Krankheiten infolge von Übergewicht und Fettleibigkeit verursachen in Russland erhebliche wirtschaftliche Verluste. Besonders schwer wiegt der frühe Tod von Männern im erwerbsfähigen Alter. Forscher der Wirtschaftshochschule HSE beziffern allein die langfristig entgangene Wirtschaftsleistung infolge der Todesfälle des Jahres 2023 auf 1,25 Billionen Rubel.
Übergewicht und Fettleibigkeit sind für Russland nicht nur ein wachsendes Gesundheitsproblem, sondern verursachen auch beträchtliche volkswirtschaftliche Schäden. Nach Berechnungen von Wissenschaftlerinnen der Moskauer Wirtschaftshochschule HSE könnte sich die langfristig entgangene Wirtschaftsleistung infolge der mit übermäßigem Körpergewicht verbundenen Todesfälle eines einzigen Jahres auf rund 1,25 Billionen Rubel belaufen.
Die Summe bezieht sich allerdings nicht auf direkte Verluste innerhalb des Jahres 2023. Berechnet wurde vielmehr, welchen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt die damals vorzeitig Verstorbenen während ihrer mutmaßlich verbleibenden Lebens- und Erwerbsjahre noch hätten leisten können. Die Forscherinnen sprechen damit von langfristig nicht erzeugtem Bruttoinlandsprodukt.
Für das Jahr 2023 selbst beziffern sie den wirtschaftlichen Verlust auf 69,4 Milliarden Rubel. Das entsprach rund 0,04 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Die langfristig entgangenen 1,25 Billionen Rubel entsprachen nach der Berechnung etwa 14 Prozent der damaligen staatlichen Gesundheitsausgaben.
Vorzeitiger Tod als größter Kostenfaktor
Die Untersuchung stammt von HSE-Professorin Marina Kolosnizyna und ihrer Doktorandin Anastassija Dejewa. Sie erschien in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift „Woprossy Ekonomiki“.
Im Mittelpunkt stehen nicht allein die unmittelbaren Behandlungskosten von Fettleibigkeit und ihren Folgeerkrankungen. Berücksichtigt wird vor allem der wirtschaftliche Schaden durch vorzeitige Todesfälle. Wer deutlich vor dem Rentenalter stirbt, fällt über Jahre als Arbeitskraft, Konsument und Steuerzahler aus.
Besonders groß sind die Verluste bei Männern. Auf sie entfallen nach den Berechnungen rund 73 Prozent des gesamten langfristigen Schadens. Etwa 81 Prozent der entgangenen Wirtschaftsleistung gehen auf Todesfälle von Menschen zwischen 35 und 59 Jahren zurück.
Den höchsten Verlust verursachte die Altersgruppe der 45- bis 49-Jährigen. Für sie errechneten die Autorinnen eine langfristig entgangene Wirtschaftsleistung von 231 Milliarden Rubel.
Die Zahlen zeigen, weshalb Fettleibigkeit gerade für eine Volkswirtschaft mit angespanntem Arbeitsmarkt schwer wiegt. Russland leidet bereits unter demografischer Alterung, einem Mangel an Fachkräften und einer sinkenden Zahl verfügbarer Arbeitnehmer. Jeder vorzeitige Todesfall im mittleren Erwerbsalter verschärft diese Probleme.
36 Millionen Menschen mit Fettleibigkeit
Nach den in der Untersuchung verwendeten Angaben war Fettleibigkeit 2025 bei etwa 36 Millionen Menschen in Russland festgestellt worden. Das entsprach 24,6 Prozent der Bevölkerung. Innerhalb eines Jahres nahm die Zahl der als fettleibig registrierten Patienten um rund 600.000 zu.
Die tatsächliche Zahl könnte höher liegen, da nicht alle Betroffenen ärztlich untersucht oder offiziell registriert werden. Zudem ist zwischen Übergewicht und Fettleibigkeit zu unterscheiden. Als übergewichtig gelten nach der üblichen medizinischen Einteilung Menschen mit einem Körpermasseindex von mindestens 25, als fettleibig Personen mit einem Wert ab 30.
Fettleibigkeit erhöht unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gelenkbeschwerden und verschiedene Krebsarten. Zu den wirtschaftlichen Folgen gehören neben vorzeitigen Todesfällen auch häufigere Krankschreibungen, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, frühzeitige Verrentung sowie steigende Ausgaben des Gesundheitssystems.
Die nun genannte Summe bildet daher nur einen Teil der gesamten wirtschaftlichen Belastung ab. Direkte Behandlungskosten und Produktivitätsverluste durch Krankheit wurden in der langfristigen Berechnung des nicht produzierten Bruttoinlandsprodukts nicht vollständig erfasst.
Prävention oder teure Behandlung
Die Forscherinnen schlagen ein Bündel gesundheitspolitischer Maßnahmen vor. Dazu zählen bessere Möglichkeiten für körperliche Bewegung, eine verständlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln, der Ausbau der medizinischen Versorgung sowie Abgaben auf besonders ungesunde Nahrungsmittel.
Solche Vorschläge sind auch wirtschaftspolitisch umstritten. Steuern auf zucker-, fett- oder salzreiche Produkte könnten den Konsum verringern, würden jedoch zugleich die Lebensmittelpreise erhöhen. Aufklärungskampagnen sind preiswerter, verändern das Verhalten der Bevölkerung aber häufig nur langsam.
Noch deutlich höhere Kosten könnte eine umfassende medikamentöse Behandlung verursachen. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums würde die kostenlose Versorgung aller Menschen mit diagnostizierter Fettleibigkeit mit entsprechenden Arzneimitteln den Staat etwa 3,1 Billionen Rubel jährlich kosten.
Damit wären die jährlichen Medikamentenausgaben erheblich höher als die in der Studie errechneten unmittelbaren volkswirtschaftlichen Verluste. Allerdings sind beide Zahlen nur eingeschränkt vergleichbar: Die Behandlungskosten würden gegenwärtig anfallen, während die 1,25 Billionen Rubel einen über viele Jahre verteilten Verlust darstellen.
Weltweit wachsendes Problem
Auch international entwickeln sich Übergewicht und Fettleibigkeit zu einem zunehmenden Kostenfaktor. Nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung könnten die jährlichen wirtschaftlichen Verluste in den G20-Staaten bis 2050 durchschnittlich 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen.
Für Russland besitzt das Problem eine zusätzliche demografische Dimension. Die Wirtschaft benötigt mehr Arbeitskräfte, während die Bevölkerung altert und in vielen Regionen schrumpft. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen zu, deren Gesundheit und Erwerbsfähigkeit durch chronische Erkrankungen beeinträchtigt wird.
Die Studie macht damit deutlich, dass Gesundheitspolitik nicht allein eine soziale Ausgabe ist. Maßnahmen gegen Fettleibigkeit können langfristig auch Investitionen in Arbeitskräfte, Produktivität und wirtschaftliches Wachstum sein.
Die Zahl von 1,25 Billionen Rubel sollte dennoch nicht als unmittelbar entstandenes Haushaltsloch verstanden werden. Sie ist eine Modellrechnung über den Wohlstand, der Russland durch vorzeitige Todesfälle künftig entgeht. Gerade darin liegt ihre Aussagekraft: Die größten wirtschaftlichen Folgen von Fettleibigkeit treten nicht auf einmal auf, sondern summieren sich über viele Jahre.

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