Mehr als jeder dritte erwachsene Einwohner Russlands leidet nach Angaben der stellvertretenden Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa an mindestens einer der vier sogenannten „Reiterkrankheiten“. Gemeint sind Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus vom Typ 2 und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson.
Golikowa bezifferte den Anteil der Betroffenen auf 37 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Sie sprach am Freitag auf einer Plenarsitzung über gesundes Altern und Langlebigkeit. In der Überschrift rundete das russische Magazin Expert den Wert auf „etwa 40 Prozent“ auf.
Der Ausdruck „Reiterkrankheiten“ lehnt sich an die vier apokalyptischen Reiter der Bibel an. Er fasst vier große Gruppen chronischer, nicht übertragbarer Krankheiten zusammen, die in alternden und zunehmend urbanisierten Gesellschaften einen wesentlichen Teil der Krankheits- und Sterbefälle verursachen.
Golikowa warnte jedoch davor, die hohe Zahl als unabwendbares Schicksal zu betrachten. Die Erkrankungen entstünden in der Regel nicht plötzlich, sondern entwickelten sich über Jahre. Damit bleibe Zeit für Vorbeugung und eine Veränderung des Lebensstils.
Zu den wichtigsten Faktoren für ein längeres gesundes Leben zählte die stellvertretende Regierungschefin eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Bewegung, medizinische Vorsorge sowie die Pflege der geistigen Fähigkeiten. Auch gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten – vom Sport bis zum Theaterbesuch – könnten dazu beitragen, das Leben um zehn bis 15 Jahre zu verlängern.
Am Samstag griff der frühere russische oberste Amtsarzt Gennadi Onischtschenko das Thema auf. Der Epidemiologe und Akademiker rechnet damit, dass die Zahl der Betroffenen weiter zunehmen wird. Als Ursachen nannte er Bewegungsmangel, Übergewicht, dauerhafte geistige Belastung und Stress.
Der Mensch habe sich der technischen Entwicklung angepasst, dabei aber seine körperliche Natur vernachlässigt, erklärte Onischtschenko. Während das Gehirn ständig beansprucht werde, bleibe der Körper weitgehend unbewegt. Zwar werde in Russland inzwischen weniger geraucht und Alkohol getrunken, dieser Fortschritt werde nach seiner Einschätzung jedoch durch die Zunahme von Übergewicht teilweise wieder zunichtegemacht.
Die Diskussion ist auch wirtschaftlich von Bedeutung. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums entgehen der Volkswirtschaft jährlich fast 2,5 Billionen Rubel durch vermeidbare Todesfälle infolge von Krebs und Erkrankungen des Kreislaufsystems. Menschen oberhalb des Erwerbsalters stellen weniger als ein Viertel der Bevölkerung, beanspruchen aber mehr als 30 Prozent der Krankenhausaufenthalte und Rettungsdiensteinsätze sowie über die Hälfte der hochtechnologischen medizinischen Operationen.
Fragwürdig ist allerdings eine Zahl, die sowohl Kommersant als auch Wedomosti unter Berufung auf Onischtschenko verbreiteten. Danach soll die Weltgesundheitsorganisation WHO bis 2050 mit fünf Millionen neuen Krebsfällen pro Jahr rechnen. Tatsächlich geht die WHO weltweit von rund 35 Millionen jährlichen Neuerkrankungen im Jahr 2050 aus – gegenüber etwa 20 Millionen im Jahr 2022. Die Zahl von knapp fünf Millionen bezeichnet in älteren WHO-Angaben lediglich den erwarteten zusätzlichen Anstieg in Ländern mit sehr hohem Entwicklungsniveau.
Unabhängig von dieser Unstimmigkeit weisen Golikowas Zahlen auf ein grundsätzliches Problem des russischen Gesundheitswesens hin. Eine alternde Bevölkerung trifft auf verbreiteten Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und eine hohe Belastung durch Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Die vier „Reiter“ sind damit weniger eine neue Diagnose als eine einprägsame Bezeichnung für bereits bekannte und langfristig wachsende Gesundheitsrisiken.

COMMENTS