St. Petersburg ist Kulturreiseziel Nr. 1 – weltweit

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[Von Lothar Deeg] – Petersburgs Tourismusbranche freut sich über einen klangvollen Titel: Die alte Zarenhauptstadt bekam den World Travel Award in der Kategorie „Kulturstadt-Reiseziel“ zugesprochen. Im Herbst gewann Petersburg bereits den Titel „Bestes Reiseziel Europas“.

Tourismusmagneten wie Venedig, London, Paris, Rom oder New York waren bei der diesjährigen Verleihung des „Tourismus-Oscar“ unter den anderen Nominierten für den Titel der besten Kulturmetropole als Reiseziel.

Gewonnen hat das russische St. Petersburg – vielleicht nicht ganz zufällig, denn schon vor der Preisverleihung, die am 2. Dezember in einem Ferien-Resort auf den Malediven stattfand, stand schon fest: Im nächsten Jahr wird diese große Gala-Veranstaltung in und von St. Petersburg ausgerichtet.

Da gehört wenigstens ein Siegertitel bei diesen seit 1993 ausgetragenen Tourismus-Wettspielen natürlich ins Portefeuille – wobei St. Petersburg in den letzten beiden Jahren bereits beim europäischen Regionalwettbewerb des Awards punktete: Zweimal gewann die Stadt bereits den General-Titel als „Bestes Reiseziel Europas“ – zuletzt im September, als der Jury wie üblich auch renommierte und nominierte Destinationen wie Amsterdam, Berlin, Barcelona, Florenz oder Venedig zur Auswahl standen.

Jede Auszeichnung hat ihren Werbe-Effekt

Petersburgs Tourismuskomitee-Chef Andrej Muschkarjow erklärte gegenüber fontanka.ru, dass bei diesem Wettbewerb alles ehrlich und fair von statten geht. In seiner Behörde habe man ausgerechnet, dass der PR-Gegenwert jeder dieser Auszeichnungen eine halbe Million Euro betrage – was dem (offenbar sehr spärlich bemessenen) Budget seiner Behörde für zwei Jahre entspreche.

Der ideelle Wert des Oscars in der Kategorie Kulturdestination wird allerdings ein bisschen dadurch geschmälert, dass dies nur einer von sage und schreibe 198 in diesem Jahr vergebenen World Travel Awards ist: Die Ausrichter konnten offenbar über die Jahre nicht der Versuchung wiederstehen, jedwedes Produkt im Tourismusbusiness in ihre Bewertungen einzubeziehen. So gibt es auch Preise für die weltbeste Eco-Lodge, den besten Luxus-Chauffeurs-Service oder das beste Eishotel.

Es wäre noch viel zu verbessern

Zwei Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft kann sich das touristische Petersburg also schon einmal als Kulturstadt-Weltmeister fühlen. Allerdings wäre es falsch, sich nun auf dem Lorbeer auszuruhen, denn zu verbessern und aufzuwerten gibt es in „Russlands Kulturhauptstadt“ noch einiges. Denn „Kultur“ besteht für Touristen nicht nur im Vorhandensein der Eremitage, des Mariinski-Theaters und der jährlichen Mega-Show „Alyje parusa“ in den Weißen Nächten, sondern eben auch im real empfundenen Ambiente, der Lebensqualität und der Lebendigkeit in der Stadt.

Denn wenn man mit – durchaus kulturinteressierten – Petersburg-Touristen (oder auch Anbietern und Reiseleitern) spricht, kommen fast immer die gleichen Mängel zur Sprache: Das historische Stadtzentrum ist vom Autoverkehr überflutet und leidet unter Dauerstaus. Das nimmt zum einen Fußgängern die Atemluft und schränkt ihre Bewegungsfreiheit spürbar ein. Und zum anderem werden Ausflüge und Stadtrundfahrten per Bus für die Reiseveranstalter zu einem zeitlich schwer kalkulierbaren Risiko.

Die Praxis der höheren „Ausländerpreise“ bei zahlreichen Museen und Bühnen fördert auch nicht gerade den Wohlfühlfaktor – zumindest bei jenen Individual-Touristen, die sich ihre Tickets an der Kasse selber holen.

Kultur gibt es nicht nur in der Eremitage

Und schließlich wäre da noch das Kulturleben als solches. Dies besteht ja nicht nur aus klassischer musischer oder kunstfertiger Hochkultur hinter palastartigen Fassaden sowie patriotisch wertvollen Großevents mit Geschichtsbezug, sondern auch aus Straßenkunst, Experimenten, Happenings, Festivals – und so mancher Freigeistigkeit und (aua!) Provokation.

Im schön reglementierten, von sittenstrengen Stadtvätern regierten St. Petersburg gibt es da längst nicht so viel zu erleben, wie man es sich wünschen könnte. Und die Szenen, Orte und Events, wo derartige (Sub-)Kultur-Pflänzchen dennoch gedeihen – oder auch mangels Zuspruch und Geld nur vor sich hin kümmern – stehen eben nicht in den klassischen Petersburg-Reiseprogrammen. Sie werden von der Stadt auch nicht beworben oder vermarktet. Wozu, man hat ja schließlich das Bernsteinzimmer und Peterhofs Fontänen.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.