Welche Chancen räumt Europa Russland bei der EM 2016 ein?

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In rund vier Wochen wird die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich angepfiffen. Wie wird das Abschneiden der „Sbornaja“, zwei Jahre vor der WM im eigenen Land, aus gesamteuropäischer Sicht bewertet? Werden die Russen der Überflieger des Turniers oder dümpeln sie saft- und kraftlos vor sich hin, um spätestens nach der Vorrunde auszuscheiden?

Wie lässt sich eine derartige Frage eigentlich seriös beantworten? Der emotionale Weg scheidet von vornherein aus. Natürlich erhofft sich jeder insgeheim, dass „sein“ Team, Außenseiter oder nicht, soweit wie möglich kommen wird. Man kann sich natürlich auch in die Materie einarbeiten, die Mannschaften über einen längeren Zeitraum beobachten und Vorbereitungsspiele akribisch analysieren. Hinzu gesellt sich dabei das intensive und ermüdende Studium der jeweiligen Statistiken.

Eine weitere Möglichkeit ist auch einer gewissen Gesetzmäßigkeit folge zu leisten. So weiß man, falls man sich ein bisschen für das Geschehen interessiert, dass Mannschaften wie zum Beispiel Island oder Albanien als exotische Außenseiter gehandelt werden. Wohingegen Deutschland seinem ihm vorauseilenden Ruf als Turniermannschaft stets gerecht werden konnte. Auch Frankreich und Portugal sind bei derlei Wettbewerben garantiert nicht als Underdogs zu betrachten.

Sportwetten als Leistungsbarometer

Ein weiterer, durchaus verlässlicher, Weg die Lage zu sondieren, sind Sportwetten. Zum Einen blenden sie die gefühlsbetonte Sichtweise des Einzelnen aus und zum Anderen spiegeln sie eine allgemeine Grundtendenz wider. Zwar muss die Masse der Menschen nicht immer richtig liegen, da sehr oft auch Emotionen eine Rolle spielen. Dies zeigt sich vor allem auch an den Statistiken, wie oft Europäer auf internationaler Ebene für ihr eigenes Team wetten.

Trotzdem können wir uns hinsichtlich der Aussichten des russischen „Sbornaja“ beim bevorstehenden Turnier ruhig einmal von der Meinung der Mehrheit leiten lassen. Die ist einstimmig der Auffassung, dass es in Russland an der Nachwuchsförderung fehle. Stattdessen werden lieber Ausländer eingebürgert, die eigentlich aber erst als die großen Hoffnungsträger für die WM 2018 gelten. Wirft man einen Blick auf die Vorrundengruppen, so dürften die Slowakei und Wales keine allzu großen Stolpersteine darstellen. Erst mit England wird sich der erste schwere Brocken zeigen.

Russlands für und wider

Interessanterweise traf das russische Team in der Vorrunde am Häufigsten auf den späteren Titelträger, der in dem Fall England hieße. Mit ein bisschen Glück, das musste man bereits in der Qualifikation bemühen, kann Russland durchaus das Achtelfinale erreichen. Jedoch, wie sieht es dann im Viertelfinale aus? Dass dem Team ein ähnlicher Wurf beschert wird wie bei der EM 2008, als Russland das Halbfinale erreichte, ist eher nicht zu erwarten. Damals standen relativ junge, durch hervorragende Vereinsleistungen beflügelte Spieler auf dem Platz. Heute gilt die „Sbornaja“ als hoffnungslos überaltert. Zudem ist das Spielsystem zu leicht durchschaubar.

Lässt man jedoch die nackten Zahlen eines großen Wettanbieters sprechen, sieht es für Russland allerdings nicht einmal so schlecht aus. Demnach erreicht die „Sbornaja“ so gut wie sicher (bei einer Quote von 1:6,25 falls nicht) das Achtelfinale. Den Quoten zufolge ziehen Russland (1:1,35) und England (1:1,10) gemeinsam in die Ko-Runde ein. Beim Einzug in das Viertelfinale gehen die Meinungen auseinander. Bei einer Platzierung im Mittelfeld (1.2,75) schwindet schon das Vertrauen. Für das Halbfinale sieht es noch finsterer aus. Hier rangiert Russland mit der Quote von 1:9,00 weit hinter den vermeintlichen Favoriten. Vom Endspiel indes redet überhaupt niemand mehr.

Man sieht also deutlich, das Vertrauen Europas in die „Sbornaja“ langt auf jeden Fall bis über die Gruppenphase hinaus. Das Erreichen des Viertelfinales scheint zwar möglich, aber dennoch recht unwahrscheinlich. Das Halbfinale käme einem Wunder gleich und an das Finale werden nicht einmal die Russen selber glauben. Soweit zu aller Theorie, jetzt muss nur noch Fußball gespielt werden. Am 10. Juni 2016 geht es los damit.

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.