Türkei und Russland müssen sich neue Wege suchen

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Russland ist, gelinde ausgedrückt, mächtig angefressen wegen der Türkei. Sanktionen, Im- und Exportverbote und die Transitrouten sind auch geschlossen. Die Türkei ist fieberhaft bemüht andere Wege zu erschließen und für Russland könnte bald der Bosporus geschlossen sein. Zunächst bekommt die Türkei aber erst einmal kein zusätzliches Gas mehr von den Russen.

Wie russischen Medien zu entnehmen war, hat Russland die Gespräche zum Bau der Gasleitung „Turkish-Stream“ eingestellt. Vorerst würden aber bestehende Verträge zu Gaslieferungen in die Türkei eingehalten und Russland werde seine Pflichten erfüllen. Dafür liegen jetzt aber die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks in der Türkei vorübergehend auf Eis.

Die Türkei wiederum muss sich nun aber neue Wege suchen, um Warenlieferungen aus Asien zu gewährleisten. Deshalb hat Ankara gemeinsam mit China, Kasachstan, Aserbaidschan und Georgien ein Konsortium für den Transport von Waren aus China nach Europa unter Umgehung von Russland geschaffen. Dies bestätigte der Pressedienst der Georgischen Eisenbahn. An nächstem Jahr sollen einige Tausend Container mit Waren aus China in die Türkei und nach Europa gebracht werden. Die beteiligten Seiten wollen im kommenden Jahr auch neue Logistikstrecken über die Ukraine ausloten.

Macht Türkei den Bosporus dicht?

Widersprüchliche Meldungen gibt es indes über die Schiffspassage durch den Bosporus. Angeblich stauen sich bereits russische Schiffe in der Meerenge. Die Türkei organisiere Maßnahmen, russische Schiffe nicht abzufertigen. Von anderer Stelle heißt es allerdings, dies sei ein ganz normaler technischer Passagevorgang, denn die Türkei ist verpflichtet den Verkehr in dem Gewässer zu regeln. Der Türkei macht Russland bisher auch offiziell noch keinerlei Vorwürfe.

Allerdings hat sich jetzt „Transneft“ zu Wort gemeldet, dass es genügend Gegenmittel gebe, falls die Türkei den Bosporus als Passage für russische Schiffe schließen sollte. Russland verfüge über genügend Ausweichmöglichkeiten für den Transport von Öl auf anderen Wegen, um seine Lieferverpflichtungen gegenüber Dritte zu erfüllen. Nach internationalen Vereinbarungen darf die Türkei offenbar nur die Durchfahrt von Kriegsschiffen regeln und müsse die freie Durchfahrt von Handelsschiffen sowohl in Friedens- wie in Kriegszeiten garantieren.

Gegenwärtig transportiere Russland jährlich über diese Route 32-35 Millionen Tonnen Erdöl. Da das Öl aber auch aus Kasachstan und Aserbaidschan über diese Wasserstraße verbracht werde, transportiere der Großteil der Schiffe, die russisches Öl und Ölprodukte geladen haben, ohnehin unter anderer Flagge. Eben gerade so, wie es dem Eigner günstig erscheint. Als Alternative stünden jedoch die Terminals Ust-Luga und Primorsk, sowie der Eisenbahntransport zur Verfügung.

In der Zwischenzeit hat die Türkei vorsichtshalber allerdings schon einmal ausgerechnet, wie teuer für sie die Sanktionen werden können. Man spricht von jährlichen Verlusten im Umfang von 20 Milliarden US-Dollar. Dies mache drei Prozent des türkischen Bruttosozialprodukts aus, so der Leiter der Industrie- und Handelskammer der Provinz Antalya, Schetin Osman Budak. Budak ist der Ansicht, dass es notwendig sei, das gegenseitige Verhältnis zu schnell wie möglich wieder in Ordnung zu bringen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.