Spontaneität und Bewusstsein in der Februarrevolution

Foto: The Kathryn and Shelby Cullom Davis Library, Gemeinfrei via Flickr

Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Online-Vortrag von Joseph Kishore, dem nationalen Sekretär der Socialist Equality Party (US), vom 22. April 2017. Es ist der vierte von fünf Vorträgen, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale aus Anlass des einhundertsten Jahrestags der Russischen Revolution von 1917 präsentiert.

Die historische Ausgangslage: Die kombinierte und ungleichmäßige Entwicklung Russlands und die Theorie der permanenten Revolution

Die Ereignisse vom Februar 1917 in Russland waren der Auftakt zu revolutionären Erschütterungen, die den Lauf der Geschichte ändern sollten. Am 22. Februar, dem Vorabend der Revolution, war Nikolaus II noch Zar und Herrscher über ganz Russland. Eine Woche später war die scheinbar unbesiegbare Romanow-Dynastie, die mehr als 300 Jahre lang geherrscht hatte, gestürzt worden. An ihre Stelle war eine instabile „Doppelmacht“ getreten: auf der einen Seite die bürgerliche Provisorische Regierung, auf der anderen der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. In diesem Rahmen entfalteten sich die politischen Kämpfe der nächsten acht Monate, die schließlich in der Machteroberung der Arbeiterklasse unter der Führung der Bolschewistischen Partei gipfelten.

Zu Beginn unserer Betrachtung der Revolution von 1917 müssen wir noch einmal rekapitulieren, wie die „russische Frage“ von der revolutionären Bewegung verstanden und analysiert wurde. Denn nur vor diesem Hintergrund kann man die politischen und gesellschaftlichen Konflikte jener bewegten Monate richtig einschätzen.

Grundsätzlich geht der Marxismus davon aus, dass eine soziale Revolution – die Ablösung einer herrschenden Klasse durch eine andere – dann eintritt, wenn sich die Produktivkräfte im Rahmen der bestehenden Produktionsverhältnisse nicht mehr weiterentwickeln können. Der wissenschaftliche Sozialismus beruht nicht auf frei erfundenen Utopien, sondern auf den objektiven Widersprüchen des Kapitalismus und den damit verbundenen gesellschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse. Wenn man die heutige Weltlage betrachtet, ist offenkundig, dass das kapitalistische Nationalstaatensystem zu einem enormen Hindernis für die Weiterentwicklung der Produktivkräfte und die Zukunft der Menschheit selbst geworden ist.

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