Ukraine: Europa-League im Bürgerkrieg

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Donnerstag ist Europapokaltag. Für die großen Vereine ist es der „Verlierer-Cup“, für die kleinen vielleicht ihre große Chance im Haifischbecken Profi-Fußball. Wenn die Tante Hertha aus Berlin heute gegen den ukrainischen Premier-Ligisten Sorja Luhansk antritt, ist das noch einmal was ganz anderes. Es ist Fußball mitten im Bürgerkrieg.

Luhansk liegt 700 Kilometer Luftlinie entfernt südöstlich von Kiew und hat etwas mehr wie 400.000 Einwohner. Der Initiative der russischen Kaiserin Katharina II. ist es zu verdanken, dass die Stadt 1795 zu einem Industriestandort wurde. Im Jahr 1800 brannte der erste Hochofen und 1812 wurde mit den Patronen und Geschossen, die dort gefertigt wurden, die Grand Armee von Napoleon Bonaparte aus dem Land getrieben. Heute ist die Schlacht von Borodino Geschichte und es werden stattdessen Diesellolomotiven gefertigt. Das Werk gilt als die größte Lokomotivfabrik Europas.

Und es gibt einen Fußballklub vor Ort. Sorja Luhansk feierte schon große Erfolge und wurde 1972 sogar sowjetischer Fußball-Meister. In den Jahren 1974 und 1975 stand Sorja im Finale des Pokals der Sowjetunion. Vierzehn Jahre lang spielten die Luhansker damals insgesamt in der höchsten Spielklasse der ehemaligen UdSSR. Dann löste sich das sozialistische Staatenkonglomerat in Nichts auf und Sorja Luhansk musste als Tabellenletzter der daraufhin gegründeten ukrainischen Wyschtscha Liha nach der Saison 1995/96 den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, ist kurz darauf sogar in die Dritte Liga abgestiegen. Seit der Spielzeit 2006/07 wieder erstklassig, belegt Sorja derzeit den siebten Platz der Premier-Liga.

Bis dahin entspräche die Vita von Sorja Luhansk der eines jeden anderen beliebigen Fußballvereins in Europa, wäre nicht 2014 der Bürgerkrieg im Südosten der Ukraine ausgebrochen. Ab dem Zeitpunkt war plötzlich alles anders. Das letzte Heimspiel vom FK Sorja Luhansk wurde Ende April im Luhansker Awangard-Stadion ausgetragen. Seitdem kickt man im 400 Kilometer entfernten Saporischschja in einer modernen Arena, die zwar 12.000 Zuschauern Platz bietet, aber trotzdem für die Mannschaft und deren Fans unendlich weit weg ist. Gerade einmal 3.500 der treuesten Anhänger kann der Verein noch anlocken, das ist der Negativrekord im ukrainischen Fußball.

Nun hat sich Sorja Luhansk bereits zum vierten Mal für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren können. Doch hierbei gelten die Regeln der UEFA. Der europäische Dachverband gibt eine bestimmte Größe der Spielstätten für seine Wettbewerbe vor und die inzwischen vertraute Slawutytsch-Arena ist dafür viel zu klein. Also heißt es einmal mehr für Sorja: Umzug in ein anderes Stadion. Mittlerweile war man mal in Kiew, mal in Odessa. Für den Luhansker Klub haben Begriffe wie „Heimspiel“ oder „Heimmannschaft“ deshalb eine etwas zweifelhafte Bedeutung – überall ist man nur zu Gast.

Heute Abend geht es gegen die Hertha aus Berlin. Dieses Mal in Lwiw, ganz im äußersten Westen des Landes, wieder einmal 1.100 Kilometer weit weg von Zuhause. Wenn es dumm kommt, werden es mehr Anhänger des nominellen Gastes sein, die dem Spiel beiwohnen, die sind einfach näher dran. Die Entfernung in die deutsche Hauptstadt beträgt mit dem Flugzeug lediglich 800 Kilometer. In Luhansk erhofft man sich ein gutes Abschneiden gegen den deutschen Traditionsverein, da sich die bisherigen Erfolge in der diesjährigen Europapokalsaison durchaus sehen lassen können.

Nach zwei Spielen mit drei Punkten belegt Sorja Luhansk den zweiten Platz in der Europa-League-Gruppe J. Nur knappe drei Punkte hinter den führenden Schweden aus Östersund, aber stolze zwei Punkte vor – Achtung – Hertha BSC und Athletic Bilbao. „Wir wissen, dass es schwierig ist, aber wir wollen die K.O.-Runde schaffen“, offenbarte der Luhansker Trainer, Juri Wernidub, gegenüber der versammelten Presse. Jedoch, sollte es gut laufen für die Luhansker fernab ihrer Heimat, es stünde eine kleine Sensation ins Haus. Dann wäre, und sei es nur für einen kurzen Augenblick, der Bürgerkrieg in der Ukraine nebensächlich und Fußball wieder das, was es eigentlich ist. Nämlich die schönste Nebensache der Welt.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.