Vor 40 Jahren: Das historische Rendezvous im All

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Baikonur/Houston -– „Die beste Zutat an einem Abendessen ist nicht was du isst, sondern mit wem du es isst!“ Das waren die pathetischen Worte des Kosmonauten Alexei Leonow auf die Frage, wie ihm denn 1975 sein erstes amerikanisches Abendmahl mit dem Amerikaner Thomas Stafford geschmeckt habe.

Da blitzte sicherlich auch eine kleine Portion Pragmatismus hervor, denn eben dieses „Geschäftsessen“ bestand aus Vollwertnahrung aus der Tube. Unkompliziert zu verspeisen und der Schwerelosigkeit trotzend. Die Mahlzeit wurde nämlich in der Erdumlaufbahn in fast 230 km Höhe eingenommen. Das Kalenderblatt zeigte den 17 Juli 1975 und etwas Großes zeichnete sich ab. Das erste „shake hands“ zwischen Amerikanern und Russen während des Kalten Krieges. Symbolträchtig im Weltraum inszeniert, in der Hoffnung auf bessere gemeinsame Zeiten.

Planmässig startete damals am 15. Juli um 15:50 Uhr Ortszeit (09:50 Uhr MEZ) eine Rakete mit der Apollo-18 Kapsel vom amerikanischen Space Center in Cape Canaveral. Zu dem Zeitpunkt war bereits eine Trägerrakete mit der Sojus-19 seit siebeneinhalb Stunden vom Bahnhof Tyuratam im Kosmodrom in Baikonur unterwegs auf dem Weg ins All. Es war der erste Sojus-Start, der international live im Fernsehen übertragen wurde. Beide Raumschiffe erreichten Zeitgenau ihre errechnete Zielumlaufbahn. Danach: Abkoppeln, Umdrehen und wieder Ankoppeln. Ein Manöver, ohne das die Mondlandungen nie möglich gewesen wären.

Ein intergalaktisches Diner mit „falschem“ Wodka

Nun wurde der Antrieb stark gedrosselt. Mit über 12 Metern in der Sekunde näherten sich die beiden Schiffe auf kürzeste Distanz. Das mag einem hier von der Erde aus unglaublich schnell vorkommen, doch vermuten wir, dass sich dieser Affenzahn in den unendlichen Weiten des Weltraums stark relativiert. Um 18:15 Uhr MEZ mag es einen kleinen Rumms im All gegeben haben, als die beiden Kapseln aneinander gedockt haben. Nach einigen Vorbereitungen fand schließlich um 20.19 Uhr MEZ das intergalaktische Händeschütteln zwischen den Kommandanten beider Besatzungen, Sowjet-Oberst Alexei Leonow und US-General Thomas Stafford, statt.

Dieser Oberst Leonow war der erste Kosmonaut, der einen Weltraumspaziergang absolvierte. Dementsprechend cool, wie man in Amerika sagt, war er auch bei diesem einmaligen Treffen. Er hatte sich allerdings schon zwei Jahre vor seiner Mission die Sitten und Gebräuche bei einem USA Aufenthalt verinnerlicht, um sicher zu gehen, dass es bei dem Diner in der Blechbüchse zu keinen peinlichen Momenten kommt. Übrigens: Wie üppig die eingangs erwähnte Mahlzeit ausgefallen ist, können auch wir nur raten. Gewiss ist allerdings, dass Andrei Leonow, der alte Fuchs, eine Tube mit Borschtsch bereits vor dem Abflug als Wodka deklariert hatte. Die Überraschung dürfte ihm gelungen sein.

Nach genau 47 Stunden und 17 Minuten war die kosmische Audienz auch wieder beendet. Jeder führte für sich noch ein paar Experimente durch, unter anderem wurde eine künstliche Sonnenfinsternis mittels der beiden Raumschiffe erzeugt. Dann machte sich jeder wieder auf den Heimweg und beide erreichten drei Tage später wohlbehalten wieder die Erde. Zwar gab es bei der Apollo-Landung eine kleine Komplikation, aber das soll eine andere Geschichte sein. Auf alle Fälle hatten die Medien was sie wollten – eine weltbewegende Sensation.

Angeblich war dieses historische „Meet and Greet“ direkt über der Elbe geplant, als Symbol für das erste Treffen im Frühjahr1945, um gemeinsam Europa vom Faschismus zu befreien. Andere Quellen benennen Metz in Frankreich als Treffpunkt, wieder andere Bristol in England. Laut NASA fand das Rendezvous einfach über dem Atlantik statt. Aus den besseren Zeiten ist dann letztlich auch nichts geworden, wie wir alle wissen; der Kalte Krieg zeigte sich kälter als je zuvor. Und leider ist dieser Kalte Krieg mittlerweile nach einer kurzen Atempause wieder heiß entbrannt.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.