Ukraine: Tag des Hasses statt »Tag des Sieges«

Foto: TV-Screenshot
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Zu unschönen Szenen kam es heute während der Feierlichkeiten zum »Tag des Sieges« in der Ukraine. Rechte nationalistische Gruppierungen störten Gedenkfeiern und attackierten den Marsch des »Ewigen Regiments«. Russischen Diplomaten wurde der Zugang zum Ehrenmal in Kiew verwehrt.

Bereits im Vorfeld des legendären 9. Mai, an dem der unbeschreibliche Terror der deutschen Nationalsozialisten vor 72 Jahren sein blutiges Ende fand, wurden in der ukrainischen Hauptstadt Stimmen laut, den im benachbarten Russland nahezu heiligen »Tag des Sieges« zu unterbinden. Ukrainische Nationalisten drohten an, das Gedenken an die Veteranen in Kiew stören zu wollen. Mitte vergangener Woche kündigte Nikolai Kochanowski, der Führer der »Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN)« via soziale Netzwerke an, als Konteraktion ein »Sterbliches Regiment« am 9. Mai auf die Straße zu schicken.

„Die Freiwilligenbewegung OUN ruft alle Ungleichgültigen auf, herauszukommen und den Abschaum zu stoppen“, befeuerte Kochanowski die Aktion, die sich gegen die Teilnehmer des Marsches des »Unsterblichen Regiments« richtet. Auch dieses Jahr nahmen wieder über 10.000 Teilnehmer am Kiewer Gedenkmarsch teil, bei dem der Toten des Zweiten Weltkriegs gedacht werden soll. Bilder und Erinnerungsstücke von im Krieg umgekommenen Verwandten symbolisieren die Verbundenheit mit den Opfern.

Landesweite Übergriffe

Die Lage sei angespannt gewesen, berichtet der tschechische Sender »Radio Swoboda«. Der Zugang zum Ehrenmal wurde demnach von einer größeren, nationalsozialistisch geprägten Gruppe blockiert. Hier sollte der Endpunkt des Marsches sein. Weiter heißt es, dass das Hauptbüro der Organisation erst von Friedensaktivisten, dann von Sicherheitskräften versperrt worden sei. „Aus den Fenstern des ersten Stockwerks wurden Teilnehmer der Aktion »Unsterbliches Regiment« mit Rauchgranaten, Flaschen, Kartoffeln und Eiern beworfen“, berichtete die ukrainische Nachrichtenagentur »UNN«.

In Dnepropetrowsk hätten drei Dutzend ukrainische Nazis zusammen mit Söldnern der »Anti Terror Operation (ATO)« gewaltsam versucht mehrere tausend Ukrainer an der Teilnahme des anti-faschistischen Marsches zu hindern. Dabei seien laut einer Twittermeldung elf Angreifer verletzt worden. Auch aus Charkiw wurden Zusammenstöße der beiden Interessengruppen gemeldet.

Aus der südostukrainischen Stadt Saporischschja meldet die «Ukrainskaja prawda« mit Verweis auf örtliche Medien ebenfalls von heute stattgefundenen Übergriffen auf das »Unsterbliche Regiment«. Einige Teilnehmer des Marsches, so heißt es, hätten Tonträger mit sowjetischen Liedern abgespielt und sowjetische Fahnen dabei gehabt. Daraufhin habe eine radikale Gruppe dazu aufgefordert, die „verbotenen Symbole“ zu entfernen und provokativ antikommunistische Parolen skandiert, sowie die ukrainische Nationalhymne gesungen. Die Teilnehmer seien durch einen Ring der Nationalgarde vor den Störern geschützt worden.

Diplomaten Zugang verwehrt

Noch am Samstag betonte der Berater des Sicherheitsdiensts der Ukraine (SBU), Juri Tandit, dass er während des Marsches keinerlei Provokationen zulassen werde und keinen Grund sähe, die Aktion zu unterbinden. Offiziell wird die Tradition des »Tag des Sieges« nach dem Umsturz in Kiew im Februar 2014 in der Ukraine jedoch nicht mehr gefeiert.

Wie die Zeitung »Kommersant«, gab es in der ukrainischen Hauptstadt heute auch einen Zwischenfall mit russischen Diplomaten. Mitarbeitern der russischen Botschaft in Kiew wurde der Weg zu einer Kranzniederlegung am Ehrenmal des gefallenen Soldaten von Unbekannten versperrt. Gutes Zureden und Verhandlungen seien gescheitert. Die Diplomaten kündigten an, die ukrainischen Behörden von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen und darauf hinzuweisen, dass Vertreter ausländischer Staaten auf dem Territorium der Ukraine unantastbar seien.

Unverrichteter Dinge seien die Botschaftsangehörigen wieder abgezogen und hätten ihre Gebinde stattdessen am Denkmal des Generals Nikolaj Watutinu abgelegt. Der General leitete 1944 die Operation zur Befreiung Kiews von den faschistischen Truppen und starb an den Folgen einer Verwundung, die ihm bei den Kampfhandlungen zugefügt wurde. Möglicherweise, so schreibt der »Kommersant«, sei dies die letzte Ehrung des Befreiers gewesen. Im Zuge der „Dekommunisierung“ sei beschlossen worden, das Denkmal abzutragen.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.