Tollkühne Jungs und flotte Flitzer – die Formel-1 in Sotschi

Foto: Wikipedia/Morio CC BY-SA 3.0Foto: Wikipedia/Morio CC BY-SA 3.0
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[Von Michael Barth] – Nachdem den Verantwortlichen die Wetterlage im Herbst an der Schwarzmeer-Küste zu unsicher schien, verlegte man den Termin für das Formel-1-Spektakel in Sotschi vorsichtshalber auf den Frühling. Die Rennteams, die bereits Anfang letzter Woche in der Olympia-Stadt eintrudelten, merkten davon allerdings erst einmal wenig. Dichte Wolken, keine milden Temperaturen, immer wieder Regenschauer. Herzlich willkommen beim „Sochi Autodrom Street Circuit“.

Seit Donnerstag, pünktlich zu Beginn der ersten Runden auf der Piste, schälte sich das Postkartenwetter dann doch noch aus seinen Winterklamotten – Sommer, Sonne, Urlaubsfeeling. Perfekte Bedingungen also für die Vorbereitungen zum „Großen Preis von Russland“. Der 1.Mai stellt Russland dieses Jahr sowieso schon vor eine große Herausforderung, selbst für die, des Feiern erprobten, Russen. Maifeiertag, Ostersonntag, der heiligste Tag der Orthodoxen Kirche, und jetzt auch noch das Motorsportereignis. Es gibt Tage, da kommt aber auch alles auf einmal.

In weiser Voraussicht wurde die Rennstrecke des „Autodroms“ in dem Sportkomplex, der für die Olympischen Winterspiele 2014 konzipiert wurde, gleich mit in die Bauarbeiten integriert. Bereits im selben Jahr noch wurde der Rundkurs auch schon in Betrieb genommen. Er greift damit die Tradition des Grand-Prix in Russland wieder auf. Zugegeben, wenngleich nach 100 Jahren nicht unbedingt nahtlos wieder auf. Die ersten Rennen in dieser Klasse fanden 1913 und 1914 in St. Petersburg statt.

Anspruchsvoller Kurs und eine russische Hoffnung

Die heutige Strecke in Sotschi indes, genießt in Fachkreisen einen äußerst anspruchsvollen Ruf. Mit ihren 5.848 Kilometern zählt sie zu den Längsten in der Saison. Garniert mit zwölf Rechts- und sieben Linkskurven und einem Novum der Extraklasse. Die einzige 180-Grad-Haarnadelkurve weltweit setzt von die Piloten eine extrem gute Nackenmuskulatur voraus. Mit über 200 Stundenkilometern geht es in die Kurve hinein und mit weit mehr als 300 wieder hinaus.

Vor der Garage von Renault standen zunächst nicht die Technik-Neuerungen im Fokus, sondern Lokalmatador Sergey Sirotkin. Der Russe ersetzte Kevin Magnussen im Freitagstraining. Damit er sein persönliches Formel-1-Erlebnis nicht so schnell vergisst, wurden sicherheitshalber von seinem Begleiter eifrig Erinnerungsfotos mit dem Smartphone geknipst. Sein Lauf selber dürfte allerdings eher seinem Auto geschuldet gewesen sein, denn von dem 21-Jährigen Testfahrer hörte später niemand mehr etwas in Sotschi.

Dafür sichte sich Sirotkins Landsmann Daniil Kvyat für das „Red Bull“-Team im letzten Lauf vor dem Rennen, die Startposition acht. Der 26-Jährige, in Ufa geboren, schaffte immerhin bereits 2015 den 2. Platz beim Ungarn-GP vor den Toren Budapests und gilt derzeit als die größte russische Hoffnung in der Königsklasse des Automobilrennsports. Der heutige Tag soll es weisen, wie berechtigt die Vorschusslorbeeren sind.

The race is on“

Bevor die 53 Runden jedoch gestartet werden können, zeigen die Nummerngirls langes Bein und die Rennfahrerlegende Niki Lauda fachsimpelt mit Journalisten. Nationalhymne – Nervosität – Werbung. Start: Nico Rosberg setzt sich von der Pole Position weg in Front. Starterfeld: 22 minus drei. Sebastian Vettel brettert in den ersten Sekunden frontal in die Bande, nachdem er zweimal von Kvyat geschubst wurde. Hulkenberg kollidiert ebenfalls und Haryantos Auto ist einfach nur kaputt. Sergio Perez fährt inzwischen auf der Felge weiter. Das geht ja gut los.

In der neunten Runde hat sich Rosberg bereits deutlich vom Verfolgerfeld abgesetzt und Dani Kvyat macht 10 Sekunden Strafpause in der Box. Rosberg fährt mit jeder Runde eine halbe Sekunde schneller als der Rest. Kvyat fällt auf Platz 19 zurück. Rosberg mit 11 Sekunden Vorsprung weiter vorn. Williams-Pilot Valtteri Bottas hat die Reifen gewechselt und zieht nun lässig an Hamilton vorbei. Bottas jetzt Fünfter. Haben wir schon erwähnt, dass in Sotschi herrlichstes Wetter ist?

Ein „Silberpfeil“ fährt allen davon

In der 30. Runde fährt Rosberg mittlerweile mit 13 Sekunden auf und davon und hält damit deutlich seinen ersten Platz. Lewis Hamilton, schlecht ins Rennen gekommen, schließt immer weiter auf Rosberg auf – Platz zwei. Vettel schimpft immer noch wie ein Rohrspatz und Max Verstappen stellt derweil seinen Toro-Rosso mit einem Defekt am Streckenrand ab. Hamilton indes bleibt Rosberg wacker auf den Versen. Jedoch, inzwischen hat er Probleme mit dem Wasserdruck. Die beiden Mercedes „Silberpfeile“ halten konstant ihren Abstand von 13 Sekunden.

53 Runden sind gefahren, das Rennen ist vorbei. Nico Rosberg fährt seinen siebten Sieg in Folge nach Hause, Hamilton, gegen Ende immer langsamer werdend, ist mit 25 Sekunden Rückstand Zweiter. Russlands Präsident Wladimir Putin ist der Erste, der dem triumphalen Sieger in der Teamkabine die Hände schüttelt. Der ausgelaugte Rosberg weiß nicht so recht, was er sagen soll. 60.000 Zuschauer sind aus dem Häuschen. Rosberg hat den Russland-GP von der ersten Runde an dominiert und einen glatten Start-Ziel-Sieg eingefahren. Dazu fuhr er die Schnellste Rennrunde und holte sich im Qualifying die Pole Position. In Motorsportkreisen nennt man sowas einen „Grand Slam“.

Die Höchstgeschwindigkeit, die der Deutsche in Sotschi ausfahren konnte, lag zwischen 275 und 300 Stundenkilometern. Dritter schließlich wurde der Finne Kimi Räikkönen auf seinem Ferrari und Lokalmatador Daniil Kvyat beendet den Großen Preis von Russland mit Platz 15. Auch wenn es nach dem vierten Lauf der noch jungen Saison verfrüht ist, irgendwelche Prognosen abzugeben, Mercedes wird wohl auch dieses Jahr wieder ganz vorn in der Gesamtwertung mitfahren. Derzeit führt Rosberg mit 100 Punkten vor Hamilton (57 Punkte) und Räikkönen mit 43 Punkten. Kvyat rangiert im Moment mit 21 Punkten auf Rang acht.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.