Vom Tarnen und Täuschen

Foto: Dennis Skley CC BY-ND 2.0 via Flickr

[Eine Glosse von Michael Barth] – Merken Sie sich eines – Putin kann alles! Nicht dass wir je ernsthaft daran gezweifelt hätten, aber jetzt ist es Schwarz auf Weiß gedruckt, manifestiert, in Stein gemeißelt. Putin, der Tausendsasa, kann sogar seine ganzen Armeen verschwinden lassen – wenn er das halt grad so will. Neuigkeiten von der Front.

Ja, der Wladimir Putin, dass ist schon ein Ausgebuffter. Wie die investigativen Enthüllungsreporter von der österreichischen „Krone Zeitung“, jüngst entdeckten, könnten Putins Soldaten demnächst nahezu hüllenlos in die Schlacht ziehen. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen haben die Kollegen aus dem Land der Berge den Gang zum Zeitungskiosk gewagt, um dem russischen Magazin „Iswestia“ das streng gehütete Geheimnis zu entreißen, wie Russland künftig alle Schlachten dieses Planeten und den näheren Galaxien gewinnen wird.

So wunderbar Unsichtbar

Wir wissen bereits von atomaren „Geisterzügen“, die unaufhaltsam den baltischen Staaten in mörderischer Absicht entgegen rollen. Wir erinnern uns an geheime U-Boote, die in schwedischen Gewässern gesichtet wurden, ohne dass sie je da gewesen wären und wir wissen ganz genau um die riesigen, geheimen Heerscharen, die Putin in fremden Ländern versteckt hält, um denen einmal zu zeigen, was man alles mit einem Computer anstellen kann.

Und noch ganz genau können wir uns an unzählige russische Panzerdivisionen, die im Lauf der vergangenen Jahre in der Ukraine ein und aus gegangen sind, erinnern. Warum diese Panzereinheiten bislang noch niemand zu Gesicht bekam, das enthüllt uns nun die „Kronen-Zeitung“ mit Berufung auf „Iswestia“. Wladimir Putin habe eine Salbe entwickeln lassen, die unsichtbar macht! Augenscheinlich hat man diese Wundercreme zuerst an diesen Panzern getestet, bis sie für den Einsatz am menschlichen Militärobjekt verwendet werden konnte.

Jene „neu entwickelte Unsichtbarkeits-Paste“, so die „Kronen-Zeitung“, sei seit ihrer Einführung bei Spezialeinheiten bereits richtig im Trend. Somit kann man davon ausgehen, dass es sich bei all den unsichtbaren Truppen Russlands, die angeblich rund um den Globus eingesetzt sind, um durchaus modebewusste Soldaten handeln muss. Camouflage-Accessoires für den trendgerechten Mann von heute sind ohnehin schon längst auf den Laufstegen in Paris und Mailand angekommen. Selbstredend, dass diese Creme dementsprechend auch in den begehrten Modefarben Braun, Grün und Schwarz erhältlich ist.

Die Wende im Gelände

Auch haben Russlands Wissenschaftler das Beauty-Bewusstsein der Spezialkräfte keineswegs außer Acht gelassen. Antiallergen soll sich diese Paste verhalten, die ja immerhin direkt auf die sichtbaren Körperpartien aufgetragen wird. Und sollte der moderne russische Soldat von morgen dann doch mal keine Lust mehr auf den Unsichtbarkeits-Effekt haben, braucht er sich deshalb nicht gleich zu sorgen. Genauso schnell, wie sich die Creme auftragen lässt, genauso leicht lässt sie sich auch wieder entfernen. Einfach so, mit Wasser und Seife.

Genauso wichtig wie der optische Anstrich schien den russischen Tarnungs-Experten auch die Funktionalität für die, ständig Wind und Wetter ausgesetzten, Soldaten.zu sein. Hier wurde, quasi so einfach nebenher, die perfekte Outdoor-Salbe kreiert. Heimtückische Blutsauger, die einem das Leben zur Hölle machen können, gehören demnach nun endgültig der Vergangenheit an. Zudem verfüge die Creme sogar über antiseptische und wundheilende Eigenschaften. Sollten Sie sich nun frohlockend zum nächsten „Schlecker-Markt“ oder in den „Sport-Scheck“ begeben, werden sie vermutlich arg enttäuscht sein. Das Produkt ist leider noch nicht im Handel.

Aber, um das Geheimnis der Unsichtbarkeit nun endlich zu lüften, was für Inhaltsstoffe stecken denn in dieser Tarn-Creme eigentlich so? Was ist das Besondere, das russische Soldaten verschwinden lässt? Die Lösung ist so simpel wie genial. „Tuman-R“, so der Typenname der Wunderpaste, basiert auf dem Wärmeprinzip. Bis zu 95 Prozent der Infrarotstrahlung ließen sich durch die Creme absorbieren, heißt es aus Fachkreisen. Menschliche Objekte würden also von Wärmebildkameras nicht mehr erkannt. Der Effekt halte zudem gut zwei Wochen an.

Sehen Sie, zaubern ist eigentlich keine hohe Kunst, zumal nicht für den russischen Präsidenten Wladimir. Einfach Salbe drauf und schon heißt es: „Hokus, Pokus, Verschwindibus.“ Sollten sich in Ihrem Publikum Personen befinden, die zufällig eine Wärmebildkamera bei sich haben, sie werden begeistert sein und Ihre Vorstellung garantiert einmalig.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.