Stammtischfrage: „Wie kann man Russland wirklich wehtun?“

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Montabaur/Wien – Unlängst erschien in den Boulevardnachrichten eines führenden deutschen Internet-Postfachanbieters ein Artikel zu den denkbaren Sanktionen gegenüber Russland. Da dieser Text vor Stammtischpolemik laut aufschreit, soll er nicht unkommentiert bleiben. Wir hoffen Sie sehen uns nach, wenn wir uns ausnahmsweise der gleichen Rhetorik bedienen.

Ein von sich selbst hoch gelobter Online-Journalist, warf zweifelhafte Fragen auf, die er aller Wahrscheinlichkeit von seinem letzten Stammtischbesuch mitgebracht haben dürfte. Was der Fragesteller dabei jedoch nicht in Erwägung zog, war die Kehrseite der Medaille. Denn, wen träfen seine Sanktionen gegen Russland wirklich? Hier erlauben wir uns den Kommentar unseres Reporters in Kaliningrad zu dem Thema mit anzuführen: „Russland wird, davon bin ich überzeugt, jede einzelne verhängte Sanktion und deren Auswirkungen analysieren und Maßnahmen ergreifen, um zukünftig davon nicht mehr betroffen zu sein.“

Klare Worte angesichts einer verfahrenen Situation, die sich eben nicht bei einem Bier oder zwei vom Tisch fegen lässt. Wie hochschwanger diese Prophezeiungen eigentlich wirklich sind, erläutert ein weiterer Satz aus seiner Feder: „Der Nachteil für die westliche Seite könnte sein, dass, selbst wenn irgendwann diese Sanktionen wieder beendet werden, die Dienstleistungen des Westens nicht mehr benötigt werden oder nur zu Bedingungen, die für die westlichen Firmen, die sich den Forderungen der Politik gebeugt haben, weniger lukrativ sind.“ Jetzt sind wir am Punkt, wie sähe das in der Praxis aus?

Die Oligarchen aussperren

Zunächst, so schlug der Stammtischexperte vor, müsse man den Schönen und Reichen Höflingen des „neuen russischen Zaren“ einfach den Zugang zu ihren Ferienparadiesen in Westeuropa verwehren und deren Yachten aus europäischen Häfen aussperren. Danach fiel die naive Frage: „Könnten die Oligarchen wegen dieser Unannehmlichkeiten Putin zu einer Verhaltensänderung bringen?“

Was wäre, wenn man die Oligarchie aus den Tummelzentren der eitlen Welt ausschlösse? Ein Eklat, ein Putsch, ein Aufbegehren gegen den Kreml? Wohl eher kaum. Vermutlich käme es zu einem Aufschrei der tatsächlich Betroffenen. Die sind in diesem Fall nicht die russischen Grund- und Villenbesitzer, sondern die davon Abhängigen drumherum. Wer bezahlt die teuren Liegegebühren für die nicht weniger teueren Schiffe und wer gibt dort sein Geld aus? Schöne Badeplätze mit den dazugehörigen Grundstücken gibt es mit Verlaub auch anderswo auf dieser Welt.

Firmenanteile einfrieren

Das ist auch eine tolle Idee, die vermutlich schon bald zu einem Bumerang würde. Bereits reagiert hat Gennadi Timtschenko, laut dem „Forbes-Magazin“ der sechstreichste Russe, der kurzerhand Firmenanteile verkauft und damit zwischengelagert hat. Hauptsächlich soll es sich hierbei um Einkünfte aus dem Erdöl- und Gasgeschäft handeln. Diese Aktiva aber werden auf jeden Fall wieder in die russische Kasse zurückfließen.

Was aber, wenn der Spieß umgedreht wird und wer würde dann die Konsequenzen spüren? Sollte sich Russland entschließen ausländische Unternehmensgelder zu tangieren, wäre das ein gewaltiger Schlag gegen die europäische und amerikanische Wirtschaft. Dazu sollte man sich einmal die Mühe machen durch einen russischen Supermarkt zu bummeln. Was werden namhafte Hersteller aus dem Westen, die in Russland präsent sind dazu sagen? Nestlé, Pepsi, und allen voran das gelbe M zum Beispiel. Der Absatzmarkt an Monsanto-Produkten aus dem Gen-Labor ist in Russland beachtlich. Weiß eigentlich jemand, wie stark der Tabakkonzern Philip Morris in Russland vertreten ist?

Den Gashahn selber zudrehen

Auch grandios, wir haben’s ja. Ob allerdings das eigene Gas aus der Nordsee die Lieferungen aus Russland adäquat ersetzen kann und zu welchem Preis ist fraglich. Doch wir haben ja Gott sei dank unsere amerikanischen Freunde. Und auch die haben Gas, sogar Flüssiggas. Die Amerikaner werden sich jetzt bereits die Hände reiben und den Kosten-Nutzen-Faktor kalkulieren, um ihre desolate Währung wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Aber für außerordentliche Maßnahmen ist man ja schließlich bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Dumm nur, dass es derzeit noch gar keine ausreichenden Möglichkeiten gibt, dieses Flüssiggas entgegen zu nehmen und die Russen ihr Gas dann halt einfach woanders hin verkaufen.

Putin die Formel 1 und die Fußball-WM 2018 wegnehmen

Da sind wir wieder an einem Punkt angelangt, wo sich der Sport einmal mehr einer perfiden Politik beugen müsste. Sicherlich, solcherlei Veranstaltungen haben Prestigecharakter. Aber nicht nur für das Land das derlei Events ausrichtet, sondern auch für die zuständigen internationalen Verbände, die diese installieren. Teure Verträge werden nicht ausgehandelt um dann das Ganze plötzlich wieder zu kippen. Zudem möchten sich doch bitte die Stammtischbrüder und -Schwestern einmal vor Augen halten, wer am meisten von den Bauaufträgen für die Sportstätten profitiert.

Wer hat denn die Vermarktungsrechte bereits im Vorfeld teuer ausgehandelt? Wer verkauft das Bier und die Bouletten bei einer FIFA-Weltmeisterschaft? Da muss man schnell zugeben, dass es in erster Linie europäische und amerikanische Firmen sind, die sich hierbei eine goldene Nase verdienen. Im Gegenzug dazu spült der Werbevertrag mit Gasprom jährlich rund 40 Millionen Euro in die Kasse der UEFA ein. Sie sehen, hier geht es auf einmal nicht mehr um Prestige, sondern um Geld. Um viel Geld sogar.

Den Russen das Geldausgeben verbieten

Nun schließt sich der Kreis wieder. Man mag sich hunderttausende Russen vorstellen, die das Schicksal bemitleiden, ihr redlich verdientes Geld nicht mehr in den Shopping-Meilen Westeuropas ausgeben zu dürfen. Wir neigen zu einem milden Lächeln. Denn, Aeroflot, um nur eine Fluggesellschaft zu benennen, bringt pro Woche 52-mal zahlungskräftige Kundschaft aus Russland alleine nach Deutschland. Dabei geben russische Touristen derzeit in deutschen Geschäften weit über 250 Millionen Euro aus. Noch nicht berücksichtigt sind dabei die Umsatzzahlen des Hotel- und Gaststättengewerbes. Und diese Zahlen tangieren wohlgemerkt nur die Wirtschaft Deutschlands.

Oft ist Deutschland aber auch nur Transitland in die weiteren Shopping- und Sightseeing-Metropolen Europas. Dementsprechend fallen die Zahlen beispielsweise auch in Rom, Kitzbühel oder Paris ähnlich aus. Zudem ist den russischen Touristen naturgemäß eine gesteigerte Neu- und Wissbegier zu Eigen, die sich gerade in Europa hervorragend ausleben und natürlich auch bezahlen lässt.

Sie sehen, derlei Sanktionen sind, um es mit den Worten des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt zu verdeutlichen, „dummes Zeug“. Die Volksseele mag es ja anregen, die reale Wirtschaftspolitik wohl kaum. Und um noch einmal unseren Kaliningrad-Reporter zu bemühen: „Somit haben die Sanktionen auch einen positiven Effekt auf Russland – sie regen zum Nachdenken und Reagieren an.“ In diesem Sinne bestellen wir uns noch ein Bier beim Wirt und harren der nächsten absurden Vorschläge…

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.