Sotschi – eine “Katastrophe”?

[Von Andrej Iwanowski, Redaktionsleiter im Sankt Petersburger Herold] „Diese Spiele in Sotschi werden eine pure Katastrophe!“ hörte ich letzte Woche in Wien von einem der namhaftesten Journalisten Österreichs. „Korruptionsskandale, Terrorgefahr, ‚Anti-Schwulen-Gesetz‘ – glaube mir, dies wird eine Katastrophe!“ So werden wohl viele Menschen denken – und zwar nicht nur in Österreich.

Die Vor-Olympia-Berichterstattung in den EU-Ländern wirkt nämlich wie ein Wettkampf in Schwarzmalerei. Eine pure Katastrophe. Den staatlichen russischen Medien wirft der Westen zugleich vor, sie trauen sich nichts Negatives über Sotschi zu berichten – beziehungsweise sie dürfen das nicht. Dabei will die westliche Medienwelt gar nicht merken, wie einseitig, einfarbig und tendenziös ihre eigenen Sotschi-Beiträge sind.

Einen der Höhepunkte dieser Kampagne in Österreich sollte die Sendung „Im Zentrum“ werden, die von ORF-2 fünf Tage vor dem Auftakt in Sotschi ausgestrahlt wurde. „Die olympische Megashow – zwischen Ruhm und Rubel“, lautete der Titel des Polittalks. „Wie viel Politik verträgt Olympia und wie viel Platz hat der Sport noch dabei?“, formulierte die Moderatorin das Hauptthema. Man wolle sich auf „die Schattenseite der Spiele“ konzentrieren.

Wohl in der Befürchtung, es würde schon wieder zu einem „Russland-Bashing“ kommen, hatte die russische Botschaft in Wien die Einladung zur Sendung abgelehnt. Wer fühlt sich schon wohl in der Rolle des Prügelknaben? Wenn aber wirklich ein „Bashing“ geplant war, haben die Veranstalter offenbar die falschen Talkshow-Gäste eingeladen. Auf Russland-Kritik waren an diesem Sonntagabend im Wiener Fernsehstudio bei weitem nicht alle eingestellt. So gefiel Rainer Schönfelder, dem zweifachen Medaillengewinner der Spiele 2006 in Turin, die Formel „Putins Spiele“ gar nicht: „Wir Sportler sollten froh sein, dass es jemanden gibt, der sehr viel Geld in die Hand nimmt und das schafft, damit wir tolle Spiele haben können.“

Man könne Politik und Sport sehr wohl voneinander trennen, meinte Politologe Gerhard Mangott Es gebe vieles in Russland, was man öffentlich kritisieren muss, aber an geeigneter Stelle. „Und ich finde, Sotschi ist das nicht“, betonte er. „Manchmal hat man den Eindruck, Politiker hätten keine andere Gelegenheit, ihr Missfallen über die Umstände in Russland auszudrücken als gerade jetzt, indem sie sagen, sie kommen nicht zur Eröffnungszeremonie.“ „Wenn die Spiele erst einmal laufen, kümmert sich die Medienkarawane ausschließlich um die sportlichen Ereignisse“, äußerte der Wiener Sportjournalist Johann Skocek bei einer anderen Diskussion, die beim unabhängigen österreichischen Sender okto-tv dem Thema „Sotschi und die Medien“ galt.

Nur peripher berichten europäische Medien, dass etliche Großunternehmen sich an Aufträgen für Sotschi goldene Nasen verdient haben. Österreich etwa feiert sich bereits vor dem Auftakt der Spiele als einen „Olympia-Gewinner“: Mit Bestellungen in Höhe von rund zwei Milliarden Euro haben Strabag, Doppelmayr und Co. mehr verdient als die deutschen Konkurrenten. „Die Absagen der Herren Gauck, Hollande, Obama und Cameron sind ein Zeichen – und zwar für die Doppelmoral der Politik. Einerseits dealen sie mit Russland, andererseits zeigen sie Olympia die kalte Schulter“, kommentierte das liberale Wiener Blatt „Der Standard“.

Übernommen vom Sankt Petersburger Herold