St. Petersburg – am Tag danach: Verdächtige und neue Bombenalarme

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[von Lothar Deeg] St. Petersburg kehrt nach dem Terroranschlag in der Metro langsam wieder in den gewohnten Alltag zurück. Die Ermittler vermuten nun doch einen Selbstmordanschlag.

In St. Petersburg hat am Dienstag die nach dem Terrorakt komplett geschlossene Metro wieder auf allen Linien den Betrieb aufgenommen. Auf den Straßen kam es dennoch zu starken Staus, da noch am Abend die Rede davon war, dass die beiden Nord-Süd-Linien 1 und 2 im Zentrum weiterhin unterbrochen sein werden. Auch fällt es vielen Petersburger nach dem Terror-Schock schlichtweg schwer, wieder wie gewohnt die Metro zu benutzen. Gouverneur Georgi Poltawtschenko erließ eine dreitätige Trauer für die Stadt. Er dankte den vielen Mitbürgern, die bis spät in den Abend gestrandete Personen mit ihren Autos nach Hause gefahren hatten. St. Petersburg lasse sich von den Terroristen nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, sagte er.

Opferbilanz: 14 Tote, 51 Verletzte

Die Bombenexplosion in einem Waggon der Linie 2 zwischen den Stationen Sennaja Ploschtschad und Technologitscheski Institut kostete nach letzten Angaben 14 Menschen das Leben. Elf Todesopfer lagen in dem zerrissenen U-Bahn-Wagen. Drei weitere Personen starben im Krankenhaus oder auf dem Transport dorthin. Die Zahl der Verletzten wird mit 51 angegeben.

Verdächtigter Bartträger ist unschuldig

Offenbar gehen die Behörden inzwischen doch von einem Selbstmordanschlag aus. Zunächst hatte es geheißen, ein Mann habe eine Tasche in den Metrowagen gestellt und sei wieder ausgestiegen. Selbst das Foto eines mutmaßlichen Verdächtigen wurde von russischen Medien am Montagabend verbreitet, nachdem es offenbar polizeiintern zur Fahndung verbreitet wurde. Es zeigte einen hochgewachsenen Mann mit schwarzem Mantel, schwarzem langen Vollbart ohne Schnauzer, kantigem Gesicht und einer Tjubetejka auf dem Kopf – der traditionellen Kopfbedeckung von Tataren und Baschkiren. Wie die Webzeitung fontanka.ru etwas vorschnell urteilte, sähe dieser Mann genau so aus, wie sich der Durchschnittsbürger einen IS-Terroristen vorstelle. Der Abgebildete, ein Mann aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan,  sah sein Bild am Abend selbst im Internet – und ging schnurstracks zur Polizei, um seine Unschuld zu beteuern, was ihm offenbar gelang.

Hinweise auf Selbstmordattentat

Inzwischen haben die Ermittler auch Leichenteile des Attentäters gefunden, der von der am Körper getragenen Bombe zerfetzt wurde. Als verdächtig gilt jetzt ein 22 Jahre alter russischer Staatsbürger, der aus Osch in Kirgistan gebürtig sei. Sein Name wird mit Akbarschon Dschalilow angegeben. Vorübergehend hatte sich der Verdacht auch gegen einen Studenten aus Kasachstan gerichtet, der seit dem Anschlag vermisst wird. Zeugen sagten jedoch aus, dieser junge Mann habe sich direkt aus der Hochschule in Begleitung von Kommilitonen auf seinen üblichen Heimweg gemacht – und sei dabei in den kurz darauf gesprengten U-Bahn-Wagen gestiegen.

Noch offen ist, ob der zweite in der Station Ploschtschad Wosstannija gefundene und dann entschärfte Sprengsatz vom gleichen oder einem anderen Täter in die Metro gebracht worden war. Die in einer Tasche versteckte Eigenbau-Bombe bestand aus zwei Sprengpaketen mit zusammen 0,5 Kilogramm TNT und war mit Metallkugeln und Münzen gespickt. Als Behälter diente ein Autofeuerlöscher.

Terrorfahnder wollen zweiten Anschlag vereitelt haben

Einem Bericht der Zeitung „Kommersant“ zufolge hatten die Petersburger Antiterrorfahnder bereits seit längerem eine vom IS initiierte Terroristenzelle im Visier, die einen Anschlag in der Metro geplant haben soll. Ein Informant, der daran aber nur marginal beteiligt gewesen sei, habe dem Inlandsgeheimdienst FSB darüber berichtet. Allerdings hätten die Ermittler nur mehrere anonym vergebene Mobiltelefonnummern gekannt und abgehört, über die die mutmaßlichen Terroristen nur selten und dann sehr kurz und verklausuliert  Informationen ausgetauscht hätten. Deshalb sie es nicht gelungen, näher an die Verdächtigen heranzukommen  oder ihre Pläne zu vereiteln.

Nach der ersten Explosion seien die fraglichen Nummern des Netzwerkes sofort gesperrt  worden. Dies hätte offenbar dazu geführt, dass der zweite Täter ohne Verbindung zu seinen Hintermännern geblieben sei und in Panik die Tasche mit der Bombe unter eine Sitzbank gestellt habe und geflohen sei.

Möglicherweise  versuchen die russischen Antiterror-Behörden mit dieser Geschichte aber auch nur, ihr eigenes Versagen zumindest zu relativieren und sich wenigstens die Verhinderung des zweiten Anschlags zuzuschreiben. Denn wie fontanka.ru inzwischen berichtet, war die verdächtige Tasche am Ploschtschad Wosstanija bereits neun Minuten vor der Explosion auf der Linie 2 bemerkt worden.

Islamistische Terroristen hatten Petersburg schon länger im Visier

Im August und nochmals im November 2016 hatte der FSB nach eigenen Angaben bereits zwei Terrorzellen mit IS-Kontakten in St. Petersburg ausgehoben. die Anschläge geplant haben sollen. Im ersten Fall wurden dabei beim Sturm einer verdächtigen Wohnung vier Männer erschossen, die Gegenwehr geleistet haben sollen.

Nach den letzten Bombenanschlägen in der Moskauer Metro 2010 waren mit gehörigem Aufwand an allen Eingängen der Petersburger Metro Metalldetektoren installiert worden. Allerdings werden von den täglich zwei Millionen Metro-Passagiere nur etwa zwei Prozent stichprobenweise kontrolliert – weder der Personalbestand der Polizei noch das Passagieraufkommen würde auch etwas anderes erlauben. Geholfen haben diese Sicherheitsmaßnahmen im jetzt eingetretenen Ernstfall offensichtlich gar nichts. Die Effektivität der Eingangskontrollen solle nun überprüft werden, so Gouverneur Poltawtschenko.

Erneut Metrosperrungen und Bombenalarme

Die Lage in St. Petersburg bleibt derweil angespannt: Am Dienstagvormittag wurden ein Uni-Institut, ein Supermarkt und eine Metrostation vorübergehend evakuiert, weil verdächtige Gegenstände gefunden worden waren.

Gegen Mittag wurde dann die vom Anschlag betroffene Linie 2 im Stadtzentrum erneut gesperrt: Zwischen den Stationen Petrogradskaja und Moskowskaja fahren erneut keine Züge, da alle Stationen und Tunnels überprüft werden. Zuvor war eine anonyme Bombendrohung eingegangen, wonach sich in der Station Sennaja Ploschtschad ein Sprengsatz befinden soll.

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.