Ukraine: Sprachen der Minderheiten unter Druck

Dr. Christian Wipperfürth © russland.tv
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[von Christian Wipperfürth] Soll das Land „lediglich“ ukrainisch geprägt sein oder es ist eine Stärke, das die Ukraine multi-nationale Wurzeln besitzt? Hierüber wird seit Jahrzehnten gestritten. Ein neues Schulgesetz heizt die Kontroverse in der Ukraine und mit den Nachbarn an.

Mit der Unabhängigkeit wurde Ukrainisch 1991 alleinige Staats- und Unterrichtssprache. Die Bedeutung des Ukrainischen ist seither erheblich angestiegen. Gleichwohl: Etwa 30% der Bewohner der Ukraine haben eine andere Mutter- oder Umgangssprache als Ukrainisch, meist Russisch, aber auch Ungarisch, Rumänisch oder Polnisch. Für weitere etwa 30% sind Ukrainisch und Russisch von gleich hoher Bedeutung und rund 40% sind Ukrainisch sprachig. Andere Schätzungen kommen teils zu anderen Werten. Unbestreitbar ist jedoch, dass die Ukraine faktisch ein zweisprachiges Land ist – Ukrainisch und Russisch.

2012 wurde den Regionen, in denen mindestens zehn Prozent der Bevölkerung eine andere Muttersprache als Ukrainisch haben die Möglichkeit eingeräumt, einer weiteren Sprache einen offiziellen Status zu verleihen. Hiervon machte fast die Hälfte der Regionen Gebrauch. Russisch, aber auch Ungarisch und Rumänisch erhielten somit in zahlreichen Gebieten erstmals den Status einer Amtssprache.

In einer ihrer ersten Amtshandlungen annullierte die neue Führung des Landes Ende Februar 2014 jedoch dieses Sprachengesetz von 2012. Ausländische Mächte, nicht zuletzt Deutschland, warnten vor diesem Schritt, der darum auch unterblieb. Das Sprachengesetz blieb somit in Kraft.

Die Bevölkerung wünschte im Frühjahr 2014 mit deutlicher Mehrheit, dass Russisch neben dem Ukrainischen Staatssprache sein solle. Dies zeigt bspw. die Umfrage des amerikanischen „Pew“-Instituts:

Die ukrainische Führung will andere Sprachen aber weiterhin zurückdrängen. Seit März 2017 müssen bspw. 75% der Sendungen nationaler Fernsehsender auf Ukrainisch ausgestrahlt werden sowie mindestens 50% der Programme der regionalen Fernseh- und Radiostationen. Dies betrifft insbesondere russischsprachige Sender, aber auch die der anderen Sprachen.

Diese geraten auch im Schulsektor unter verstärkten Druck. Anfang September 2017 verabschiedete das Parlament ein neues Schulgesetz, das Ende September mit der Unterschrift Präsident Poroschenkos in Kraft trat.

Dabei wird von den etwa 15.000 Schulen in der Ukraine lediglich in 581 auf Russisch unterrichtet, in 75 auf Rumänisch, in 71 auf Ungarisch und in fünf auf Polnisch.

Nach dem neuen Schulgesetz kann den ersten vier Klassen weiterhin in den Sprachen unterrichtet werden, die neben dem Ukrainischen offiziell zugelassen sind. Ab der fünften Klasse soll Ukrainisch Unterrichtssprache sein. Hiervon sind Ausnahmen möglich: In Sprachen der EU sollen weiterhin einige Fächer – also nicht alle  – unterrichtet werden können, d.h. auf Ungarisch, Rumänisch und Polnisch. Ein Unterricht auf Russisch wird somit nicht mehr möglich sein.

Das neue Schulgesetz stößt innerhalb der Ukraine auf erheblichen Widerstand. Und auch die Nachbarn finden starke Worte, nicht nur Russland. Klaus Iohannis, der Präsident Rumäniens, erklärte vor der UN-Vollversammlung, „sehr, sehr unangenehm überrascht“ über das Gesetz zu sein. Er lud den ukrainischen Präsidenten aus, dessen Besuch in Bukarest kurz bevorstand. Der ungarische Außenminister bezeichnete das Gesetz als „beschämend und beleidigend“.

 

Quelle der Folie:

Studie von Pew, S. 5. Herunterzuladen unter: http://www.pewglobal.org/2014/05/08/chapter-1-ukraine-desire-for-unity-amid-worries-about-political-leadership-ethnic-conflict/

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.