Timoschenko soll gegen Gas getauscht werden

...und will mehr Frau sein

Foto: European People's Party CC BY 2.0 via Flickr

Schluss mit den alten Zöpfen. Julija Timoschenko, einst Ministerpräsidentin und Präsidentschaftskandidatin der Ukraine, später wegen Amtsmissbrauch in Haft, hat sich von ihrer markanten Frisur getrennt. Außerdem soll sie für die Gasschulden, die sich während ihrer Amtszeit angehäuft haben, gerade stehen und notfalls an die Gläubiger ausgeliefert werden.

Der kunstvoll geflochtene Haarkranz, der unbestritten ihr Markenzeichen war, ist, wie es heißt, dem Wunsch nach mehr Frau zum Opfer gefallen. Schade eigentlich, denn in die jüngere Geschichte der Ukraine eingegangen ist ihre markante Frisur inzwischen allemal. Die 56-jährige Timoschenko, die heute als Vorsitzende der Partei ‚Batkiwschtschina‘, auf Deutsch ‚Vaterland‘, in der ukrainischen Politik mitmischt, wolle offenbar mit ihrer Kämpfer-Rolle abschließen.

„Einer Frau, statt einer Kämpferin“ ähnlicher sein wolle sie, wie Timoschenko in einem Interview mit dem ukrainischen Sender ‚TSN‘ verriet. Als Politikerin vergeude man zwar keine Zeit für die Frisur, hat sie aus dem Nähkästchen geplaudert, aber auf ihren kunstvoll geflochtenen Zopf wolle sie künftig doch verzichten. Obwohl er, wie sie sagte, durchaus praktisch gewesen sei.

„Ich liebe meine traditionelle Frisur sehr und, ehrlich gesagt, ist sie sehr bequem. Mit ihr kann man im Auto schlafen, auf Meetings im Schnee stehen, der Wind an dir vorbei blasen, aber der Zopf ist unerschütterlich. Und niemals im Leben musst du dir Gedanken über deine Frisur machen“, so eine selbstbewusste Frau, der bald einiges Ungemach drohen könnte. Der russische Energieriese ‚Gazprom‘ besteht auf Rückzahlung der Gaslieferungen, die während ihrer Amtszeit angefallen sind.

Eine haarige Angelegenheit

Auch diese Episode im Wirken der Julija Timoschenko ist ein alter Zopf, wenngleich auch einer der teuren Sorte. Etliche Milliarden US-Dollar sollen in dem Geflecht des Gasgeschäfts auf der Strecke geblieben sein, seitdem die ehemalige Premierministerin Verträge über Gaslieferungen unterzeichnet hat. Schulden und deren Zinsen, die heute immer noch schwer auf den Schultern der an sich schon schwer gebeutelten und de facto bankrotten Ukraine lasten. Noch hängt eine Klage bei einem Stockholmer Schiedsgericht wie ein Damoklesschwert in der Luft.

Sollte diese Klage, die ‚Gazprom‘ gegen den ukrainischen Gasversorger ‚Naftogaz‘ führt, zu Gunsten des russischen Energiekonzerns entschieden werden, hat die Ukraine auf einen Schlag ein weiteres riesiges Problem: Wer soll für die Schulden gerade stehen? 38 Milliarden US-Dollar stünden im Raum, bestätigte Andrej Kobolew, der Vorstand des Unternehmens ‚Naftogaz Ukrainy‘ dem ukrainischen Sender ’24-TV‘. Kobolew sprach laut dem Sender zwar von einem ‚Plan B‘, so richtig daran glauben mag allerdings niemand mehr bei den Verantwortlichen.

Dem derzeitigen ukrainischen Ministerpräsidenten, Wladimir Groisman, schweben mittlerweile ziemlich abenteuerliche Pläne zur Tilgung der Schulden vor. Wie er heute auf einer Pressekonferenz verlauten ließ, habe seiner Meinung nach Julija Timoschenko, durch ihre im Jahr 2009 geleistete Unterschrift, die volle Verantwortung zu übernehmen.

„Wenn wir gewinnen, wird die Gerechtigkeit gegenüber der Ukraine wiederhergestellt. Wenn es um Gottes Willen eine andere Gerichtsentscheidung geben wird, dann wird es sich um Dutzende Milliarden Dollar handeln“, sagte der Premierminister vor dem Hintergrund, dass sich die Ukraine ebenfalls mit einer Klage gegen ‚Gazprom‘ an das Stockholmer Schiedsgericht gewandt habe. ‚Gazprom‘ wird darin aufgefordert, im Nachhinein den Erdgaspreis wieder zu ändern und alle seit dem 20. Mai 2011 getätigten Überbezahlungen zurückzuerstatten. Konkret handele es sich dabei um sechs Milliarden US-Dollar.

Aber auch an diese allerletzte Hoffnung darf sich Groisman nicht allzu fest klammern, da die Ukraine das zum Vorzugspreis gelieferte und trotzdem nicht bezahlte Erdgas auch noch kurzerhand weiterverkaufte. Beinahe resignierend wandte er sich deshalb heute an die anwesenden Pressevertreter: „Dann werden wir Timoschenko statt Geld übergeben müssen – Wenn sie das unterzeichnet hat, soll sie dafür auch die Verantwortung tragen. Warum sollen dafür die Ukrainer zahlen?“

Das Kind scheint nun endgültig in den Brunnen gefallen zu sein – daran ändert auch eine neue Frisur nichts.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.