Auch russische Medien berichten über die außergewöhnlich hohen Temperaturen im Norden Sibiriens. Während westliche Veröffentlichungen darin vor allem ein Zeichen der beschleunigten Erwärmung der Arktis sehen, stehen in Russland Wetterrekorde, regionale Folgen und die Waldbrandgefahr im Vordergrund.
In den ersten Augusttagen sind im Norden der russischen Teilrepublik Jakutien Temperaturen von mehr als 30 Grad gemessen worden. Die Wetterstation Selagonzy nahe dem Polarkreis registrierte 33,9 Grad, im nördlich des Polarkreises gelegenen Olenjok wurden 32,7 Grad erreicht.
Auf die Messwerte hatte zunächst der Klimatologe Maximiliano Herrera unter Berufung auf Daten des internationalen Wetterdienstes Ogimet hingewiesen. Das US-Magazin „Scientific American“ griff sie auf; in Deutschland erschien der Beitrag als Übersetzung bei „Spektrum der Wissenschaft“.
Die ungewöhnliche Hitze blieb jedoch auch in Russland nicht unbemerkt. Die regionale Nachrichtenagentur YSIA hatte bereits für den 1. August Temperaturen von bis zu 33 Grad in Jakutien angekündigt. Einen Tag später beschrieb sie die erheblichen Gegensätze innerhalb der riesigen Teilrepublik: Während es in einigen nördlichen Gebieten nur zwei Grad warm war, wurden andernorts bis zu 33 Grad erwartet.
Besonders auffällig sind die Werte aus Olenjok. Der Ort liegt bei etwa 68 Grad nördlicher Breite und damit jenseits des Polarkreises. Bereits am 31. Juli wurden dort 31,6 Grad gemessen. Damit fiel ein Tagesrekord aus dem Jahr 1962, der bei 31,5 Grad gelegen hatte. Am folgenden Tag stieg die Temperatur nach den veröffentlichten Stationsdaten auf 32,7 Grad. Die durchschnittliche Augusttemperatur beträgt in Olenjok rund elf Grad.
Auch der gesamte Juli war in Teilen Jakutiens ungewöhnlich warm. In der Hauptstadt Jakutsk lag die monatliche Durchschnittstemperatur nach Angaben von YSIA bei 21,9 Grad und damit zwei Grad über der Klimanorm. Am 8. Juli wurden dort 35,9 Grad erreicht. Ende des Monats befanden sich sechs Messstationen Jakutiens unter den zehn heißesten Orten Russlands.
Gleichzeitig zeigt das Wetterbild, wie wenig sich die Verhältnisse in der flächenmäßig größten Teilrepublik Russlands auf einen einzigen Wert reduzieren lassen. Während im Landesinneren große Hitze herrschte, gehörten mehrere Stationen an der arktischen Küste zeitweise zu den ungewöhnlich kalten Orten des Landes. Innerhalb weniger Tage folgte in Teilen Jakutiens auf die Hitze zudem ein Temperatursturz mit Nachtfrösten und örtlichem Schneeregen.
Praktische Bedeutung haben die hohen Temperaturen vor allem für die Waldbrandlage. Anfang Juli waren in Jakutien zeitweise Dutzende Brände aktiv. Die regionale Wetterbehörde warnte, dass heiße und trockene Luft sowie Gewitter das Entstehen neuer Feuer begünstigten. Blitze lösen in den abgelegenen Gebieten häufig Brände aus, die wegen fehlender Straßen nur schwer zu erreichen sind.
In der Bewertung unterscheiden sich die Schwerpunkte der Berichterstattung. Russische Regionalmedien dokumentieren die Hitze engmaschig, behandeln sie jedoch überwiegend als Wetterereignis: gemeldet werden Höchstwerte, gebrochene Stationsrekorde, Gewitter, Waldbrandgefahr und die anschließend erwartete Abkühlung.
Der Beitrag von „Scientific American“ und „Spektrum“ ordnet dieselben Messungen dagegen unmittelbar in die langfristige Erwärmung der Arktis ein. Diese vollzieht sich nach wissenschaftlichen Untersuchungen aufgrund verschiedener Rückkopplungseffekte deutlich schneller als die Erwärmung der Erde insgesamt. Schwindendes Meereis reflektiert weniger Sonnenlicht, während dunklere Wasserflächen mehr Wärme aufnehmen.
Auch in russischen Fach- und Wirtschaftsmedien wird diese Entwicklung grundsätzlich beschrieben. Bei der aktuellen Hitzewelle blieb die umfassendere Klimaperspektive bislang jedoch hinter der regionalen Wetterberichterstattung zurück. Von einem Verschweigen der ungewöhnlichen Temperaturen kann somit keine Rede sein – aus denselben Messwerten entstehen lediglich unterschiedliche Geschichten: im Ausland ein Warnsignal für die Arktis, in Jakutien zunächst ein Rekord mit sehr konkreten Folgen vor Ort.

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