Vladimir Galaktionovič Korolenko – der erste russische Menschenrechtler Teil I

Wladimir Korolenko
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Ich erinnere mich noch aus der Zeit, wo ich schon ein ziemlich bewusstes geistiges Leben führte, eines bezeichnenden Falls…
Vor das Kreisgericht war der Prozess zwischen einem reichen Gutsbesitzer, Grafen E., und seiner armen Verwandten, wenn ich nicht irre, der Witwe seines Bruders, gekommen. Der Graf war ein großer Herr mit mächtigen Konnexionen, Mitteln und Einflüssen, die er auch rührig ins Werk setzte. Die Witwe verfocht ihren Anspruch kraft des ,Armenrechts’, ohne Stempelgebühren zu zahlen.

Man prophezeite, dass sie verlieren würde, da der Rechtsfall immerhin verwickelt war, von des Grafen Seite aber ein kräftiger Druck auf das Gericht ausgeübt wurde. Vor der Entscheidung sprach der Herr Graf bei uns in eigener Person vor; seine wappengeschmückte Kutsche hielt zwei- oder dreimal vor unserem bescheidenen Häuschen, und sein langbeiniger Heiduck in Livree stelzte vor unserer windschiefen Treppe auf und ab. Die ersten beiden Male beobachtete der Graf eine majestätische und vorsichtige Haltung, und der Vater schob nur kühl und förmlich seine Tastversuche zurück. Beim dritten Besuch jedoch war der Herr wahrscheinlich mit einem direkten Anerbieten herausgerückt. Der Vater brauste plötzlich auf, warf dem hohen Herrn einen unparlamentarischen Ausdruck an den Kopf und klopfte dabei heftig mit dem Stock auf den Boden. Der Graf verließ Vaters Zimmer hochrot vor Wut, Drohungen murmelnd, und bestieg eilig wieder seine Kutsche.

Auch die Witwe war ein paarmal gekommen, wiewohl der Vater diese Besuche nicht sonderlich liebte. Das arme Weib setzte sich in seinen Trauergewändern, mit verweinten Augen, bedrückt und schüchtern zu meiner Mutter, erzählte ihr etwas und weinte. Die Ärmste glaubte, sie müsse dem Richter immer noch etwas auseinandersetzen. Wahrscheinlich waren es bloße Lappalien, denn der Vater winkte mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Redensart ab: ,Ach was! Belehre Kranker den Medikus! Alles wird gemacht, wie das Gesetz es vorschreibt.’

Der Prozess wurde zugunsten der Witwe entschieden, wobei alle Welt wusste, dass dies ausschließlich der Festigkeit meines Vaters zu danken war. Der Senat bestätigte diesmal die Entscheidung unerwartet schnell, und die armselige Witwe war plötzlich eine der reichsten Gutsbesitzerinnen des Kreises, wenn nicht gar des Gouvernements geworden.

Als sie wieder vor unserem Hause, diesmal in eigener Kalesche, erschien, war die frühere kümmerliche Bittstellerin kaum zu erkennen. Ihre Trauer war zu Ende, sie schien beinahe verjüngt und strahlte vor Glück. Der Vater nahm sie sehr freundlich mit jenem Wohlwollen auf, das wir Leuten gegenüber zu fühlen pflegen, die uns stark verpflichtet sind. Als sie aber ein Gespräch »unter vier Augen« erbeten hatte, trat sie bald aus Vaters Zimmer mit gerötetem Gesicht und verweinten Augen. Die gute Frau wusste, dass die Wendung in ihrem Schicksal gänzlich an der Festigkeit, man kann beinahe sagen an dem Heroismus dieses schlichten lahmen Mannes gehangen hatte. Und nun durfte sie ihm nicht einmal irgendwie ihre Erkenntlichkeit zeigen.

Sie war bekümmert, ja gekränkt. Am Tag darauf kam sie wieder, als mein Vater im Dienst, die Mutter aber zufällig fortgegangen war, und schleppte einen Haufen verschiedener Stoffe und Waren her, die sie auf allen Möbeln in unserem Wohnzimmer aufstapelte. Unter anderm rief sie mein Schwesterchen heran und gab ihm eine riesige herrlich gekleidete Puppe mit blauen Augen, die sich schlossen, wenn man die Puppe schlafen legte. Die Mutter kriegte keinen geringen Schreck, als sie der Bescherung ansichtig wurde. Als aber der Vater vom Dienst kam, brach in unserer kleinen Wohnung eines der heftigsten Gewitter los, deren ich mich entsinnen kann. Er erging sich in Schimpfworten über die Witwe, überhäufte die Mutter mit Vorwürfen und gab nicht eher Ruhe, bis ein Handwägelchen vor der Treppe erschien, auf das sämtliche Geschenke aufgeladen und zurückgeschickt wurden.

Dabei stellte sich jedoch eine unerwartete Schwierigkeit heraus: Als die Reihe an die Puppe kam, legte mein Schwesterchen entschiedenen Protest ein, und dieser Protest nahm so dramatische Formen an, dass Vater nach einigen Versuchen, wiewohl mit großer Unzufriedenheit, nachgab.
‚Durch euch bin ich also doch ein käuflicher Kerl geworden’, brummte er ärgerlich und verschwand in seinem Zimmer.
Solches Gebaren wurde damals allgemein für zwecklose Marotte angesehen.

An anderer Stelle schrieb Korolenko über die Zustände, die am Gericht im ukrainischen Rowno  herrschten (wohin sein Vater 1866 versetzt wurde):
Die Bestechlichkeit blühte. Wir wussten, auf welche Weise sich die verschiedenen Mitglieder des Gerichts bestechen ließen. Der eine hielt die hohle Hand auf dem Rücken, und die Bittsteller legten ihm das Geld dort hinein. Einem anderen musste man die Bestechungssumme heimlich auf den Tisch legen, und er schob ein Aktenstück darüber. Jeder der einflussreichen Beamten hatte seine Methode, welche die Bittsteller kennen mussten… Ich weis nicht, wieviel Gehalt die Richter bekamen. Mein Vater erhielt, soweit ich mich entsinne, ungefähr achtzig Rubel im Monat. Damals konnte man mit solcher Summe sogar mit solcher Familie wie der unsrigen existieren… Die meisten Richter lebten besser als wir. Der Sekretär des Vormundschaftsamts für den Adel, der meinem Vater unterstellt war, bekam nur achtzehn Rubel im Monat, hielt sich jedoch Pferde und Equipage und ließ die Hüte und Kleider für seine Frau aus Warschau kommen.

In einer Zeit, in der Schmiergeld die Norm war – nichts ging im Russland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohne, und wer nicht mitspielte, galt als verschrobener Kauz! –, in dieser Zeit war Vladimir Korolenkos Vater ein „weißer Rabe“ und ließ daher seine Familie, als er 1868 kurz vor seiner Pensionierung starb (Vladimir war erst 13 Jahre alt), zwangsläufig in wirtschaftlicher Not zurück, wohingegen weit Rangniedrigere zu großem Wohlstand gelangt waren. Vladimir Korolenko ist dieser Sachverhalt gut in Erinnerung geblieben (er begann an Die Geschichte meines Zeitgenossen, aus der der Passus stammt, erst 1905, also rund 35 Jahr später zu schreiben), denn den unbeugsamen Gerechtigkeitssinn und das kämpferische Eintreten für Gerechtigkeit hatte er von seinem Vater geerbt.

Fast alle russischen Schriftsteller und Publizisten des 19. Jahrhunderts kämpften für oder gegen Ideen und Ideologien – von christlichen bis hin zu sozialistischen –, um das Schicksal der Menschen zu verbessern, um ihr Leben menschenwürdig zu machen. Vladimir Galaktionovič Korolenko kämpfte für die Menschen, für jeden einzelnen Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Religion, welcher Stammeszugehörigkeit; wo Menschen Unrecht geschah, legte er sich mit wem auch immer – Bürokraten, Regierung, Justiz, Gaunern und Halsabschneidern – rücksichtslos auch gegen sich selbst an. Er verteidigte seine „Klienten“ bis hin zur Selbstaufgabe.

Bei alledem war er jedoch kein Fanatiker, sondern ein gottgläubiger Humanist im tiefsten Sinn des Wortes, er liebte die Menschen und kämpfte gegen Unmenschlichkeit und er war ein Optimist mit dem Glauben an eine sinnvolle Zukunft. Diesen Glauben an ein sinnvolles Weiterschreiten des Lebens hat er in der kurzen Skizze „Lichter“ ausgedrückt:
Vor langer Zeit, an einem dunkeln Herbstabend, fuhr ich in einem Boot auf einem düsteren sibirischen Flusse. Plötzlich blitzte in einer Krümmung des Stromes vor uns am Fuße der in Finsternis getauchten Berge ein kleines Licht auf. Grell flimmerte es, klar, zum Greifen nahe …
,Na, Gott sei Dank!‘ sagte ich erfreut. ,Das Nachtquartier ist nahe!‘
Der Ruderer wandte sich um, blickte über die eine Schulter nach dem Lichtschein und ergriff von Neuem gleichgültig die Ruder.
,’s ist noch weit!‘
Ich wollte es nicht glauben, denn das Lichtchen stand vor uns, aus dem unbestimmten Dunkel tretend … Aber der Ruderer hatte recht: Es war wirklich noch weit.
Die Eigenschaft solcher nächtlichen Lichter ist es, sich zu nähern, indem sie die Finsternis überwinden, und zu funkeln, zu versprechen und zu verlocken durch ihre Nähe. Es will scheinen, dass nur noch zwei oder drei Ruderschläge nötig wären – und der Weg wäre beendet … Indessen ist es doch noch weit! …
Noch lange ruderten wir auf dem wie Tinte dunkeln Flusse. Schluchten und Felsen traten hervor, türmten sich vor uns auf, und indem sie weit hinter uns blieben, schienen sie wegzuschwimmen, bis sie sich in der endlosen Ferne verloren. Das Licht aber stand noch immer vor uns, es schillerte und lockte – immer genau so nahe und immer genau so weit …
Oft erinnere ich mich jetzt an diesen dunkeln, von felsigen Bergen beschatteten Fluss und an dieses lebendige Licht. Viele Lichter haben vorher und nachher nicht nur mich allein durch ihre Nähe gelockt. Das Leben aber fließt noch immer zwischen denselben düstern Ufern dahin, und die Lichter sind noch fern. Und wieder heißt es, die Ruder fest in die Fäuste nehmen…
Aber trotz allem … trotz allem vor uns das Licht! …

Leicht, farbig und eindrucksvoll drückt Korolenko hier seine Überzeugung auf eine glückliche Zukunft aus – in einer Zeit, in der nur wenige daran glauben konnten: Es waren die 80er- und 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts, die Zeit Alexanders III.

Im Jahr 1912 wurde Korolenko in einem Brief von einer unbekannten Dame gebeten zu sagen, was er mit dieser Skizze habe ausdrücken wollen; er antwortete:
In der Skizze ,Lichter‘ hatte ich nicht die Absicht zu sagen, dass nach Zurücklegung eines mühseligen Weges uns eine endgültige Ruhe und ein allgemeines Glück bevorstehen. Nein, dort wird wieder eine andere Strecke beginnen. Das Leben besteht aus ständigem Streben, Erreichen und neuem Streben. Eine solche Zeit, in der alle Menschen ausnahmslos voll zufrieden und glücklich sein werden, wird es – so nehme ich an – überhaupt nicht geben. Meiner Meinung nach hat die Menschheit schon viele Lichter gesehen, sie hat sie erreicht und dennoch weitergestrebt. Als die Bauern befreit worden waren, wurde das russische Leben viel heller. Stehenbleiben konnte es aber nicht… Und nun sind wir wieder auf einem beschwerlichen Wege – vor uns sind neue, ferne Lichter. Das Größte, worauf man hoffen kann, ist, dass sich im Menschen die Kraft immer mehr steigert, zu wünschen, zu streben, zu erreichen und wieder zu streben. Wenn hierbei die Menschen lernen, auf diesem Wege einander immer mehr zu helfen, wenn es immer weniger Zurückbleibende gibt, wenn auf den zurückgelegten Wegen immer mehr Leuchttürme stehen, die vorwärtsleuchten, wenn die Formen des gegenseitigen Kampfes immer menschlicher werden, vor uns es aber immer lichter wird, so heißt das ja, dass es immer mehr Glück geben wird. Denn das Glück ist nur im Leben – das ganze Leben aber ist ein Streben, ein Erreichen und wieder ein neues Streben.

Eigentlich war Vladimir Korolenko – wie Gogol – seiner Abstammung nach gar kein Russe. Seine Mutter war die Tochter eines polnischen Adligen, sein Vater war Ukrainer und stammte von den Kosaken ab. Die Ukraine aber gehörte seit dem 17. Jahrhundert zu Russland und ihre Bewohner wurden „Kleinrussen“ genannt. Wenngleich westslawischer Stamm, waren sie schon seit der ersten Jahrtausendwende mit den ostslawischen Stämmen, die später das russische, das Moskauer Reich begründeten, eng verbunden.

Kleine geschichtliche Retrospektive: Die Kiewer Rus (9. Jh. bis 1240), Vorläuferstaat des Russischen Reiches, reichte von den Karpaten im Westen bis über das heutige Nishni Nowgorod im Osten hinaus und von Finnland im Norden bis fast ans Schwarze Meer; es war ein Zusammenschluss verschiedener westslawischer, ostslawischer und skandinavischer (slawisch-warägischer) Stämme mit den Zentren Kiew, von wo die Christianisierung Russlands im Jahr 988 ausging, und Nowgorod (nicht Nishni), eine der reichsten und bedeutendsten Hansestädte Europas (Moskau entstand erst im 12. Jh.). 1240 zerstörten die Mongolen die Kiewer Rus, das Reich zerfiel; 1380 besiegte der vom Khan der Goldenen Horde geförderte Großfürst von Moskau seine „Freunde“, die mongolischen Truppen, und übernahm damit nach und nach die Oberherrschaft über alle russischen Fürstentümer. Die Bedeutung des Großfürstentums Moskau nahm weiter zu – sein Regent wurde vom Primus inter pares zum Herrscher, Zar aller Reußen. 1667 zerschlug Zar Alexei I. das Königreich Polen, das sich im Bund mit dem litauischen Großfürstentum in der Schwächephase des aufstrebenden Moskauer Reiches viele u.a. slawische Gebiete (Weißrussland und die Ukraine) „einverleibt“ hatte, und die slawischen Gebiete Weißrussland und Ost-Ukraine fielen dem Russischen Reich zu. Auch die ukrainischen Kosaken, die sich gegen die polnische Herrschaft erhoben hatten, schlossen sich vertraglich dem Russischen Reich an. Die Großmachtstellung Polens war beendet; die neue Großmacht hieß Russland.

Am 15. jul / 27. greg Juli 1853 wurde Vladimir Galaktionovič in Shitomir (Nordukraine), wo sein Vater Richter war, geboren.
Die Ukraine galt bei den „Großrussen“ als ein exotisches südliches Land. Und das war sie auch. Die Menschen (Westslawen) waren heiterer, farbenfroher und nicht so schwermütig wie die Russen (Ostslawen). Das Land hatte eine wechselvolle Geschichte gehabt (s.o.), weshalb ein Völkergemisch aus Polen, Ukrainern, Russen und Juden dort lebte, in dem jeder seine eigene Sprache sprach; nebeneinander lebten Menschen katholischen, orthodoxen und jüdischen Glaubens. Die sozialen Unterschiede und vor allem die Differenzen in den Besitzverhältnissen konnten nicht größer sein, was immer wieder zu Spannungen führte: Es gab die polnischen Magnaten, den ukrainischen Kleinadel, das russische Beamten- und Bürgertum, die jüdischen Händler und die landlosen Bauern. Zudem gingen die russischen Herrscher nicht gerade zimperlich mit den Minderheiten um, zumal Polen nicht weit war, und Polen und Russen hatten „noch eine Rechnung offen“.

Abseits von der Politik jedoch prägte dieses Vielvölkergemisch, das wärmere Klima und die heiterere Lebensweise die Menschen im Umgang miteinander und so auch Korolenko in seiner Kindheit.
Die ersten zehn Jahre seines Lebens waren unbeschwert, erst mit dem Eintritt in das Gymnasium in Shitomir, in dem grausamer Drill herrschte, verdüsterte sich die Szenerie; der Umzug 1866 nach Rowno, das dortige Realgymnasium und der Tod des Vaters 1868 beendeten seine Kindheit. 1871 schloss er das Gymnasium ab, das für ihn ein großer Albtraum gewesen war, und wurde in die Technische Hochschule in St. Petersburg aufgenommen – die heiß ersehnte Studentenzeit begann.

Seine Ankunft in St. Petersburg beschreibt er später in seinen Erinnerungen:
Mein Herz bebte vor Freude. Petersburg! Hier war alles beisammen, was ich für das Beste im Leben gehalten hatte, weil von hier aus die ganze russische Literatur, die wahre Heimat meiner Seele, ausging… Auf dem undefinierbar lichten Hintergrund des Abendhimmels zeichneten sich erdrückend und irgendwie fantastisch die Massive der Häuser ab, während unten die Reihen der Laternen wie ein funkelnder Rosenkranz zu erstrahlen begannen… Dieses heitere Blinken der Laternen unter dem leuchtenden Himmel, das Rattern und Läuten der Pferdebahnen, das irgendwo in der Ferne erlöschende Abendrot, ein kräftig-herber Seegeruch, der auf den Platz vom Westwind dahergeweht wurde – all das harmonierte wundervoll mit meiner Stimmung… Mit meinem ganzen Wesen sog ich das Bewusstsein ‚Petersburg‘ in mich ein… Dort links mündet eine Straße ein, die breit wie ein Fluss ist… Das ist natürlich der Newski… Hier also war einst der Gogolsche Leutnant Pirogow herumspaziert… Irgendwo aber, in diesem Wirrwarr der Riesenquader der Häuser, hatte Belinski gelebt, hatte Dobroljubow gedacht und gearbeitet. Hier hatte er mit erstarrender Hand geschrieben: ‚Lieber Freund, ich sterbe, weil ich ehrlich war…‘ Hier lebt auch jetzt noch Nekrassow — also atme ich mit ihm die gleiche Luft. Und schließlich erwartet mich hier ein neues, ein ganz neues, verlockendes Studentenleben. All das war schön, romantisch, neu und entschwand wie die Reihen dieser Laternen in der geheimnisvoll flimmernden Weite, die mit dem noch unbekannten brodelnden Leben erfüllt war… Die Laternen aber, deren Flammen bei jedem Windstoß aufflackerten, lebten, spielten und sprachen zu mir, so wollte es mir scheinen, von etwas bezaubernd Lieblichem, von so etwas wie einer Verheißung…

Nun, wie so häufig wohl im Leben eines jeden Menschen trog die Euphorie des ersten Augenblicks: Korolenko geriet in eine Wohngemeinschaft von Studenten, die ein studentisches Lotterleben alten Stils lebten; außerdem musste er sich sein Leben und Studium durch Arbeit selbst verdienen, was nicht nur ernüchternd wirkte, sondern ihn auch an die Grenzen seiner physischen Leistungsfähigkeit brachte. Gelernt hatte er nichts, als er nach drei verlorenen Jahren 1874 an die Petrowsk-Rasumowsker Akademie nach Moskau wechselte. Hier kam er mit seinem Studium gut voran, erlebte aber auch die ständigen Schikanen, die Bespitzelungen durch und Grobheiten der vorgesetzten Behörden. Das trieb ihn zu den oppositionellen Gruppen.

Ein Ereignis im Jahr 1876 sollte sein Leben grundlegend verändern: Die Leitung der Akademie hatte einen von der Polizei gesuchten Studenten in eine Falle gelockt und ausgeliefert. Die Wut aller Studenten war groß und es wurde beschlossen der Hochschulleitung einen kollektiven Protestbrief  zu übergeben. Korolenko schrieb diesen Protestbrief, den ein Drittel der Studenten unterzeichnete, und überreichte ihn mit zwei weiteren der Hochschulleitung. Das war ein unerhörter Vorfall. Die Leitung machte Meldung nach Petersburg und auf „allerhöchsten Befehl“ erschien Fürst Lieven, um die „in Aufruhr befindliche“ Akademie zur Raison zu bringen. Korolenko und seine beiden Mitstudenten wurden als Rädelsführer aus der Hochschule ausgeschlossen, verhaftet und ins Polizeigefängnis abgeführt; ihrer Erklärung, dass sie nicht Initiatoren, sondern nur Überbringer des Schreibens gewesen seien, wurde kein Glauben geschenkt. Zwei Tage später wurde er ins fast 1.500 km nordöstlich von Moskau gelegene Ust-Sysolsk verbannt. Dort kam er jedoch nie an. Seine Mitstudenten wussten, dass er auf dem Weg dahin auch durch die Stadt Wologda kommen musste und zwei von ihnen waren die Söhne des dortigen Gouverneurs (ein Pole); sie telegrafierten ihrem Vater, und Korolenko war höchst überrascht, als er, der Verbannte, dort mit allen Ehren empfangen wurde. Der Gouverneur sorgte dafür, dass Korolenko seine Verbannungszeit unter Polizeiaufsicht in Kronstadt ableisten durfte, wo seine Mutter mittlerweile lebte.

Auf dem Weg nach Kronstadt, auf der Rückfahrt von der nicht zustande gekommenen Verbannung, hatte er Ende März 1876 erneut ein Erlebnis, das für sein weiteres Leben bestimmend sein sollte. Er nennt es in seinen Erinnerungen „Der entscheidende Augenblick meines Lebens“:
Wir fuhren die ganze Nacht. Als wir am nächsten Tage eine der Poststationen verließen, machten wir bald in einem großen Dorfe halt. Hier wohnte mit seiner Familie der Kutscher, der uns von jener Station an fuhr; für einen Augenblick war er in seine Hütte gegangen. Der Tag war klar, die Sonne schien, und es war warm. Längs der breiten, langen Straße standen geräumige, größtenteils zweistöckige Bauernhäuser, die noch mit Schnee bedeckt waren. Aber hier und da schimmerten schon dunkle Flecken der Schindeldächer hindurch. Die ganze Straße entlang, die von den warmen Frühlingsstrahlen überflutet war, funkelte überall ein lustiges, munteres Getröpfel. Nirgends sah man ein Gärtchen oder einen langen Zaun. Ich erinnerte mich hierbei, dass irgendjemand die Natur unseres Nordens ‚skrofulös’ genannt hatte.

Aus der Hütte, in die, dem Kutscher folgend, auch mein Begleitmann ging, trat der Bauer, vermutlich der Vater des Kutschers. Er war groß und sah jugendlich aus. Er hatte helle, rötliche Haare, einen kleinen, rötlichen Schnurrbart und einen Spitzbart von der gleichen Farbe. Obgleich er breitschultrig und, wie es schien, stark war und große Arbeitshände hatte, war sein Brustkorb eingefallen; die ganze Gestalt harmonierte seltsam mit dem sprühenden Leben der dennoch irgendwie skrofulösen Natur des Nordens. Er hatte keinen Schafpelz an und auch keine Mütze auf; in den Händen hielt er ein großes Holzgefäß… Als er an den Schlitten herantrat, verbeugte er sich mit einer gewissen natürlichen und gewichtigen Freundlichkeit: ‚Trink, lieber Freund. Verachte den Trank nicht, wir haben ihn für die Feiertage gebraut…’ Mit diesen Worten reichte er mir das Holzgefäß mit Dünnbier.

Ich trank aus und dankte ihm von ganzem Herzen. Als er fortgegangen war, erfasste mich plötzlich irgendwie ein besonderes Gefühl tiefster Zärtlichkeit und Liebe zu diesem Menschen – nein, zu allen diesen Leuten, zu dem ganzen Dorf mit den morschen, schneebedeckten Dächern, zu dieser dürftigen Natur des Nordens mit ihren weißen Feldern und dunkeln Waldungen, der dunstigen Kälte des Winters, dem lebendigen, frühlingsmäßigen Getröpfel und dem unterbewussten Erfühlen ihrer unermesslichen Weiten… Und über alledem schien sich die Gestalt dieses wie abgezehrten Hünen zu erheben, der mit einer majestätischen Verbeugung und freundlich grüßenden Worten an den unbekannten gehetzten Menschen herantrat.

In Kronstadt lebte Korolenko ein gutes halbes Jahr, bis zum Ende seiner Verbannungszeit; danach zog die Familie im Herbst 1876 wieder nach St. Petersburg, wo er den dritten Anlauf nahm, sein Studium zu beenden. Es war die zweite Hälfte der Regierungszeit des einstmals liberal gesinnten Alexanders II.; nach mehreren Attentaten auf ihn war es düsterer geworden und man hatte die Schrauben wieder angezogen. Unter den Studenten hatte die Bewegung der Narodniki (wörtlich übersetzt: die ins Volk gehen; auch „Volkstümler“) großen Zulauf gefunden. Es war eine schwärmerische Bewegung, die an das Gute im russischen Bauern glaubte, ja die ihn fast auf ein Piedestal hoben; sie glaubten, den Bauern durch Bildung ihr unwürdiges Dasein bewusst machen und sie dadurch dazu bewegen zu können, ihr Schicksal im Kampf gegen die herrschende Klasse selbst in die Hand zu nehmen. Die Studenten lernten zu diesem Zweck Handwerksberufe, zogen in die Dörfer und „agitierten“. Nur waren leider die „guten“ Bauern nicht so, wie die Studenten es sich erträumt hatten: Es waren keine Menschen, die romantisch auf ihrer Scholle lebten und die gute russische Mutter Erde küssten; hier herrschten das Saufen, Prügeln und Morden, das finale Elend – und die Bauern verstanden auch überhaupt nicht, was die Studenten wollten. Die Bewegung scheiterte daran, ein Teil der Studenten zog sich angewidert zurück, ein anderer Teil radikalisierte sich (aus diesem Teil gingen 1881 die Mörder Alexanders II. hervor). Nur ganz wenige waren vom Schicksal der einzelnen Menschen betroffen und engagierten sich für sie – zu Letzteren gehörte später auch Korolenko.

Erst einmal war Korolenko von der Idee der Narodniki angetan und engagierte sich in der studentischen Bewegung. Den Gedanken an eine Karriere als Bergbauingenieur hatte er aufgegeben, mehr und mehr interessierte er sich für die Schriftstellerei. Um Geld für seine Familie und auch sich selbst zu besorgen, arbeitete er als Korrektor bei einer lokalen Zeitung, und hier erschien ganz per Zufall auch eine erste „literarische“ Arbeit, die ganz typisch für Korolenko war. Im Zeitungsartikel „Die Schlägerei am Apraxiner Hof“ schildert er als Zeuge eine Prügelei: Hausknechte eines großen Hauses wollten aus unbekanntem Grund einen Matrosen zur Polizei bringen. Umstehende Handwerker und Arbeiter setzten sich für den Matrosen ein; es gab ein Handgemenge, dann prügelte die Menschenmenge auf die Hausknechte ein und schlug einen von ihnen tot. Polizei und Gendarmerie beendeten das Geschehen. Die Hausknechte jener Zeit waren fast ausschließlich tatarischer Herkunft, und die Polizei stellte den Vorfall nun so hin, als hätten die Russen aus Hass einen Tataren erschlagen. Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Hausknechte pflegten damals, unter dem Schutz und mit Hilfe der Polizei Mieter zu erpressen; wären die Hausknechte keine Tataren, sondern Russen gewesen, wären sie ebenfalls von der Menge angegriffen worden. Es war also kein Rassenhass im Spiel, sondern nur die Wut der Menge auf die korrupte Polizei und die erpresserischen Hausknechte. Schon in dieser ersten Arbeit trat Korolenko, wie später so häufig, als Kämpfer gegen den Hass zwischen Angehörigen verschiedener Nationalitäten und für die Gerechtigkeit ein.

Wie schon erwähnt war das politische Klima Ende der siebziger Jahre explosiv geworden. Im März 1879 wurde Korolenko ohne Angabe von Gründen verhaftet und „wanderte“ zwei Jahre lang von Gefängnis zu Gefängnis, bis er 1880 in Perm (südlich des Urals) in der Verbannung landete.
Wesentlich für Korolenko – und das macht ihn im Vergleich zu anderen Schicksalsgenossen so einmalig – ist, wie er die manchmal sehr schlimmen Gegebenheiten annahm: nicht jammernd und klagend, nicht aggressiv aber auch nicht fatalistisch; er sah in jeder Situation das Beste, was er aus ihr machen konnte, er machte bewusst Erfahrungen, er lernte, verglich seine Vorstellungen mit der Realität (und „verabschiedete“ sich dabei auch von den Narodniki); er lebte in der Gegenwart. So war es zwangsläufig, dass den Menschen, mit denen er zusammenkam, sein Hauptinteresse galt – und dieses Interesse war rein menschlicher Natur. In der Zeit seiner Verbannung schrieb Korolenko seine ersten Erzählungen: „Episoden aus dem Leben eines Suchers“ und „Ein seltsames Mädchen“.

1881 wurde Alexander II. bei einem Attentat von Mitgliedern der Organisation Narodnaja Wolja (Volkswille) ermordet, es folgte Alexander III. Nach den Seelenmessen für den toten Zaren wurde überall in Russland die Eidesformel auf den neuen Zaren verlesen, und das Volk stimmte gemeinschaftlich zu (es blieb ihm auch nichts anderes übrig). Für die unter Polizeiaufsicht Stehenden hatte sich die Regierung jedoch etwas Besonderes einfallen lassen: Sie mussten jeder für sich den Eid ablegen und außerdem ein besonderes Eidesformular unterschreiben.

Dies sollte auch Korolenko in Perm. Er aber weigerte sich und gab eine schriftliche Erklärung ab, in der er alle Gesetzeswidrigkeiten, deren Opfer er und seine Familie geworden waren, aufzählte. Dann zählte er die Verletzungen der Menschenwürde auf, die er miterlebt hatte. Er schrieb:

Ich kenne einen Fall, wo der Polizeichef vor dem Abtransport eines Trupps von Verbannten ohne alle Umstände in der Liste den Namen eines der zur Verschickung Bestimmten abänderte; auf diese Weise wurde Vladimir anstelle Andrejs nach Ostsibirien abtransportiert. All das geschah nur zur Abkürzung des Schriftwechsels. Ich habe auch einen siebzigjährigen Greis gesehen, der für ein Vergehen verbannt wurde, das im schlimmsten Falle mit einer Strafe von 1 bis 5 Rubel hätte geahndet werden dürfen. …

Den Behörden ist ein gefährliches Recht gegeben, das Recht der Willkür, und das Leben hat mit einer Unmenge erschreckender Tatsachen den Beweis erbracht, dass sie dieses Recht missbrauchen. Die Willkür macht sich bei allen Amtshandlungen bemerkbar, oft auch dort, wo es am ehrlichsten und gesetzlichsten zuzugehen scheint. …  In Anbetracht all des oben Dargelegten erkläre ich hiermit, dass ich den von mir geforderten Eid zu leisten verweigere.

Das Schreiben gab er mit dem nicht unterschriebenen Eidesformular beim Gouverneur ab. Die Reaktion kam prompt:

Unter Berücksichtigung der bisherigen schädlichen Tätigkeit Vladimir Korolenkos und der schädlichen Einstellung, die von ihm nunmehr durch die Ablehnung des Untertanen-Treueeides bekundet worden ist, erscheine es unumgänglich notwendig, Korolenko zur besonderen Verfügung des Generalgouverneurs von Ostsibirien zu stellen, zwecks Ansiedlung in dem ihm zuzuweisenden Gebiete und ständiger Überwachung durch die Polizeiorgane.

Am 11. August 1881 wurde Korolenko nach Ostsibirien abtransportiert.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.