Wer bricht den Waffenstillstand? [mit Videos]

Waffenstillstand bei Donezk später und unterbrochen - Kämpfe mit gegenseitigen Schuldzuweisungen vor Mariupol - Angriff von Neofaschisten auf Beamten in Odessa

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Es ist natürlich keine Frage, wer die Waffenruhe im Donbass aktuell verletzt: Es sind die anderen.

Waffenruhe bei Donezk und auf dem Land später

Tatsache ist, dass die Situation zwar wesentlich ruhiger ist, als vor dem Waffenstillstand, als beide Seiten noch einmal tief in ihr Arsenal griffen, um zu zeigen, was da noch alles drin ist. Doch eigentlich gab es eine echte Waffenruhe nie. Der Beschuss von Donezk und die Kämpfe in den Dörfern der Umgebung flauten laut der Onlinezeitung Tajmer, die zu verschiedenen Einheimischen in Verbindung steht, erst am Samstag, gegen 15 Uhr Ortszeit ab – wobei das die Bewohner der geschundenen Gegend nicht weniger glücklich über die ersehnte Kampfpause machte. Kämpfe am Donezker Flughafen wurden dann aber wieder vom heutigen Morgen von der Onlinezeitung Politnavigator berichtet, wobei auch diese, wie eigentlich alle unabhängigen Berichterstatter, die keiner der beiden Seiten nahe stehen, eine eindeutige Schuldzuweisung vermeiden

Nächtliche Kämpfe mit Toter bei Mariupol

Diese dauerte insgesamt nicht lange. Denn in der Nacht von gestern auf heute brachen bei Mariupol erneut Kämpfe aus, wo die Waffenruhe bereits am Freitag abends gefriffen hatte. Die Onlinezeitung Mariupol Schisn berichtete von einer toten Frau an einer beschossenen Tankstelle, drei Verwundeten und einem beschädigten Umspannwerk. Die Frage, die die Anhänger beider Seiten am meisten interessiert, wer denn nun da (zuerst) geschossen hat, beantwortet die Zeitung in ihren Berichten nicht.  Auf Seiten der Antimaidaner kursieren seit heute morgen diese Videos. Das erste von einem frisch gegründeten Privatkanal, das belegen soll, dass der Bruch der Waffenruhe bei Mariupol von den Regierungstruppen ausgelöst worden sein soll:

Das Zweite mit gleichem Inhalt von einer schon länger existenten Donezker Seite

https://www.youtube.com/watch?v=e4uroZuieEk

Umgekehrt wirft der ukrainische Sicherheitsrat laut Presseberichten aus Kiew der Gegenseite vor, trotz Waffenstillstand ukrainische Stellungen angegriffen zu haben. Da auch der echte Beweiswert der Videos nicht so hoch ist, lässt sich beim Nachtgefecht in Mariupol die Schuldfrage also nicht zweifelsfrei aufklären.

Truppenbewegungen bei Lugansk

Bei Lugansk gibt es Truppenbewegungen der Rebellen, die auf diesen Aufnahmen wiederum einer Euromaidan-Seite zu sehen sein sollen und laut Meinung der Euromaidaner die Nutzung des Waffenstillstands zur Heranführung von Truppen und natürlich die Unterstützung aus Russland belegen sollen:

Gefilmter Angriff von Neofaschisten in Odessa

Unruhig ist die Situation in der Ukraine nicht nur im Kriegsgebiet. Hier sehen wir, geliefert von der ukrainischen Onlinezeitung Politnavigator, den Angriff auf offener Straße auf einen örtlichen Beamten durch Aktivisten des neofaschistischen Rchten Sektors in Odessa, das von der ukrainischen Regierung beherrscht wird. Massiver wird die Schubserei und Bedrängung vor allem ab etwa 3 1/2 Minuten und endet am Schluss glücklicherweise in einer Mülltonne:

https://www.youtube.com/watch?v=wbhiTX7bLOU#t=23

Vorgeworfen wird dem Beamten von den Rechtsaktivisten Korruption, betraut ist er mit der Unterbringung von Donbass-Flüchtlingen in der Region und diese Aufnahme von Flüchtlingen passt dem Rechten Sektor generell nicht – sind doch große Teile des Donbass von Armee und Nationalgarde „befreit“ worden.

Insgesamt sieht es also nicht gut aus für eine Beruhigung der Lage in der Ostukraine. Sollte der gesamte Waffenstillstand zusammen brechen, steht aber schon eine Sache fest: Keine Seite wird es selbst gewesen sein und beide Seiten haben in ihren Reihen Ultra-Nationalisten, die zu einer Torpedierung der Waffenruhe willens sind – zum Schaden der Menschen, die im Donbass leben. Passenderweise wollen jetzt fünf NATO-Staaten den Regierungstruppen Waffen liefern.

Nachtrag 18:09 Uhr MESZ

Der russische TV-Sender Swesda meldet soeben einen ukrainsichen Angriff auf Donezk, also wieder einen Bruch der Waffenruhe. Wir bleiben dran, was sich davon bestätigt.

Roland Bathon, russland.RU