„Unser Heiliger“ in Moskau – eine halbe Million Menschen pilgerten zu den Gebeinen des Hl. Nikolaus

„Liebe Pilger, zu den Gebeinen des Hl. Nikolaus bitte nehmen Sie den Ausgang der Metrostation Park Kultury. Ich wiederhole.“ Eine uniformierte Frau mit einem Megaphon geht auf und ab und wiederholt immer wieder den gleichen Satz. Nur ein Naiver könnte auf die Idee kommen, bis zur Metrostation Kropotkinskaya zu fahren, die sich unmittelbar vor der Christi-Erlöser-Kathedrale befindet, um zu den Reliquien zu gelangen. Denn die Warteschlange zieht sich kilometerlang am Moskwa-Fluss entlang.

Kein Wunder, denn der Hl. Nikolaus wird von den russischen Christen wie kein anderer verehrt. Im Volk wird der Wundertäter liebevoll Nikola oder Mikola genannt. Die ‚Einverleibung’ von einigen Heiligen ist für den russischen (Volks)Glauben sehr charakteristisch. So ist aus dem Bischof von Myra aus dem 4. Jahrhundert ein ‚waschechter Russe’ geworden, wie Andreij Sinjawskij schreibt: „Er ist der beständige Wohltäter des russischen Volkes“. Unzählige Kirchen und Klöster in Russland sind ihm gewidmet, und neben Christus und Gottesmutter ist die dritte große Ikone auf der Ikonostase die Ikone des Hl. Nikolai. Am 21. Mai war auf Bitten des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill die Nikolaus-Reliquie zum ersten Mal in der Geschichte vom italienischen Bari nach Moskau gebracht worden.

Vor der Haltestelle Park Kultury stehen mehrere junge Männer, auf ihren Warnwesten steht „Orthodoxe Helfer“. „Wir arbeiten in Schichten jeweils mehrere Stunden“, erzählt Sergej. Sie seien Freiwillige von verschiedenen Gemeinden, die für Ordnung sorgen wollen. Sie geben den Menschen Hinwiese, wo sie hingehen sollen, beantworten andere Fragen der Pilger. Slawa ist erst 13 Jahre alt und hilft auch mit. „Die Jungs in deinem Alter sind jetzt am Freitagabend am Feiern, und du stehst hier stundenlang bei schlechtem Wetter…“. Slawa zuckt mit den Schultern. Es mache ihm Spaß, nützlich zu sein. Ob sie schon vor dem goldenen Reliquienschrein gebetet haben? Die Männer lachen. Von wegen. Wahrscheinlich werden sie gar nicht in den Genuss kommen, denn durch ihr freiwilliges Engagement haben sie keine Vorrechte, und die Schlange wächst von Tag zu Tag.

Schon in der ersten Woche strömten mehr als 180.000 Menschen in die wichtigste orthodoxe Kirche der russischen Hauptstadt – in die Christ-Erlöser-Kathedrale, wo die Gebeine aufgestellt sind. Bis zu zehn Stunden nehmen die Pilger inzwischen in Kauf, um zu ihrem Lieblingsheiligen zu gelangen. Die Schlange wird streng abgeriegelt, überall patrouilliert die Polizei. Toiletten, warmes Essen und Busse, wo Menschen sich kurz erholen können sind vorgesehen. Damit es nicht zu Tumulten kommt, wird die Schlange in kleine ‚Portionen’ von mehreren hundert Menschen geteilt, dazwischen – ein Hohlraum. Die Polizisten machen ungefähr alle fünfzehn Minuten die Schranken auf, um die Menschengruppen weiterzulassen. Auf der Internetseite der Kathedrale kann man nachlesen, wo genau die Schlange aufhört und wie lange es dauert, um in die Kirche zu kommen. An diesem Wochenende ist die Schlange bis auf acht Kilometer gewachsen, und man musste schon eine noch weiter entfernte Metrostation nehmen. Hunderte Busse mit Pilgern aus Weißrussland, aus der Ukraine, aus der Wolgaregion und vom Kaukasus kamen alleine am Samstag an. Schon jetzt haben mehr als eine halbe Million Menschen die Gebeine berührt. Am 13. Juli wird die Reliquie nach St. Petersburg gebracht.

Laut einer Umfrage wollen fast 72 Prozent der Russen die Nikolaus-Reliquie aufsuchen.  In einem Land, wo sich fast 80 Prozent der Bevölkerung zur Orthodoxie bekennt, ist es wahrscheinlich nicht erstaunlich. Doch sind wirklich alle die Menschen, die zur Reliquie strömen, gläubig? So eine Frage kann man vermutlich nicht beantworten. Doch eins steht fest, viele Russen wollen dem Mysterium des Glaubens näherkommen – das Gefühl haben, ein Teil des Ganzen zu sein. Denn der Hl. Nikolaus ist im Bewusstsein vieler Menschen ein Schutzpatron Russlands.

In vielen Kirchen sowohl in Moskau als auch in anderen Städten Russlands sind kleine Teilchen der Hl. Nikolaus Reliquie vorhanden, und man kann sie jederzeit berühren und zu ihnen beten. Doch das lange Stehen vor den Gebeinen aus Bari macht diesen Akt zum richtigen Pilgern und zum Überwinden von sich selbst. Nach der Frage von Journalisten, warum sie die Reliquie aufsuchen wollen, gaben Viele zur Antwort, dass sie gar kein Wunder erwarten oder eine Bitte hätten, sondern sich beim Heiligen für etwas bedanken wollen, was sie aus ihrer Sicht ihm zu verdanken haben.

Doch die ‚Warum-Frage’ beschäftigt die russische Gesellschaft weiterhin. In unzähligen Internetforen besprechen die Menschen das Thema, führen teils hitzige Diskussionen, was dieser Kult um den Heiligen Nikolaus zu bedeuten hat. „Das Verehren der Gebeine der Heiligen ist ein Teil unseres Glaubens, den man sehr schwer einem Außenstehenden mit logischen Argumenten erklären kann“, sagte der Priester Alexander Wolkow in einem Interview. „Das kann man nur fühlen. Tausende Pilger, die in der Schlange warten, verstehen mehr als Menschen, die solche Fragen stellen“.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin