die Ukrainer bald dieses eigentlich selbstverständliche Recht erhalten, wenn man schon ein Partnerschaftsabkommen mit der EU abschließt.

Später führte mich der Abgeordnete in das Gewerkschaftshaus, wo „der gewaltbereite Kern der Selbstverteidigungskräfte“ wohnt. Es war erstaunlich, wie warm es dort nachts war, die dicken Mauern halten die Kälte gut ab. Hier hatte man den Eindruck, die Verteidiger des Majdan könnten eine Belagerung von einigen Jahren überstehen. Die Disziplin ist hoch, das war zu merken. Die Organisationsform der damals etwa 4000 Mann starken Truppe war ein geschmeidiges Wabenprinzip. Zehn bis zwanzig Leute bildeten eine Gruppe und jede hielt Kontakt zu mehreren befreundeten Gruppen aus der Heimatregion, zu Studenten aus Lwiw, zu Afghanistanveteranen aus Odessa und zu arbeitslosen Bergarbeiter aus dem Donbass. Ob überhaupt eine zentrale Führung besteht, war unklar oder wurde mir gegenüber geheim gehalten.

Mit den drei Führern der Opposition waren sie nicht zufrieden, auch mit ihrem Parteichef nicht. Man solle handeln, nicht reden. Sie wussten, dass die Oktoberrevolution auch nur von tausend Matrosen durchgeführt worden war.

Ich erzählte ihnen, dass in Deutschland ein Generalstreik verboten sei. Sie lachten. Als ob man jetzt Verbote akzeptieren könne! Der Deutsche will zuerst eine Bahnsteigkartte lösen, bevor er zur Revolution fährt! „Fragt Janukowytsch nach dem Recht? Offiziell verdient er 2000 Euro, doch er lebt wie der Fürst von Monaco.“

Drei jüngere Männer kamen manchmal als Gäste am Feuer vorbei. Mittlerweile war für jeden ein Schutzhelm da, auch der Verkauf der Souvenirs, der Anstecker für den Kühlschrank und der Schals, war jetzt gut organisiert. Wenn Ruslana auf der Bühne die Nationalhymne sang, standen alle auf, legten die rechte Faust aufs Herz und sangen mit. „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben, noch wird uns lächeln, junge Brüder, das Schicksal. Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein.“