Streit um die Isaaks-Kathedrale – eine subjektive Betrachtung

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[Von Susanne Brammerloh] – Am Sonntag zogen erst die Befürworter der Übergabe um die Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg, später gab es einen Protestring um dieselbe. Warum kochen die Emotionen so hoch?

Die Petersburger Stadtregierung hat die Isaaks-Kathedrale der Russisch-orthodoxen Kirche für 49 Jahre zur Nutzung überlassen. Der Prostest ist groß. Da stellt sich die Frage: Warum? Auf den ersten Blick ist alles klar: Eine Kirche kommt zurück zur Kirche. Auf den zweiten Blick ist alles schwierig. Aus mindestens zwei Gründen.

Erstens hat die Isaaks-Kathedrale niemals der orthodoxen Kirche gehört. Sie war ein Staatsprojekt unter Alexander I., der damit dem erstarkten russischen Kaiserreich nach dem Sieg über Napoleon ein Symbol setzen wollte. Ironie der Geschichte (oder auch nicht, dazu weiter unten) – den Wettbewerb um die eingereichten Entwürfe gewann der Franzose Auguste de Montferrand, der den Bau des monumentalen Gotteshauses über lange 40 Jahre leitete. Als es 1848 endlich geweiht wurde, war Alexander längst tot, am Ruder stand Zar Nikolaus I.

Die Kirche hielt dort Gottesdienste ab, aber sie war nie Herrin der Lage, trotz wiederholter Versuche, sich die Kathedrale einzuverleiben. Nach 1917 wurde die Kirche zum Museum. Sie ist mit ihrer dominanten Lage im Petersburger Stadtzentrum eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die jedes Jahr Hunderttausende Besucher verzeichnet. Sie logiert damit dicht hinter der Eremitage.

Die wunderbare Wandlung

Dass die Museumsmitarbeiter um ihre angestammten Arbeitsplätze bangen, ist klar. Allein das ist traurig, aber entscheidend ist etwas anderes: Die Orthodoxe Kirche drängt nach mehr Macht. Als hätte sie nicht schon genug davon. Und damit sind wir bei Punkt zwei.

Wer hat nicht schon bei Oster- und Weihnachtsgottesdiensten die russischen Staatsführer beim Bekreuzigen erwischt? Auf einmal ist Herr Putin, ein (ehemaliger) eingefleischter Ex-KGB-Mann, fürchterlich gläubig geworden. Wer mag es ihm verdenken – es steht doch schon in der Bibel, wie Saulus zu Paulus wurde. Allein, ich kann es ihm nicht glauben. Alles Staatspolitik, alles Kalkül. Der kalte Blick des russischen Präsidenten spricht Bände. Die Orthodoxe Kirche ist zur Staatskirche geworden – und alle Beteuerungen, dass Russland ein weltlicher Staat ist, sind für die Dummen.

Der unstillbare Appetit

Die Kirche verleibt sich alles ein, was sie bekommen kann. In vielen Fällen gerechtfertigt, weil sie in Sowjetzeiten verfolgt wurde und geächtet war. Im Falle der Isaaks-Kathedrale tut sich etwas ganz anderes auf: Die Kirche statuiert ein Exempel für ihre Dominanz in Russland. Sie will es wissen, und sie hat die Oberhand gewonnen. Um sie herum bündeln sich rechtsextreme Gruppen und Nationalisten. Für die das „starke Russland“ an erster Stelle steht.

Das „starke orthodoxe Russland“ beobachte ich seit Jahren auf der Ladoga-Klosterinsel Walaam. Die Kirche macht dort einen Riesenreibach mit „Pilgern“, die organisiert auf die Insel gekarrt und dort untergebracht werden. Die Kirche versucht mit aller Macht, die Ortsansässigen zu vertreiben. Sie hat die Insel erobert und protzt mit dicken Schlitten. Überall stehen Schilder: „Ohne Segen nicht zu betreten“, selbst im Obstgarten, wo doch eigentlich Frieden herrschen sollte… Der Frieden nämlich, der ureigenstes Postulat der Kirche sein sollte. Der Patriarch hat sich eine superschicke Residenz gebaut, mit Wachpersonal, das schon mit Blicken tötet, wenn man sich nur „unbefugt“ nähert.

Das traurige Beispiel Walaam

Wenn Herr Putin sich der Insel nähert, ist Ausnahmezustand – dann darf kein Schiff in den Hafen einlaufen. Dann heißt es stundenlang dümpeln in der Bucht. Die Kirche hat sich das einzige Lebensmittelgeschäft unter den Nagel gerissen – Argument war, dass dort Alkohol verkauft wird. Jetzt gehört der Laden der Kirche, und es wird immer noch Alkohol verkauft, nur viel teurer als vorher.

Die Bewohner, die keine Mönche und keine Touristen sind, leben in Häusern, die seit hundert Jahren nicht renoviert wurden. Und so weiter, immer so weiter, ich könnte endlos darüber berichten. Aber es geht ja um die Isaaks-Kathedrale. Dazu noch eine kleine Anmerkung: Wenn ich vom Newski mit dem Bus nach Hause fahre, sehe ich immer im Westgiebel unter der Hauptkuppel Herrn Montferrand – wie er, dargestellt als reicher römischer Bürger in Toga, das Modell der Kathedrale in der Hand hält.

Für ihn wäre alles gut, nur erzählt die Geschichte davon, wie ihm das Begräbnis im Keller der Kathedrale verweigert wurde, weil er Katholik war. Die orthodoxe Kirche hat damals nicht – und sie tut es bis heute nicht – begriffen, dass auch Katholiken und Lutheraner Christen sind. Und ihre aktuelle militante Haltung sagt, dass sie nichts dazugelernt hat.

[Susanne Brammerloh/russland.NEWS]