Unter alten Feinden: Putin empfängt Erdogan

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[Von Lothar Deeg] – Während der türkische Präsident Erdogan im Westen immer mehr zum roten Tuch wird, rollt Russland ihm den roten Teppich aus. Am Dienstag ist er bei einem Gipfel bei „meinem Freund Wladimir“ in St. Petersburg zu Gast. So geht also Realpolitik.

Die egozentrischen starken Männer an Europas Ostflanke, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, sind sich nicht mehr böse: Er freue sich auf den Besuch bei seinem „Freund Wladimir“, sagte Erdogan in einem Interview mit der russischen Agentur TASS. Die beiden nach westlichem Dafürhalten momentan nur mit spitzen Fingern anzufassenden So-gut-wie-Diktatoren werden am Dienstag in St. Petersburg die Beilegung des jüngsten russisch-türkischen Konflikts verkünden.

Relaunch nach schwerer Beziehungs-Krise

Ob sie dabei gleich gemeinsame Sache „gegen den Westen“ machen werden, muss sich erst noch zeigen: Erdogan sprach zwar von einem „historischen Besuch, einem neuen Anfang“. Beide Länder hätten viele gemeinsame Aufgaben vor sich, sagte er verklausuliert. Aber noch immer trennt beide Länder viel.

Das letzte Treffen von Wladimir Putin und Recey Tayyip Erdogan ist noch gar nicht so lange her: Es fand im November beim G-20-Gipfel im türkischen Antalya statt. Russlands Beziehungen zur Türkei waren damals zwar wirtschaftlich intensiv, aber vor allem hinsichtlich Syriens von diametralen Interessen geprägt: Während Russland das Assad-Regime mit massivem Einsatz stützt, hält die Türkei zu dessen Gegnern – wobei beide Staaten immer schön beteuern, in erster Linie doch den IS zu bekämpfen. Daran hat sich nichts geändert.

Keine zehn Tage nach Antalya hatte dann ein türkischer Kampfjet einen russischen Su-24-Bomber im syrisch-türkischen Grenzgebiet vom Himmel geholt: Russland verhängte als Antwort umfangreiche Import- und Wirtschaftssanktionen gegen Ankara und blockierte den umfangreichen Pauschaltourismus aus Russland an die türkischen Strände. Die Beziehungen gingen auf Grundeis, man bedachte sich gegenseitig mit Verbalien jenseits der diplomatischen Etikette. Die beiden eurasischen Brückenstaaten, die sich in der Geschichte nicht einmal bekriegt hatten, schienen den Winter über auf einen Dauerkonflikt und eine Machtprobe im Spannungsbogen zwischen Nahost und Kaukasus zuzusteuern.

Türkei betreibt Frontbegradigung

Selbst das für Russland strategisch wichtige Nadelöhr der Bosporus-Durchfahrt schien das Potential für einen Kriegsgrund herzugeben. Und wohl nicht ganz zufällig brachen prompt heftige Kämpfe zwischen Aserbaidschan und der von Armeniern gehaltenen Provinz Berg-Karabach aus: Das roch nach einem Stellvertreterkrieg.

Doch die wirtschaftlich schwächelnde Türkei kann sich weder diesen Konflikt im Osten noch einen mit Russland im Norden leisten – schließlich ist sie im Süden mit den Kurden und auf dem syrischen Schlachtfeld bereits schwer involviert. Und in westlicher Richtung verderben gerade die alten Bindungen an die EU, die Nato und die USA.

Erdogan sucht Beistand und Anerkennung

Das schnelle und deutliche Zelebrieren der Aussöhnung mit Moskau dürfte nun in erster Linie ein taktisches Manöver sein: Erdogan demonstriert so seine Friedfertigkeit und – wichtig vor dem nächsten G20-Gipfel in China Anfang September – die Tatsache, dass er keineswegs international isoliert ist. Denn im Gegensatz zur EU und der USA kommt aus Moskau keine Kritik an den Repressionen und Säuberungen nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei: Einerseits ist eine Prämisse der russischen Außenpolitik, Menschenrechte, Demokratiedefizite und interne Machtkämpfe als innere Angelegenheiten zu betrachten, in die man sich von außen nicht einzumischen habe (was man umgekehrt auch für das eigene Land in Anspruch nimmt).

Andererseits hat Moskau aber auch nicht das Problem, die Türkei als Beitrittskandidaten, militärischen Alliierten und Bollwerk gegen Flüchtlingswellen goutieren zu müssen. Sie ist einfach ein Nachbar. Mit der Türkei gewinnt Russland seinerseits einen wichtigen Wirtschaftspartner zurück und schafft sich zumindest eine Gesprächsplattform für das Vorgehen in Syrien und gegen den IS. Zweifellos bohrt Moskau mit dem Umgarnen Erdogans aber auch lustvoll und demonstrativ Sprenglöcher in die Nato-Ostflanke.

Aussöhnung begann vor dem Putsch

Es wäre allerdings falsch, die Beilegung des Konflikts mit Moskau nur als Ausweichmanöver Erdogans aufgrund der scharfen westlichen Kritik an seinen neuen Herrschaftsmethoden zu verstehen: Denn die Grundlage dafür war ein Entschuldigungsbrief des türkischen Präsidenten an die Familie des umgekommenen russischen Piloten, der bereits am 27. Juni im Kreml einging – also zwei Wochen vor dem Putsch. Russland signalisierte daraufhin seine Bereitschaft, das Kriegsbeil zu begraben. Russischen Reisebüros wurde daraufhin erlaubt, wieder Pauschalreisen in die Türkei zu verkaufen. Mehr aber auch nicht.

Deshalb müssen die beiden Staatschefs noch jede Menge Gräben zuschütten, bevor sie sich darüber die Hände reichen können: Anders als von vielen Medien dargestellt, sind die russischen Sanktionen gegen viele türkische Agrarprodukte nämlich noch in Kraft. Darüber werde man auf dem Gipfel reden, so Putin-Berater Juri Uschakow. Russland wolle aber sicherstellen, dass keine mit Sanktionen belegten EU-Lebensmittel auf dem Umweg über die Türkei ins Land kämen. Gesprochen werden soll auch über eine türkische Entschädigung für den abgeschossenen Suchoi-Bomber sowie eine Reanimierung von auf Eis gelegten Großprojekten wie einer neue Gaspipeline und den Bau eines Atomkraftwerks.

Konkrete Verträge oder Abmachungen sollen auf dem Petersburger Gipfel nicht unterzeichnet werden. Führende Wirtschaftsvertreter und einige Minister – nicht aber jene für Verteidigung – gehören dennoch zu den Delegationen.

Putin hat auch noch ein Druckmittel im Köcher: Nach wie vor erlaubt Moskau keine Charterflüge in die Türkei. Begründet wird das Verbot jetzt mit Sicherheitsbedenken, unter anderem wegen des schweren Terroranschlags Ende Juni im Istanbuler Flughafen. Wenn die Türkei wenigstens in der nächsten Saison ihre halbverwaisten Badeorte wieder mit russischen Touristen beleben möchte, muss Erdogan Russland also deutlich entgegenkommen.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.