Soziale Netzwerke – die „Stille Post“ der Moderne

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Sie kennen bestimmt noch das Gesellschaftsvergnügen „Stille Post“. Einer flüstert dem anderen etwas ins Ohr und derjenige flüstert es wiederum seinem Nachbarn weiter. Je länger dabei diese Flüsterkette ist, umso lustiger ist es, was beim Letzten angekommen ist.

Eine moderne Variante dieses Spiels übernehmen heute die sogenannten Social Medias im Internet, auf denen quasi jeder veröffentlichen kann, was ihm gerade in den Sinn kommt. Jetzt muss man allerdings deutlich in der Qualität des Mediums unterscheiden. Es gibt durchaus seriöse Blogs und Video-Channels, aber leider, und das ist nun die weltweite Freiheit des WWW, eben auch unseriöse. So kommt es mitunter auch zu Stimmungsmache, die die eigentliche Tatsache komplett aus den Angeln hebt.

Ein Bilderbuchbeispiel dafür stellt Deutschlands wichtigster News-Youtuber. Mit sage und schreibe über 2,5 Millionen Abonnenten auf seinem Youtube-Kanal, verbreitet ein gewisser LeFloyd ungehindert Meldungen, die, ähnlich wie bei der „Stillen Post“, am Ende die Wahrheit komplett verzerren. Eklatant wird es dann so richtig, wenn sich dabei Meldungen aus der Ecke der Verschwörungstheoretiker hervortun und das am besten noch aus dem politisch rechten Lager. Ein schönes Beispiel ist da die legendäre 9/11 Theorie. Für die hat sich LeFloyd danach zwar entschuldigt, aber da galoppierte das Thema bereits als Selbstläufer durchs Netz.

9/11 und der Klimawandel

Ein aktuelles Thema ist die Aussage von Wladimir Putin zur globalen Klimaerwärmung. Hierbei werden dem russischen Präsidenten Worte in den Mund gelegt, die so nie gesagt worden sind. Zunächst sei Ihnen zum besseren Verständnis die Originalrede, von uns ins Deutsche übersetzt, ans Herz gelegt. Nun wird jedoch Putins Standpunkt allerorts anders dargestellt. Ein „Klimaskeptiker“, der den Klimawandel verneint, sei er, wird dem Präsidenten unterstellt. Die Erderwärmung sei lediglich vom Menschen inszeniert, um einen Betrug handle es sich. Nur darauf gerichtet, mehrere Länder in ihrer industriellen Entwicklung zu behindern.

Natürlich sei auch Russland unter diesen Ländern zu finden, so wird er „zitiert“. Scherze habe er gemacht im Jahr 2003, dass er die globale Erwärmung befürworte, damit die Russen weniger Geld für Pelzmäntel ausgäben. Zudem würden Experten aus der Landwirtschaft behaupten, dass bei höheren Temperaturen die Getreideernte effektiver ausfiele und er Gott dafür danke. Unterstrichen werden diese „Aussagen“ durch einen Artikel im „Daily Caller“. Hierbei handelt es sich um ein englischsprachiges Blog, in dem offenbar 24 Stunden lang am Tag die Wahrheit vertreten wird.

Inwiefern die veröffentlichten Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden, geht aus der Seite nicht hervor. Zumindest verspricht es aber tiefen investigativen Journalismus, der angeblich pro Monat etwa 60 Millionen Leser erreicht. Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass in dem ursprünglichen Artikel kein einziges Originalzitat von Putin zu finden ist. Kurioserweise ist diese Tatsache, bis diese Meldung um etliche Ecken hierzulande aufgetaucht ist, verschütt gegangen.

Die ungehemmte Verbreitung von Unwahrheiten

Sogar bis in die vermeintlich objektive New York Times hat es dieser sogenannte Hoax geschaft. Dort wird Putin gleich „zitiert“. Zudem gäbe es in Russland so gut wie gar kein Umweltbewustsein. Und so zieht sich das durch die Medien, wie ein roter Faden. Laut einem Bericht des Österreichischen Senders ORF sei Putin 2010 noch ein rechter „Klimaskeptiker“ gewesen, sei aber allmählich bekehrt worden. Ein ebensolcher Kremlanalyst und Verfechter der Negierung des Weltklimawandels Putins ist Stanislaw Belkowski. Bemerkenswert dabei ist, dass sich ausgerechnet jener als einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten hervorgetan hat.

Als vermeintlicher Kronzeuge der New York Times ist er deshalb wohl sicherlich nicht als besonders glaubwürdig zu werten. Tatsache hingegen ist, dass Wladimir Putin zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Angelegenheit, genauso wie die allermeisten seiner Landsleute, keine allzu große Bedeutung beigemessen hat. Dennoch unterschrieb er im Jahr 2004, im Gegesatz zu den USA und Australien, das sogenannte Kyoto-Protokoll, welches ratfizierte, den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen in den Industriestaaten bis ins Jahr 2012 um 5,2 Prozent zu senken. Ebenso erwacht in Russland mittlerweile durchaus das Bewusstsein ökologischer Alternativen. Angefangen bei der Ernährung – ja, es gibt Bioläden in Russland! – bis hin zu klimafreundlichen Energiealternativen.

Sie sehen wo der Hase langläuft. Da verbreiten sich im Internet Halbwahrheiten, die im Lauf der Zeit immer mehr zu konstruierten Unwahrheiten mutieren. Die „Stille Post“ lässt grüßen. Das Fatale an der ganzen Sache ist, dass der Durchschnittsuser auf diesen Sozialen Netzwerken ein Alter von rund 35 Jahren noch nicht überschritten hat. Somit stehen der manipulativen Einwirkung auf nachfolgende Generationen Tür und Tor sperrangelweit offen. Deshalb ist ein sorgfältiger Umgang des Internet-Journalismus mit seinen Veröffentlichungen unumgänglich.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.