In Russland ist die tägliche Reichweite mehrerer gesperrter ausländischer Online-Plattformen in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 deutlich gestiegen. Das berichtet die Zeitung Kommersant unter Berufung auf Daten der Mediengruppe „Rodnaja retsch“. Besonders auffällig ist demnach die Entwicklung bei Instagram, Discord und Threads. Gleichzeitig verloren andere Dienste, darunter Telegram und WhatsApp, deutlich an täglicher Reichweite.
Nach den ausgewerteten Daten stieg die tägliche Reichweite von Instagram, das zum in Russland als extremistisch eingestuften und verbotenen Meta-Konzern gehört, von Januar bis Mai um 19 Prozent auf 7,4 Millionen Nutzer. Discord legte um 21 Prozent auf 1,1 Millionen Nutzer zu. Threads, ebenfalls ein Meta-Dienst, verzeichnete sogar ein Plus von 88,3 Prozent auf gut 300.000 tägliche Nutzer.
Damit zeigt sich ein paradox wirkendes Bild: Plattformen, die in Russland schon länger gesperrt sind, gewinnen zum Teil wieder an Publikum. Experten erklären dies damit, dass viele Nutzer inzwischen gelernt haben, Sperren technisch zu umgehen. Je länger eine Plattform blockiert sei und je wertvoller ihre Inhalte für bestimmte Nutzergruppen blieben, desto eher würden sich stabile Umgehungsroutinen herausbilden.
Ganz anders ist die Entwicklung bei den in Russland besonders wichtigen Messengern Telegram und WhatsApp. Telegram verlor laut den Kommersant-Daten fast die Hälfte seiner täglichen Reichweite und kam im Mai noch auf 40,25 Millionen Nutzer. WhatsApp ging um 43 Prozent auf 25,6 Millionen zurück. Auch Viber, Snapchat, TikTok und Facebook meldeten rückläufige Zahlen. TikTok sank um zehn Prozent auf 28 Millionen tägliche Nutzer, Facebook um neun Prozent auf nur noch 114.400.
Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu interpretieren. Fachleute weisen darauf hin, dass Reichweitenmessungen bei blockierten oder gedrosselten Diensten in Russland schwierig sind. Nutzer greifen über VPN-Dienste, alternative Zugänge oder seltener als früher auf die Plattformen zu. Ein Rückgang der täglichen Reichweite bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass ein Dienst aufgegeben wurde. Bei Telegram etwa bleibe der Dienst für Nachrichten, Arbeitskommunikation und Inhalte weiter wichtig, werde aber von manchen Nutzern möglicherweise weniger regelmäßig geöffnet.
Die Verschiebungen hängen auch mit dem unterschiedlichen Zeitpunkt der staatlichen Eingriffe zusammen. Facebook und Instagram wurden in Russland bereits 2022 blockiert. Discord wurde im Herbst 2024 gesperrt, Viber Ende 2024. Bei WhatsApp und Telegram begann Roskomnadsor im Sommer 2025 mit Einschränkungen; Anfang 2026 wurde der Zugang zu beiden Diensten weiter erschwert. Gerade diese jüngeren Eingriffe könnten erklären, warum dort die gemessene tägliche Nutzung besonders stark zurückging.
Zugleich lässt sich an den Daten ablesen, dass Verbote und technische Beschränkungen den digitalen Alltag in Russland nicht vollständig neu ordnen. Sie verschieben Nutzungsmuster, erschweren Zugänge und verändern die Häufigkeit der Nutzung. Sie löschen aber die Nachfrage nach bestimmten Plattformen nicht aus. Instagram bleibt nach Einschätzung von Branchenexperten attraktiv, weil es weiterhin als wichtige Plattform für Foto- und Videoinhalte gilt und bislang keine gleichwertige Alternative entstanden ist. Discord und Threads profitierten davon, dass Nutzer nach Ausweichmöglichkeiten für Kommunikation und Austausch suchen.
Auch der Werbemarkt reagiert nicht immer parallel zu den Nutzerzahlen. Nach Angaben von Kommersant wuchsen die Werbebudgets bei Telegram im Mai trotz Einschränkungen und gesunkener Reichweite weiter. Das spricht dafür, dass dort zwar weniger tägliche Kontakte gemessen werden, die verbliebene Zielgruppe für Werbetreibende aber weiterhin wertvoll ist.
Die Entwicklung zeigt damit weniger ein einfaches Schrumpfen des ausländischen Internets in Russland als eine Neuverteilung. Manche Dienste verlieren im Alltag an Sichtbarkeit, andere werden über Umwege wieder stärker genutzt. Für die Behörden bleibt das ein Problem: Je stärker der Druck auf einzelne Plattformen wird, desto größer wird zugleich der Anreiz für Nutzer, technische Umgehungswege zu suchen.
Am Ende bleibt die zentrale Erkenntnis der Kommersant-Auswertung: Gesperrte Netzwerke sind in Russland keineswegs leer. Ihre Nutzung wird komplizierter, unregelmäßiger und schwerer messbar. Aber solange die Inhalte, Kontakte oder Kommunikationsformen dort für Nutzer wichtiger sind als der Aufwand des Zugangs, bleiben sie Teil des russischen Online-Alltags.

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