Wegen der Sanktionen – der längste Bus der Welt steht still

Ehrenhain/St. Petersburg – Die Sanktionen gegen Russland greifen um sich. Nun hat es auch die Firma Göppel erwischt, denn der Bushersteller musste jüngst Insolvenz anmelden. Seit 1923 war der Traditionsbetrieb aus Thüringen auf die Produktion von Bussen aller Couleur spezialisiert.

Seit der Firmengründung umfasste die Palette der fabrizierten Fahrzeuge Stadtbusse, Reisebusse, sowie Linienbusse. Ab den 1960-er Jahren war das Hauptstandbein des Unternehmens die Fertigung von Nachläufern, also Anhängern für Busse. Dieser Produktionszweig wurde Anfang der 80-er durch den Bau von Schubgelenkbussen abgelöst.

Der große Wurf um die Jahrtausendwende gelang mit der Einführung von variablen Transportsystemen, die dem Bedarf nach entsprechend angepasst werden konnten.

Noch im Jahr 2013 konnte sich russland.RU dann ein ausführliches Bild vom längsten Linienbus der Welt im Rahmen der Hannovermesse machen. Da war das Thüringer Unternehmen Göppel bereits von den St. Petersburger Kirow-Werken übernommen worden, weil es in einer Krise steckte. Zunächst sah die Zukunft für beide Firmen marktorientiert und aufstrebend aus. Doch dann kamen 2014 die Sanktionen, die so manchem hiesigen Unternehmen das Genick brechen sollten – so auch Göppel.

Ohne Rubel rollt der Bus nicht

Über 250 Personen wollte das Aushängeschild der beiden Nutzfahrzeughersteller mit einer Fuhre transportieren, um eine sinnvolle Auslastung des Nahverkehrs zu realisieren. Daraus wird jetzt vorerst einmal nichts. Der Rubel, und damit auch der Bus, rollt nicht mehr. Hier auf der Messe habe es schon mehrere Gespräche mit verschiedenen Interessenten aus größeren Städten gegeben, die sich vorstellen könnten, den Bus statt Straßenbahnen zum Einsatz zu bringen, zeigte sich Dr. Albrecht Bochow, Vorstandsmitglied von Kirowski Sawod, gegenüber russland.TV in Hannover noch zuversichtlich.

Neben der „Auto-Tram“ aus dem normalen Bus noch weitere Themen zu entwickeln sei die Strategie des Unternehmens, so Bochow. Damit bezog er sich auf den Elektro- oder Gasbus, mit oder ohne Hängersystem, um energieeffizient auf die Städte für den jeweiligen Bedarf zuzugehen. So hofften Investor und Hersteller gleichermaßen auf den Erfolg ihres innovativen Produkts, um auf dem Markt bestehen zu können. Zahlreiche Arbeitsplätze, sowohl in Russland als auch in Deutschland, könnten dadurch gesichert werden.

Pustekuchen, denn erst kürzlich musste die Firma Göppel 130 Arbeiter ausstellen, weil keine Kapazitäten mehr vorhanden sind. In Folge dessen konnten zuletzt auch keine Löhne mehr ausbezahlt werden. Dabei verfolgten die St. Petersburger Partner ja durchaus langfristige Ziele. Neue Technologien wollten sie zusammen entwickeln, um mit dem Fortschritt mithalten zu können. Nun üben sie sich in Zurückhaltung Deutschland nach wie vor als sicheres Investitionsland zu betrachten. Allesamt werden die russischen Investoren vorsichtiger.

Und wer sich noch trauen würde, der darf nicht wie er will. Sanktionen eben. Nun sind leider Beispiele wie das der Firma Göppel lediglich die Spitze des Eisbergs. Insgesamt drohen der europäischen Industrie gerade im Sektor Maschinen- und Autobau Einbussen von 7,8 beziehungsweise 7,6 Milliarden Euro. Auch die Agrarwirtschaft, sowie die Chemie- und Pharmaindustrie bangt um insgesamt fast 9 Milliarden Euro. Am stärksten betroffen ist jedoch der Finanz- und Kapitalmarkt. Sage und schreibe 16,8 Milliarden Euro werden den europäischen Banken und Versicherungen durch den Wegfall ihrer Russlandgeschäfte in den Bilanzen fehlen.

Angesichts dieser Zahlen darf man eher nicht davon ausgehen, dass sich die europäische, und somit auch die deutsche, Wirtschaft momentan von den Maßnahmen gegen Russland begeistert zeigen kann. Man mag sich mit den lachenden Dritten freuen, die nun ihrerseits die Gelegenheit beim Schopfe greifen und ihre Geschäfte mit Russland forcieren. Und so mancher, wie beispielsweise die Türkei, mag sich jetzt glücklich schätzen, von der EU seinerzeit geschasst worden zu sein.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.