Trübe Aussichten für Hersteller von Baumaterialien in Russland

Projektkürzungen drücken auf die Nachfrage / Gebäudetechnik entwickelt sich positiv

image_pdfimage_print

[Von Ullrich Umann Moskau gtai] – Russlands Hersteller von Baumaterialien schauen sorgenvoll in die Zukunft. Aufgrund zunehmender Engpässe in den öffentlichen Haushalten nimmt der Umfang der bislang großzügig finanzierten Projekte im Wohnungs- und Infrastrukturbau ab. Entsprechend geht die Nachfrage nach Baustoffen und Baumaterial zurück. Zudem werden durch die Sanktionen von EU und USA die Investitionen in Maschinen und Anlagen im Fall von Modernisierungen oder Kapazitätserweiterungen teurer.

In Russlands Herstellerbranchen für Baustoffe und Zulieferprodukte beginnt die bislang positive Wachstumserwartung zu kippen. Der Hersteller von Wärmeisolationen aus Basaltfasern, Basalt, gab zum Beispiel im September 2014 den Baustopp für ein Werk in Nowosibirsk bekannt. Die neue Fabrik sollte ursprünglich 2,4 Mrd. Rubel (rund 42 Mio. Euro; Durchschnittskurs im November 2014: 1 Euro = 57,373 Rubel) kosten und ab 2018 insgesamt 70.000 jato beziehungsweise 670.000 qm Basaltisolationen herstellen. Als Grund nannte ein Unternehmensvertreter die Verteuerung der Kreditzinsen für Maschinenlieferungen aus der EU, wodurch sich das Vorhaben nicht mehr rechnet. Gleichzeitig verschlechtern sich die Absatzaussichten für Wärmeisolationen. Im Ergebnis wird es im regionalen Umfeld der Millionenstadt Nowosibirsk weiterhin keinen einzigen Hersteller für dieses Produkt geben. Der Hersteller von Wärmedämmstoffen Technonikol plant allerdings nach wie vor den Bau eines Werkes im Wert von 1,5 Mrd. Rubel am Standort Rjazan. Die Wärmedämmstoffe sollen auf Basis von Polyisocyanuraten (PIR) gefertigt werden. Vorgesehen ist eine Kapazität von 30.000 qm PIRDämmplatten.

Der Hersteller verfügt am gleichen Standort bereits über eine Fertigung von PVCDichtungsbahnen.

Hersteller von Gips und Trockenbaustoffen vor kritischer Situation

In eine Kostenfalle könnten die Hersteller von Gips und anderen Trockenbaustoffen geraten. So müssen steigende Erzeugerpreise verkraftet werden, hervorgerufen durch Tarifanhebungen bei Strom, Gas und Transport. Gleichzeitig rückt die Konkurrenz aus der VR China und aus Korea (Rep.) auf dem russischen Markt vor.

Sollte die Baukonjunktur 2014 und 2015 weiter nachlassen, kann es schnell zu krisenhaften Situationen kommen. Die in der Vergangenheit zweistelligen Wachstumszahlen sind bereits in den einstelligen Bereich geschrumpft. Aktuell werden etwa 8 Mio. jato Gips und Trockenbaustoffe in Russland erzeugt und noch einmal 0,5 Mio. t importiert. Unbestrittener Marktführer ist Knauf. Knauf geht aktuell offensichtlich antizyklisch vor und plant einen weiteren Kapazitätsausbau. So hat das Unternehmen mit der Gebietsverwaltung von Samara laut Pressemeldungen vom August 2014 eine Investitionsvereinbarung unterzeichnet. Demnach soll am Standort Tschapajewsk ein Werk im Bauwert von 1,2 Mrd. Rubel entstehen und ab 2016 produzieren. Die Kapazität beträgt  0,3 Mio. bis 0,45 Mio. jato Trockenbaustoffe auf Gipsbasis. Dies wäre das 13. Werk, das der deutsche Hersteller in Russland besitzt.

Trotz angespannter Marktlage steigen Kapazitäten für Baustoffe

In der Herstellung von Baustoffen sind trotz schwieriger Konjunkturlage unter dem Strich Kapazitätszuwächse zu verzeichnen. Das Unternehmen OAO ABZ-1 eröffnete Ende Juli 2014 eine Fertigungslinie für 640 t/h Asphaltbeton. Dieser wird in Sankt Petersburg und im Leningrader Gebiet verkauft. Um die Produktion zu modernisieren, hat der Hersteller einen Kredit über 96,1 Mio. Rubel aufgenommen.

Saint-Gobain plant den Bau eines Werks für Gipskarton in Ufa. Ebenfalls wird eine Beteiligung an anderen Herstellern von Gipskarton geprüft. Bislang kontrolliert der französische Investor zwei Produktionsstätten für dieses Erzeugnis in Russland. Ein drittes Zementwerk befindet sich im Blickfeld der Verantwortlichen. Nach Unternehmensangaben sei auch eine Erweiterung der Linien zur Erzeugung von Wärmedämmstoffen in Planung.

Zementbranche legt zu

Investitionspläne meldete die Eurocement Group gemeinsam mit der China Triumph International Engineering Co. an. Gebaut werden sollen unter anderem Zementwerke in den Regionen Uljanowsk und Brjansk. Die Eurocement Group wies in diesem Zusammenhang auf die guten Erfahrungen hin, die bei der Kooperation mit den Chinesen gemacht worden seien.

Die beantragte Übernahme von Aktiva des Zementherstellers Lafarge durch die Schweizer Holcim wurde vom russischen Kartellamt FAS genehmigt. Eine Monopolisierungsgefahr wurde nach eingehender Prüfung nicht festgestellt, hieß es zur Begründung. Somit befinden sich die drei russischen Zementwerke von Lafarge in Kaluga, Woskresensk und Korkino zusammen mit den beiden Holcim-Werken in Kolomna und Wolsk in einer Hand. Diese Ankündigung hatte aber nur eine kurze Lebensdauer, denn Lafarge gab am 16.9.14 den Verkauf des Zementwerkes Korkino an Buzzi Unicem für 103 Mio. Euro bekannt. Wie es hieß, will Lafarge mit dem Erlös Schulden abbauen. Demzufolge verwaltet Holcim nur noch vier russische Standorte.

Keramikfußböden mit Wachstumspotenzial

Das russische Tochterunternehmen der italienischen Iris Ceramica kündigte an, im Industriepark Stupino Quadrat, 73 km südlich von Moskau, eine Fabrik zur Erzeugung von Keramikplatten für Fußböden und Fassaden zu errichten. Die zu investierende Summe wurde mit 5 Mrd. Rubel beziffert. Die Produkte dieses Herstellers werden in Europa und den USA unter den Markennamen  GranitiFiandre, Fabbrica Marmi i Graniti und Eiffel Gres vertrieben.

Nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft Indebox wurden 2013 in Russland 153,6 Mio. qm Keramikplatten erzeugt. Sowohl das Marktvolumen als auch die Zuwachsraten haben Iris Ceramica überzeugt. Zu den größten Wettbewerbern gehören vor Ort die Holding Unitile, Kerama Marazzi und Estima Ceramica.

Baumarktketten müssen sich neu aufstellen

Im Einzelhandel mit Baustoffen und Baumaterialien kündigen sich Änderungen der Strukturen an. Das finnische Handelshaus Kesko meldete, dass die Umsatzerwartungen seiner 13 Baumärkte in Russland unter dem Markennamen K-Rauta gedämpfter aussehen als ursprünglich angenommen. Die Korrektur erfolgte nach Unternehmensangaben angesichts der sich eintrübenden Konjunkturlage und der sich verteuernden Importe als Konsequenz aus dem eingebrochenen Rubelkurs.

K-Rauta steht im direkten Wettbewerb mit Leroy Merlin, OBI, Castorama, Maxidom und Metrika. Die Tengelmann-Gruppe möchte aktuell in die Aufteilung der Marktanteile aktiv eingreifen und erhöht die Zahl der OBI-Filialen von derzeit 22 auf 26. Langfristig sind sogar zwischen 50 und 100 im Gespräch, wie die Deutsche Welle berichtete.

Handelsunternehmen, deren Buchführung allein auf Rubel-Basis erfolgt, zeigten sich krisenresistent und wiesen in den ersten sechs Monaten des Jahres 2014 einen Gewinn aus. Nach offiziellen Schätzungen der Marktforschungsagentur Infoline stieg das gehandelte Volumen in den Baumärkten im genannten Zeitraum um 15% auf 500 Mrd. Rubel. Insbesondere die noch anhaltende Konjunktur im Wohnungsbau in einigen russischen Regionen hat für Stabilisierung gesorgt.

Gebäudetechnik entwickelt sich positiv

Der Markt für Hausautomatisierungstechnik hat sich in den zurückliegenden Jahren schnell entwickelt. Im Jahr 2012 betrug das Wachstum bei LED-Kontrolleinrichtungen, Sensoren, Relais, Dimmern, Helligkeitssteuerungen, Signalüberträgern, Verstärkern, Umwandlern, Pulten und Steueroberflächen etwa 25,6%. Das Marktvolumen erreichte schätzungsweise 56 Mio. Euro. Die Einnahmen aus Dienstleistungen zum Planen und zur Installation sind in diesem Wert noch nicht einmal eingerechnet. Im Folgejahr 2013 nahm das Marktvolumen auf 65 Mio. Euro zu. Für 2014 wird ein weiterer Anstieg auf 86 Mio. Euro erwartet.

Als ein besonders starkes Wachstumsfeld erweisen sich mobile Lösungen zur Steuerung der Hausautomatisierungstechnik, zum Beispiel per Smartphone. Zu den treibenden Kräften bei der Einführung der Hausautomatisierung gehören inzwischen auch in Russland steigende Preise für Wärme- und Elektroenergie. Die zunächst anfallenden Installationskosten amortisieren sich recht schnell durch die im Ergebnis erzielten Energieeinsparungen.

Eine ähnliche Tendenz kann für den Bereich Gebäudesicherheit festgestellt werden. Die dafür angebotenen Lösungen sind der Hausautomatisierung technisch verwandt und werden oftmals sogar gemeinsam als Paketlösung angeboten. Zu den größten Anbietern von Technik zur Hausautomatisierung und Gebäudesicherheit gehört unter anderem Honeywell, ein US-Konzern, der in Russland seit 1972 tätig ist.

Inzwischen haben sich auch erste russische Anbieter als Spin-Offs aus Forschungsinstituten oder Großunternehmen beziehungsweise als Start-ups am Markt etabliert und das recht erfolgreich. Zu einem bekannten Anbieter von Lösungen zur Meldung von Glasbruch oder Feuer, von Bewegungsmeldern und Systemen der Videoüberwachung gehört beispielsweise das Sankt  Petersburger Unternehmen Argus Spektr. Systeme zur Videoüberwachung weisen aktuell Wachstumszahlen von jährlich 30% auf. Das Marktvolumen liegt dabei zurzeit bei etwa 300 Mio. Euro.

Die deutsche Bosch Thermotechnik hat Anfang Juli 2014 am Standort Engels eine Produktion für energiesparende Gasboiler der Marken Bosch und Buderus mit Leistungen zwischen 2,5 und 6,5 MW eröffnet. Die Investitionskosten betrugen 20 Mio. Euro. Mit der Werkseröffnung reagierte der Hersteller auf die gestiegene Nachfrage für dieses Produkt auf dem russischen Markt.