Warum Russland jetzige Militäraktion falsch ist

Kommentar von Roland Bathon zu aktuellen Situation auf der Krim

Wenn man aktuell bezüglich der Ukraine deutsche und russische Medien verfolgt, fühlt man sich ein wenig an den Georgienkrieg erinnert – wegen der beiderseitigen Einseitigkeit. Das aktuelle militärische Eingreifen Russlands auf der Krim könnte aber dazu führen, dass die russische Seite dieses Mal im Nachhinein – im Gegensatz zu 2008 – der moralische Verlierer sein könnte.

Man erinnere sich an den Georgienkrieg – die georgischen Truppen griffen das nach Unabhängigkeit strebenden Südossetien unproviziert an und wurden von der russischen Armee wieder vertrieben. Dargestellt wurde der Konflikt von den antirussischen Medien wie ARD und ZDF natürlich ganz anders und im Nachhinein musste man klammheimlich zugeben, dass einmal die russische Propaganda näher an der Realität war, als die deutsche „freie Presse“. Die Südosseten sind des Dankes an den großen Beschützer Russlands bis heute voll.

Doch nun auf der Krim ist die Situation anders. Zwar strebt auch hier die Mehrheit der Bevölkerung nach Unabhängigkeit. Ihre Situation ist genauso verständlich, wie die der Südosseten – keine innere Verbundenheit mit einem Land, zu dem man durch einen historischen Zufall nach dem Zerfall der Sowjetunion gehörte und zu dem man sich nicht zugehörig fühlt. Jedoch gab es hier noch gar keinen gewaltsamen Versuch, das Streben  der Krim nach Unabhängigkeit oder einem Wechsel nach Russland, von Seiten des neuen Ukrainischen Regimes gewaltsam zu beenden. Nicht, dass der „Euromaidan“-Regierung ein solcher nicht zuzutrauen wäre, sind dort ja immerhin ukrainische Nazis – anders kann man sie nicht nennen – mit an der Macht.

Doch die Steigerung der russischen Militärpräsenz erfolgte nach russischer Lesart sozusagen „vorbeugend“ und genau darin liegt das Problem. Russland war hier – anders als in Südossetien – der erste Aggressor. Denn Militärentsendung muss immer als Aggression wirken. Es war noch gar nicht klar, ob die Ukrainer ihre Probleme eines auseinander strebenden Landes selbst hätten lösen können. Notfalls auch durch eine Teilung dieses so unterschiedlichen Landes, das zwei Jahrzehnte von Zerreissproben hinter sich hat oder durch eine Unabhängigkeit nur der Krim. Alles wäre ja besser gewesen, als eine offene militärische Auseinandersetzung. Und eine Aufstockung einer militärischen Präsenz – egal ob im Einklang oder gegen geltende Verträge hat im Laufe der Geschichte bisher noch selten in irgend einem Konflikt deeskalierend gewirkt.

Nun hat man auch in den prorussischen Regionen eher Befürchtungen als ein Gefühl des „beschützt werdens“ erzeugt. Nicht jeder, der für eine Unabhängigkeit oder größere Autonomie der Krim oder der Ostukraine kämpft, wünscht sich auch eine militärische Eskalation. So schwankt nun selbst der ukrainische Osten zwischen Anti-Euromaidan und Angst vor Krieg. Wer dortige Zeitungen liest, wird das deutlich spüren. Eine Eskalation ist dort mehrheitlich nicht gewollt und das jetzige russische Verhalten wird als eine solche empfunden.

Anders wäre es gewesen, wenn man von russischer Seite gewartet hätte, ob die neue ukrainische Regierung ihre „dunkle Seite“ gezeigt hätte – nach oder im Prozess einer Unabhängigkeit der Krim. Ein militärisches Eingreifen in diesem Fall, einer ukrainischen Aggression, hätte in der Tat gut als Schutz der russischen Bevölkerung gewertet werden können, wenn nicht müssen. Natürlich wäre auch hier die Bewertung der Tagesschau eine andere, aber eben eine falsche gewesen und die Deutschen sind nicht so dumm, den gebührenfinanzierten Medien blind zu trauen. Es wäre auch angesichts der starken russischen Truppenpräsenz in Sewastopol und der nahen russischen Grenze militärisch ohne weiteres möglich gewesen, erst zu reagieren, als zu agieren.

Nun bietet man jedoch – als erster Aggressor – dem Russland-feindlichen Teil des Westens eine offene Flanke. Verschwörungstheoretiker mit ewiggestrigem Denken und moralisierende mitteleuropäischen Besserwisser reichen und reiben sich die Hände. Sie haben es ja schon immer gewusst, dass die Russen die Bösen sind und haben wieder einen neuen „Beweis“ für ihre These. Unterstützer Russlands sind eher ratlos und stehen mehr denn je unter Beschuss. Gegen  Rückwärtsdenker zu argumentieren, wird für jeden echten Freund von Russland im Westen nun wesentlich schwerer. Denn die Panzer der bösen Russen rollen. Im geopolitischen Spiel werfen sie Russland ein großes Stück zurück. Das dürfte auch nicht im Sinne der Hurra-Patrioten Russlands sein, die jetzt das Lied der neuen Stärke des Mütterchens anstimmen. Nationalismus hat noch keiner Nation wirklich geholfen.

Roland Bathon, russland.TV

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.