Vorolympische Unterbeschäftigung

Kommentar über die unolympische deutsche Vor-Berichtserstattung aus Sotschi

Wladimir Putin: „Russland ist zur Durchführung der Olympischen Winterspiele in Sotschi bereit.“Wladimir Putin: „Russland ist zur Durchführung der Olympischen Winterspiele in Sotschi bereit.“
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Was macht ein deutscher Journalist, der zu Olympia 2014 schon in Sotschi ist, aber aufgrund noch nicht begonnener Wettkämpfe eigentlich noch nichts zu tun hat? Nun ja, erst einmal kann man ja nach katastrophalen Missständen suchen. Man ist ja schließlich in Russland und weiß, was man über einen Aufenthalt dort außer ein wenig Sport zu schreiben hat.

Wie etwa den Skandal mit den US-amerikanischen Joghurts für deren Olympiamannschaft, die wegen völlig überzogener russischer Hygienevorschriften auf einem dortigen Flughafen feststecken, anstatt den geplanten Essern zu munden. Oh Gott, Joghurt-Entzug, das geht auf die Leistungskurve. Vielleicht sollte man stattdessen doch in den russischen Supermarkt um die Ecke gehen und dort Joghurt kaufen? Nein, das geht aber doch gar nicht, in einen russischen Supermarkt! Wo es nur exotische Marken aus der alten Welt wie „Ehrmann“ oder „Danone“ gibt, die den russischen Joghurtmarkt beherrschen! Und bei diesen laxen russischen Hygienevorschriften! Oh, hoppla. Sind sie jetzt zu streng oder sind sie zu lax? Für eine Sache müssen wir uns innerhalb eines Artikels schon entscheiden, sonst merkt den Widerspruch vielleicht sogar der deutsche Massenmedien-Konsument.

Aber es gibt noch mehr Schlimmes, wie fehlende Hotellobbys, tropfende Wasserhähne und – der Gipfel der Unverfrorenheit – sogar DOPPEL-KLOKABINEN. Berichte von kaputter Einrichtung und Unsauberkeit gibt es natürlich in Holiday-Portalen auch von anderen Dritte-Welt-Urlaubszielen, wie Tunesien, Mallorca oder Berlin zuhauf in einer Zeit, wo dort ganze Massen von Urlaubern neu eintreffen. Aber natürlich würde man bei Mallorca oder Berlin damit nicht gleich die ganze Stadt oder das ganze Land als fehlkonstruiert darstellen. Das wäre ja diskriminierend.

Aber bei Russland, da ist das was anderes. Da sind das natürlich Symptome eines kaputten Landes mit einem übertreuerten, dünnen Neuanstrich. Nein noch viel mehr. Denn Sotschi, das sind ja Putins Spiele und so ist auch Putin Schuld an fehlenden Hotellobbys, tropfenden Wasserhähnen und Doppel-Klokabinen. Somit ist die Schilderung solcher Missstände durch einen journalistischen Helden ja praktisch ein politischer Akt. Quasi ein Beitrag zum Kampf gegen ein menschenrechtsverachtendes Regime.

Und überhaupt ist das doch das, was die Russland-unerfahrenen Leser über Russland lesen wollen. Alles kaputt, falsch geplant, Geld versenkt, Putin-Protz. Und nur Russland-unerfahrene Leser zählen, die anderen haben keinen Wert. Wer schon einmal dort war und ein anderes Bild hat, weiß natürlich lange nicht so viel über „Hintergründe“ wie journalistische Fachkräfte. Und wer (vielleicht dazu noch freiwillig) mehrmals dort war, ist sowieso ein „Russlandversteher“, den man nicht ernst nehmen muss, wegen seiner rosaroten Russlandbrille.

Der Hohn ist es jedoch, wenn ein großes deutsches Nachrichtenmagazin, für das wir jetzt durch namentliche Erwähnung keine Werbung machen wollen, in der Überschrift eines solchen Artikels schreibt „die ganze Welt freut sich auf Olympia“, um dann natürlich mit dem „aber“ und dem Ergebnis der eigenen Exklusivrecherche auf Twitter und Toiletten zu glänzen. Denn von Vorfreude auf Olympia in Sotschi war bisher noch in keinem Mainstream-Medium in Deutschland etwas zu lesen. Das „aber“ ist der einzige Inhalt.

Mein Gott, ist man da froh, dass es morgen endlich los geht und solche Leute, die für viel Geld aus Fernsehgebühr und Aboeinnahmen maulend in Sotschi herum sitzen auch etwas „gescheites“ zu tun bekommen. Wenn es dann vorbei ist, reisen sie ja auch schnellstmöglich wieder ab und lassen uns in Russland wieder alleine mit ihrer Heldenfraktion, die im Deutschenviertel in Moskau auf selbst verschuldete Terroranschläge und Fehltritte Putins lauert.

Roland Bathon – russland.RU

P.S.: Ein Tipp für Journalisten, die mit Doppel-Klokabinen konfrontiert sind von einem erfahrenen Russlandreisenden mit 16 Aufenthalten: Einfach (alleine) hinein gehen, erst Tür verriegeln, dann hinsetzen und los geht´s, ohne dass der zweite Sitz mit einem spannenden Kollegen besetzt sein kann. Viel Erfolg und durchhalten!

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.