Unterschiedliche Entwicklungen in Süd- und Ostukraine

Zwischen Seperatismus und Rückeroberungswillen - eine Gegend in Bewegung

In den deutschen Medien wird häufig von der „Süd- und Ostukraine“ als einem russischsprachigen Block gesprochen. Doch aktuell zeichnen sich ganz verschiedene Entwicklungen in den südlichen und östlichen Landesteilen ab.

Je weiter man in den Süden blickt, desto stärker sind die Tendenzen, sich von der Ukraine abspalten zu wollen. Den Gipfel bildet hier die Krim, auf der seperatistische Bürgerwehren dabei sind, nach und nach die Herrschaft an immer mehr Punkten zu übernehmen. Die groß (und falsch) berichtete Übernahme des Flughafens von Sewastopol ist nur ein Mosaikstein von immer mehr Besetzungen und Straßensperren von „Selbstverteidigungskräften“. Sie unterstützen offen eine Sezession der Krim von der Ukraine und bilden sich nach Selbstdarstellung „vorbeugend“ gegen ein Eingreifen des Ukrainischen Staates.

In der Ostukraine wiederum gibt es zwar auch viele, die sich vom Gesamtstaat lösen wollen. Sie haben dort jedoch nicht die Oberhand. Denn in Charkow oder Donezk im Donbas, dem Industrierevier des Ostens haben aktuell noch die Gefolgsleute der dort dominanten „Partei der Regionen“ – also Janukowitschs Partei die Herrschaft in Händen. Diese fahren aktuell eine Doppelstrategie. Zwar bezeichnen sie die Machtübernahme der Euromaidan-Westorientierten und Nationalisten in Kiew als illegal, grenzen sich aber von ihrem ehemaligen Anführer ab und suchen nach einer neuen Führung. Auch kritisieren sie die Rücknahme des Schutzes der Minderheitensprachen in der Ukraine durch die neue Regierung, sprechen sich aber offen gegen Seperatismus und für eine Erhaltung der ukranischen Einheit aus.

Ziel der „Partei der Regionen“ scheint dabei weiter die Rückeroberung der Macht in der gesamten Ukraine zu sein, wie sie Janukowitsch nach der ersten orangenen Revolution ja auch schaffte – nur dieses Mal unter einem neuen Flaggschiff. Schon rein aus taktischen Gründen wenden sich die ostukrainischen Führer deshalb gegen die Seperatisten auf der Krim und anderswo, denn wenn sich ein Teil des russischsprachigen Südens und Ostens vom Gesamtstaat trennt, rückt eine erneute Machtübernahme der „Partei der Regionen“ in weite Ferne. Es ist auch kein Zufall, dass die Seperatisten in Simferopol sehr früh das dortige Parlament besetzt haben, in dem auch Janukowitschs vormalige Gefolgsleute saßen, die andere Ziele als sie verfolgen.

Proteste mit seperatistischen Untertönen gab es nach unseren Recherchen außerhalb der Krim vor allem in Odessa und Donezk. Von einer Machtübernahme wie auf der Krim sind die dortigen Protestierer jedoch weit entfernt, denn an allen Schalthebeln sitzen noch bisherige Gefolgsleute Janukowitschs, die nun nach einer neuen Führung suchen. Es wird sich aber erst in den nächsten Tagen zeigen, ob die Ausbreitung der Herrschaft Abspaltungswilligen auf die Krim stoppt oder gegen den Willen der dort mächtigen auch die übrige russischsprachige Ukraine erfasst.