Tscheljabinsk bietet Geschäftschancen trotz abgekühlter Konjunktur

Russische Unternehmen sind an deutschen Investitionsgütern interessiert / Ausbau des Eisenbahnnetzes

[Von Ullrich Umann Tscheljabinsk/gtai] Für den deutschen Mittelstand gibt es in der russischen Region Tscheljabinsk ein breites Betätigungsfeld. Sei es als Technologielieferant für lokale Niederlassungen deutscher Unternehmen wie Siemens, Festo, Knauf, Henkel und SMS Cheltec, oder als Anbieter von Teil- und Systemlösungen in modernisierungsbedürftigen russischen Produktionsbetrieben. Trotz abgekühlter Konjunktur sollten deutsche Maschinenbauer mit potenziellen Kunden an künftigen Lösungen arbeiten.

Zu den investitionswilligen Betrieben in der Region Tscheljabinsk gehört der Tagebau- und Verarbeitungsbetrieb für weißen Marmor, ZAO Koelgamramor. Das Werk baut jährlich 400.000 t weißen Marmor (CaCO3) ab und kontrolliert damit 42% des russischen Marktes für Marmor. Dieser wird als Baumaterial, als Ausgangsstoff für die Weiterverarbeitung zu anderen Produkten und als Marmormehl eingesetzt. Zur Optimierung der Produktion sucht das Unternehmen aktuell unter anderem Förderbänder mit einer Gesamtlänge von 1,5 km. Diese müssen sommers wie winters bei bis zu minus 40 Grad Celsius einsatzbereit sein.

Andere wichtige Unternehmen wie das Schmiede- und Pressenwerk Tscheljabinsk (CHKPZ) wollen weitere universelle Bearbeitungs- beziehungsweise Fräszentren anschaffen, um geschmiedete oder gepresste Teile, darunter heiße Schmiedeteile, Lkw-Felgen, Kupplungen, Auflieger und Anhänger einer ersten Bearbeitungsstufe zu unterziehen. Weitere Bearbeitungsschritte sind im Werk allerdings nicht vorgesehen, da mehr als 1.000 verschiedene Produktkategorien (Nomenklaturen) gefertigt werden. Deren tiefere Verarbeitung wäre für CHKPZ technologisch zu aufwändig.

„Das Unternehmen hat in den letzten zwei, drei Jahren viel Geld in die mechanische Bearbeitung investiert. Wegen der momentanen Konjunkturabkühlung in Russland werden wir 2014 bei den Investitionen eine Pause einlegen. Derzeit beschäftigen wir uns mit der Montage der modernisierten Pressen des tschechischen Herstellers Skoda. Doch könnten wir 2015 einen neuen Investitionszyklus starten“, so Oleg Prokin, Geschäftsführer des Unternehmens gegenüber Germany Trade and Invest.

Werkstechnologe Nikolai Kuskow fügte hinzu, dass „der After-Sales-Service bei der Anschaffung von Investitionsgütern immanent wichtig ist. Bei Havarien bedeutet das nach unseren Ansprüchen eine Beseitigung des Fehlers beziehungsweise die Lieferung von Ersatzteilen in einem Zeitraum von maximal zwei Tagen.“

Zu den wichtigen Abnehmern deutscher Industriegüter zählen im Raum Tscheljabinsk die ZAO PG Metran (bezieht aus Deutschland elektronische Druckmesser), das Rohrwalzwerk OAO CHTPZ (Teile für halbautomatische Linien zur Rohrherstellung), OAO CHMK (hitzebeständige Materialien zur Innenbeschichtung von Öfen), ZAO Karabaschmed (Ersatzteile für Gravitationspumpen) und OAO Zlatoustski Metallurgitscheski Zawod (elektronische Module für Schaltschränke).

Der Warenaustausch zwischen der Region Tscheljabinsk und der Bundesrepublik Deutschland hat sich leider in den zurück liegenden sechs Jahren kontinuierlich zurück entwickelt. Im Jahr 2013 lag Deutschland im Außenhandelsranking der Region sogar nur noch an siebter Stelle.

Außenhandel zwischen der Region Tscheljabinsk und der Bundesrepublik Deutschland (in Mio. US$)

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Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Region Tscheljabinsk, 2014

Dies weist auf einen auslaufenden Investitionszyklus in den Werken der Region hin, was sich mit den Angaben der Betriebsleitung von CHKPZ deckt. Gleichzeitig erwächst daraus aber die Notwendigkeit, eine neue umfangreiche Investitionsrunde einzuleiten. Dann könnten die Betriebe mit höherer Produktivität und einer gesteigerten Wertschöpfungstiefe den jüngst gefallenen Metallpreisen (Metall ist das mit Abstand wichtigste Ausgangsmaterial im Maschinenbau und in der Schwerindustrie) begegnen beziehungsweise diese nutzen. Der Anteil der Metallbearbeitung an der Industrieproduktion der Region lag 2013 bei 57,0%, der des Maschinenbaus bei 13,4% und der Nahrungsmittelverarbeitung bei 10,2%. Weitere 8,1% entfielen auf die Erzeugung nichtmetallischer mineralischer Produkte (Baumaterialien), darunter Marmor.

Bei Großinvestitionen scheint die Eisenbahngesellschaft Südural, eine regionale Tochtergesellschaft der Eisenbahn RZD, dieses Jahr den Anfang machen zu wollen. Rund 10,3 Mrd. Rubel werden den Eisenbahningenieuren 2014 zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld soll die Transportkapazität des Schienennetzes der Region Tscheljabinsk erhöht werden. An 22 Streckenabschnitten mit einer Gesamtlänge von 280,4 km werden Ausbauarbeiten vorangetrieben.

In- und ausländische Investoren mit Ansiedlungsplänen werden in der Region mit offenen Armen empfangen. Die Administration von Tscheljabinsk gewährt ihnen eine Reihe von Vergünstigungen. Dazu gehören für eine Laufzeit von fünf Jahren ein auf 13,5% gesenkter Gewinnsteuersatz, eine Immobiliensteuer von 1,1% und eine vergünstigte Bodenpacht. Für die Startphase werden zudem komplett eingerichtete Büros zur Verfügung gestellt, nebst Beratungs- und Übersetzerleistungen.