US-Kriegsschiff sprengt Flottenparade in St. Petersburg

Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 3rd Class Jonathan B. Trejo/Released

Die in St. Petersburg geplante Flottenparade zur Feier des Siegestages am 9. Mai fällt offenbar flach, denn die Schiffe sind abgedampft: Ein US-Zerstörer auf der Ostsee mit reichlich Marschflugkörpern an Bord erschien Russlands Admiralität zu gefährlich.

Schon einige Tage lagen sechs Kriegsschiffe der russischen Ostseeflotte auf der Newa vor Anker, weitere sollten noch dazu stoßen. Wie schon in den letzten Jahren wollte das Militär den Tag des Sieges nicht nur mit einer Militärparade auf dem Schlossplatz, sondern auch mit einer Flottenparade feiern. Dabei fährt das Oberkommando der Flotte samt Ehrengästen auf einer Yacht an den Schiffen entlang, deren Besatzungen grüßend auf den Decks antreten.

Beunruhigend: Flotte hat keine Zeit zum Paradieren

Doch in der Nacht auf Samstag verschwanden die grauen Marineschiffe. Auch aus dem Militärhafen von Kronstadt auf der vorgelagerten Insel Kotlin, wo ebenfalls eine Flottenparade stattfinden sollte, liefen die dort liegenden Kriegsschiffe aus. Nach Vorbereitungen für Feierlichkeiten sah das nicht aus, eher nach einer Alarmsituation.

Den ganzen Tag über gab es aber keine Informationen, weshalb die Schiffe ausgelaufen sind. Kommentare von Petersburger Webnutzern schwankten dann auch zwischen Kriegsangst und schwarzem Humor: Der Flotte wurde unterstellt, ihre Schiffe seien entweder gesunken oder gestohlen worden – oder es würden neue Stealth-Fähigkeiten demonstriert.

Ein Schiff voller Tomahawks

Erst am Sonntag informierte die lokale Internetzeitung Fontanka.ru aus eingeweihten Kreisen über die Hintergründe des seltsamen Manövers: Die Flottenparade sei abgesagt, denn in die Danziger Bucht ist der amerikanische Zerstörer USS Carney eingelaufen – ein hochmodernes Kriegsschiff, das bis zu 90 Marschflugkörper an Bord haben kann. Der unlängst erfolgte Militärschlag der USA gegen einen syrischen Luftwaffenstützpunkt war von einem analog ausgestatteten Schwesterschiff im Mittelmeer erfolgt, das dabei 59 Tomahawk-Raketen abfeuerte – von denen man sagt, sie könnten so tief fliegen, dass sie auch durch die modernsten russischen Luftabwehrsysteme nicht abzufangen seien.

Abtauchen als Vorsichtsmaßnahme

Angesichts der gegenwärtigen Weltlage und dieser konkreten potentiellen Bedrohung vor der Haustür entschied sich die russische Marineführung, besser in Habacht-Haltung zu gehen als ihre Schiffe piccobello poliert in Petersburg dümpeln zu lassen – zumal sie sich dort nicht einmal verteidigen könnten: Vor der Einfahrt in die Stadt wird die Munition auf der Basis in Kronstadt ausgeladen. Dort wurden am Samstag, so berichteten Augenzeugen, U-Boote und Kriegsschiffe wieder eilig aufmunitioniert und aufgetankt. Man kann davon ausgehen, dass die russische Marine die Carney inzwischen nun ihrerseits ins Visier genommen hat.

Ein Flottenoffizier sagte gegenüber fontanka.ru, eine Verteilung der Kampfschiffe auf dem Meer sei in einer solchen Situation eine übliche Verfahrensweise. Ein Anlass für die Petersburger, „Streichhölzer und Salz“ zu hamstern – sprich sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, bestehe aber absolut keiner.

Land- und Luftparade soll stattfinden

Deshalb kann auch, wer in der Newa-Metropole am Dienstag Morgen vom Donnern von Düsenjägern aus dem Bett geholt wird, beruhigt liegen bleiben: Das ist nur das Echo des letzten Krieges. Denn ähnlich wie in Moskau werden dieses Jahr erstmals gegen Ende der üblichen Militärparade zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg auch mehrere Staffeln von Hubschraubern und Kampfjets über den Schlossplatz donnern. Die Generalprobe fand am Sonntag jedenfalls wie geplant statt. Und wer sich für militärische Machtdemonstrationen begeistern kann, wird dieses Spektakel ohnehin für weitaus beeindruckender halten als die doch eher statische Flottenparade. Nach Informationen der Agentur RIA Novosti soll sie übrigens dennoch stattfinden – aber in verkleinertem Umfang.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.