Verlasst den prorussischen Antimainstream!

Warum Russland-Engagement außerhalb der aktuellen „Szene“ mehr Sinn macht

[Kommentar von Roland Bathon] Im gesellschaftlichen Diskurs Deutschlands im Bezug auf Russland steht der gesellschaftliche Mainstream mit vielen antirussischen Akteuren an der Spitze einem heterogenen und dennoch geschlossenem „Anti-Mainstream“ gegenüber. Doch die Zusammensetzung dieses Antimainstreams, insbesondere in seinem radikaleren Bereich macht es Meinungsführern gegen Russland einfach, jeden „Russlandversteher“ als kleinen Verrückten zu diskreditieren. In meinem Beitrag möchte ich aufzeigen, warum die scheinbar so schöne Antimainstream-Community für jeden ernsthaften Freund Russlands ohne verquere Ansichten der falsche Ort ist, sich zu betätigen und warum man mit Engagement nur aus dieser Szene heraus Russland keinen Gefallen tut.

Der Wandel der Welt zwischen Deutschland und Russland

2013 war die Welt zwischen Deutschland und Russland noch eine andere – vor allem von den in Deutschland ernsthaft an Russland Interessierten wesentlich kleiner – aber auch von den Mainstreams in beiden Ländern nicht so weit entfernt wie heute. Die Leidenschaft der meisten damaligen Russlandfans hatte meist nicht schwerpunktmäßig mit Politik zu tun. Politik im Bezug auf Russland war allgemein im gesellschaftlichen Diskurs als wichtig anerkannt, hatte aber außer zu Staatsbesuchen nicht den Stellenwert wie heute – niemand hätte trotz des vorausgegangenen (und vom georgischen Staatschef Saakaschwili ausgelösten) Georgienkrieg von einem neuen „Kalten Krieg“ gesprochen. Es gab noch kein Rtdeutsch, ein russlandfreundlicher Alexander Rahr wurde noch ins deutsche Fernsehen eingeladen und nicht nur ins russische. Das alles, obwohl in den großen Medien das Klima schon seit Jahren immer mehr von Russlandkritik hin zu einer puren Negativstimmung kippte – aber immerhin noch weitab von wirklicher Hetze, wenn man von wenigen Extremisten wie einem Boris Reitschuster, damals noch beim Focus, absieht.

Nach der Eskalation des Ukraine-Konfliktes im Jahr 2014wurde alles anders. Auf der einen Seite ging ein Riss durch die vorherige Osteuropa-Szene in Mitteuropa. Auf der anderen geschah etwas, auf das man als Freund Russlands, der auf die verschiedenste Weise mit dem Land verbunden war, seit den 90er Jahren vergeblich gewartet hatte: Russland wurde plötzlich „in“ – allerdings nicht im deutschen Mainstream, dessen Kritik sich angesichts der Vorgänge auf der Krim zu wahren Tiraden steigerte, als hätten die Reitschusters in den Redaktionsstuben die Macht übernommen. Nein, es ging um den entgegengesetzten sogenannten „Anti-Mainstream“, der plötzlich seine Russlandliebe entdeckte.

Der heterogene Anti-Mainstream

Der sehr heterogene Haufen mit vielen Schattierungen zwischen bunt und braun und sachlich bis merkwürdig – stets mit fließenden Übergängen – fing plötzlich sogar an, mit russischen Fahnen durch zutiefst deutsche Demonstrationen und Mahnwachen zu laufen. Hier möchte ich nicht den Fehler begehen, den gesamten Anti-Mainstream als „Aluhutträger“ abzuqualifizieren, wie das große Medien tun, denn es sind durchaus Leute mit vernünftigen Positionen dabei. Solche, die einfach etwa des antirussischen Programms großer deutscher Medien überdrüssig sind und zu scheinbar einfachen Erklärungsversuchen greifen, warum so berichtet wird. Denn sie unterschätzen die Macht der inneren Überzeugung transatlantischer Journalisten.

Aber ein Teil dieses Antimainstreams besteht aber doch – und das kann man nicht bestreiten – aus Leuten mit merkwürdigen bis verrückten Meinungen, die man beim besten Willen nicht mehr nur als „unorthodox“ bezeichnen kann, von Chemtrail-Gläubigen über sogenannten Klimaskeptiker, die naturwissenschaftliche Fakten einfach leugnen, bis hin in das sehr rechte Spektrum zu Reichsbürgern und sogar Holocaustleugnern. Sie alle (verquere und „normale“ Antimainstreamer) eint bei den verschiedenen Positionen – neben einer nun positiven Einstellung zu Russland – die Gegnerschaft zum Mainstream an sich. Dabei halten sie ihre Einigkeit für Stärke. Der gemäßigte Teil dieser Bewegung übersieht jedoch völlig, dass ihr Bündnis mit verqueren Gestalten es ihren Gegnern im Mainstream sehr einfach macht, sie alle kollektiv als „Spinner“ hinzustellen, die man nicht ernst nehmen muss – und damit bei der großen Mehrheit der Bevölkerung auf Zustimmung stößt, womit die prowestliche Oberhoheit über den deutschsprachigen Mainstream einfach gewahrt bleibt. Denn das Bild des „Aluhutträgers“ ist in seiner Verallgemeinerung zwar falsch, aber dass es diese gibt und sie Teil des Antimainstreams sind, kann niemand leugnen.

Die Rolle deutschsprachiger russischer Staatsmedien

Der ebenfalls 2014 neu eröffnete Kreml-Kampfsender Rtdeutsch nahm diese brandneuen Russlandfreunde, die das betreffende Land bisher fast alle nicht mit eigenen Augen gesehen hatten, mit offenen Armen auf und zerrte verschiedenste Vertreter der Bewegung in das mit russischen Steuergeldern erbaute TV-Studio. Das betraf sowohl ernstzunehmende Mainstream-Kritiker als auch die „verqueren Gestalten“, die Thesen vor laufender Kamera ernsthaft erläutern durften, bei denen den meisten russischen Normalbürgern die Zehennägel hochrollen würden, wenn sie so etwas als ernsthafte Meinungsäußerung hören würden.

Dennoch ging die Strategie auf und die Marktanteile des Kreml-Kampfsenders – denn genau dies ist die Aufgabe von Rtdeutsch – schnellten so stark in die Höhe, dass sogar der zweite russische Staatssender Sputniknews sein Programm entsprechend anpasste. Er warf eine vorher zumindest teilweise bestehende Seriosität der Vorgänger RIA Novosti und Stimme Russlands über Bord und gibt nun auch gerne einmal gerne ernsthaft Ufo- und Alienstories zum Besten oder verschiedensten Schattierungen der neuen Rechten breiten Raum in der Berichterstattung. Dass man die eigene Glaubwürdigkeit bei Leuten außerhalb dieses Milieus so weit beschädigte, dass man heute Sputnik gar nicht mehr als ernsthafte Quelle im Diskurs außerhalb des „Anti-Mainstreams“ nutzen kann, nahm man in Kauf. Übrigens nehmen in Russland viele einheimische Beobachter den dortigen deutschen Staatsmedienableger „DW Russisch“ inzwischen als ähnlich aggressiven einseitigen Kampfsender wahr – was vor 2013 ebenfalls nicht in diesem Ausmaß geschah und nicht verschwiegen werden soll.

Rufzerstörung für Russlandfreunde

Wenn man sich im Jahr 2017 als Freund Russlands bekennt, hat man durch diese Entwicklung ganz andere Probleme als 2013. Man wird nicht mehr gefragt, „warum Russland“, sondern muss erst einmal vorbeugend feststellen, dass man eben nicht zum Kreis der Aluhutträger, Rechten oder Ufo-Gläubigen gehört, ebenso wie übrigens die meisten Russen in Russland. Denn die Kräfte im Presse-Mainstream, die Deutschland in der Tat (aus Überzeugung, nicht aufgrund „Weisung des CIA“) auf einem strammen prowestlichen Kurs halten, sind natürlich seitdem nicht untätig und verbreiten mit leider teilweise realer Basis ihr Bild vom zwangsläufig verschwörungstheoretischen Pro-Russen als Verallgemeinerung.

Während sich die Kenntnis herrschender Thesen aus dem Anti-Mainstream auf dessen Umfeld beschränkt, ist es durch gekonnte Pressearbeit zum Allgemeingut in der übrigen Gesellschaft geworden, dass Russlandfreunde irgendwie merkwürdig sein müssen. Wer als solcher in Organisationen außerhalb von Russlandkontakten oder Antimainstream tätig ist, weiß und spürt das. Das ist für niemanden schlechter als für Russland selbst. Denn es isoliert auch Freunde Russlands überall dort, wo sie außerhalb der besagten Szene aktiv sind.

Schlussfolgerungen für Nichtverquere

Was soll nun die Quintessenz aus diesen Gedanken sein? Ernsthafte Freunde Russlands innerhalb des Anti-Mainstream sollten überlegen, ob sie eigentlich an der richtigen Stelle tätig sind. Denn es ist natürlich toll, das Community-Gefühl unter im Bezug auf Russland Gleichgesinnten zu genießen, etwa bei der jüngsten deutsch-russischen Friedensfahrt, einem großen Projekt des Anti-Mainstream in seinem gesamten Spektrum. Oder in Sozialen Netzwerken, die es einem einfach machen, sich unter Leuten ähnlicher Meinung in der eigenen „Blase“ auszutauschen und dabei zu vergessen, dass die Leute draußen auf der Straße leider ganz anders denken, was im Bezug auf Russland schlecht ist.

Man sollte sich schon fragen, ob man zum einen damit zufrieden ist, nur in einer Szene zu wirken, während der Rest der Gesellschaft in Richtung einer immer größeren Gegnerschaft zu allem Russischen driftet oder zumindest in einer solchen verharrt. Das gilt besonders für Multiplikatoren, also bekanntere Russlandfreunde, die sich schon darüber bewusst sein sollten, dass sie „Russlandfresser“ im Mainstream nicht zum schwitzen bringen, wenn sie Interviews bei RT oder kleinen verschwurbelten „Alternativsendern“ mit ansonsten Programmen über Energiepyramiden oder Weltverschwörungen geben. Sie verschaffen nur mehr neue Argumente für die eigene Diskreditierung durch politische Gegner.

Verharren wäre fatal – Russen sind oft nicht informiert

Das Verharren in dieser „Szene“ des Anti-Mainstreams ist noch aus einem anderen Grund keine gute Alternative. Denn der radikalere Teil dieses Milieus hat, wenn man ehrlich ist, überhaupt kein Interesse daran, dass das Verhältnis zwischen deutschem und russischem Mainstream insgesamt wieder besser wird. Denn man gefällt sich als „friedensgesinnter“ Alternativ-Deutscher und wenn es um Antimainstreamer aus dem rechten Milieu geht, erreicht man die eigenen politischen Ziele auch kaum über eine multinationale Verständigung, bei der Russland aufhört, der Böse für Deutsche zu sein. Eine Beeinflussung des Mainstreams erfordert in einem gewissen Maße eine Teilnahme am dortigen Diskurs und daran haben Radikale überhaupt kein Interesse. Für manchen radikalen Anti-Mainstreamer würde Russland im Moment einer Aussöhnung aufhören, interessant zu sein, so wie es erst 2014 durch verstärkte internationale Spannungen interessant wurde. Ihr Interesse ist eher die Existenz von Gräben, als deren Überwindung. Und die Vertreter diverser Verschwörungstheoretiker in der Antimainstream-Szene nimmt ihr darüber hinaus jede Kampfkraft zum Erreichen einer breiteren Bevölkerung.

Übrigens muss man sich nicht wundern, dass Russen aus Russland selbst auch radikale Anti-Mainstreamer bis hin zu Rechtsextremen mit offenen Armen empfangen, denn in Russland ist fast niemand in deutscher Innenpolitik bewandert und man freut sich in diesen harten Zeiten erst einmal über Jeden, der überhaupt das Image vom bösen Russen durchbricht, auch wenn manche Russen erschrecken würden, was mancher denkt, den sie in die Arme schließen. Denn eigentlich umarmen sie bei radikalen Anti-Mainstreamern Leute, die ihren Interessen in Wahrheit widersprechen. Während sich auch Putin bei internationalen Auftritten um Entspannung bemüht, sind hier Leute nur deswegen Freunde von Russland, weil es aktuell keine solche Entspannung gibt.

Mainstream kippen statt Anti-Community

Die einzige echte Chance auf eine solche Entspannung ist auch nicht der Aufbau und Erhalt eines funktionsfähigen Anti-Mainstreams in Deutschland, wie das Rtdeutsch und Sputnik auf ihrer Agenda haben. Sondern es müsste gelingen, den Mainstream an sich zu kippen. Das ist übrigens nicht für alle Zeiten utopisch, denn der gemeinsame Widerstand von Deutschland, Russland und Frankreich gegen den US-geführten Irakkrieg zu Beginn von Putins Amtszeit funktionierte von deutscher Seite genau deshalb, weil die Stimmung in Deutschland gegen die Transatlantiker, die auch damals in mächtigen Positionen existierten und einen sinnlosen Krieg unterstützten, gekippt werden konnte. Das Verhalten der beiden heutigen deutschsprachigen russischen Sender RT und Sputnik, die es ja angesichts ihrer Personalausstattung besser wissen müssten und dennoch in den internen gesellschaftlichen Diskurs Deutschlands nur Öl ins Feuer gießen, ist wirklich verwerflich. Man sollte sich einmal als sichtbarer Vertreter Russlands in Mitteleuropa ernsthaft Gedanken machen, wo das eigentlich hin führen soll, eine Minderheitenszene zu bedienen und sich vom Rest zu isolieren. Was rechte Anti-Mainstreamer angeht: Der Heldenstatus unter deutschen Rechtsradikalen sollte für Russen angesichts ihrer eigenen Geschichte generell nicht erstrebenswert sein.

Als nichtradikaler Russlandfreund muss man eigentlich den schwierigeren Weg gehen und versuchen, ein anderes Verhältnis zu Russland in den Mainstream zu tragen und dort den Diskurs mit den unverbesserlichen Transatlantikern aufzunehmen. Gerade im Zeitalter von Trump und der US-Sanktionen gegen deutsche Wirtschaftsinteressen ist das keine unlösbare Aufgabe. Man muss sich lösen von merkwürdigen Menschen, die an Piloten glauben, die weltweit die Gesellschaft im Regierungsauftrag mit Gasen vergiften (Chemtrails) oder von Impfgegnern, die die Gesundheit ihrer eigenen Kinder aus ideologischen Gründen riskieren. Solche Dinge haben nichts damit zu tun, auf der Krim den Fakt anzuerkennen, dass 90 Prozent der Bevölkerung bei Russland bleiben wollen. Wer wirklich an verquere Ansichten wie Chemtrails, Holocaustleugnung oder die „BRD GmbH“ glaubt, ist im verbliebenen Antimainstream richtig, der Rest sollte sich von dort dringend verabschieden.

Es gibt übrigens Leute, die sich schon weitab dieses Milieus damit beschäftigen, friedlichere Positionen zu wichtigen Entscheidungsträger zu tragen. Wie die Initiative „Entspannungspolitik jetzt“, die abseits der Anti-Mainstream-Szene wichtige Entscheidungsträger für einen anderen außenpolitischen Kurs Deutschlands sammelt. Nie davon gehört? Sie hat wohl zu wenig Aktivisten. Die Russlandfreunde außerhalb des Anti-Mainstream sind schwach. Es ist Zeit, sie zu stärken. Es ist jetzt an der Zeit solche Initiativen neu zu starten oder zu unterstützen – ohne den Ballast merkwürdiger Mitstreiter als Klotz am Bein. Es ist sogar höchste Zeit angesichts der weltpolitisch angespannten Lage, in deren Zentrum Russland und Deutschland stehen.

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.