Sotschi 2014 – Lewis Hamilton fährt im „Autodrom“ seiner Konkurrenz davon

Sotschi – Die Inszenierung war perfekt, die Zuschauer begeistert und die Unkenrufe der Kritiker wurden immer mehr ad absurdum geführt. Russland erlebte bei seinem Debüt im Formel-1 Zirkus einen gelungenen Start und Mercedes durfte dann am Ende den Schampus öffnen.

Schon vor dem eigentlichen Rennen wurde deutlich, dass sich Russland einmal mehr in seiner Außendarstellung übertroffen hat. Ein wenig fühlte man sich an die Olympischen Winterspiele zurück erinnert, die alleine schon durch ihre Auftaktveranstaltung glänzte. Zur Premiere des ersten Grand Prix auf russischem Boden verstanden es die Hausherren sich im Badeort am Schwarzen Meer auf ein Neues von ihrer besten Seite zu zeigen.

Aber was wurde nicht schon wieder alles gemunkelt in Versuchung einen Haken zu finden. Und wenn schon keiner zu finden ist, wird eben einer konstruiert. Allen voran, wie war es anders zu erwarten, vom meist verbreitete Boulevardblatt aus dem Hause Springer. Es sei das absurdeste Rennen des Jahres, wusste das Blatt. Aber der „Putin-Wahnsinn“ ginge noch weiter, hieß es, und das Chaos vor dem Rennen ist vorprogrammiert. Nichts von all dem sollte sich bewahrheiten. Weder wurde der komplette Funkverkehr wegen dem russischen Präsidenten abgestellt, noch weilte er in einer panzerverglasten blickdichten Loge.

Die Teams schien das ganze Treiben ohnehin nicht allzu sehr zu kümmern. Das einzige, was ihn interessiere, sei ein schnelles Auto zu haben, sagte Teamchef Franz Tost von Toro Rosso: „Der Rest ist Politik.“ Dann tanzten Kosaken ihre dynamischen Tänze und Mädels in feschen Kostümen kredenzten Tee. Als dann auch noch die Kunstflugstaffel der Luftstreitkräfte die russische Trikolore zur russischen Nationalhymne in den strahlend blauen Himmel blies, blieb sogar dem ehemaligen Formel-1 Weltmeister und heutigen TV-Experten Niki Lauda die Spucke weg.

52 Mal im Kreis herum…

Überschattet vom schweren Unfall des Marussia-Piloten Jules Bianchi, der seit dem letzen Sonntag in einem japanischen Krankenhaus im Koma liegt und mit dem Tod ringt, lag bei den Fahrern vor dem Start eine gewisse Schwere in der Luft. Mit einer Schweigeminute wollte man ihn zumindest gedanklich an Sotschi teilhaben lassen. 52.000 Zuschauer im ausverkauften Autodrom wussten diese Geste zu würdigen und endlich war der erste Grand Prix in Russland gestartet. Das Bild war vertraut. Lewis Hamilton rast vorweg und alle anderen hinterher.

Sein Teamkollege Nico Rosberg war noch so mutig, ihn gleich in der allerersten Kurve zu überholen, er büsste es mit einem kaputten Satz Reifen. Der unvermeidliche Boxenstopp bedeutete dann für ihn, quasi von vorn anzufangen. Denn auch wenn der Reifenwechsel nur gerade eine halbe Minute in Anspruch nimmt, ziehen alle anderen an ihm vorbei. Hamilton rast derweil unbekümmert weiter. Und das sollte sich, soweit können wir das schon vorwegnehmen, die gesamten 52 Runden auch nicht mehr ändern.

52 Runden auf der drittlängsten Strecke im derzeitigen Formel-1 Geschehen, ohne einen einzigen Boxenstopp, ohne Reifenwechsel, ohne Materialverlust. Einfach so, immer im Kreis herum, 300 Kilometer lang bei einer Geschwindigkeit von ebenso vielen Stundenkilometern. Da wurde der Stuttgarter Automobilhersteller seinem Anspruch aus der Eigenvermarktung einmal mehr als gerecht. Zur Belohnung winkte dann auch die vorzeitige Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, die die Konkurrenz nur noch streitig machen könnte, würde Mercedes in den letzten ausstehenden Rennen nicht mehr mitfahren.

Somit stand am Ende ein klarer Gewinner fest. Lewis Hamilton fuhr in seinem 65. Rennen seinen 31. Sieg ein und durfte die Trophäe aus Wladimir Putins Händen entgegen nehmen. 13,6 Sekunden nach Hamilton fuhr Nico Rosberg, der nach seinem Patzer zu Beginn eine rasante Aufholjagd hinter sich hatte, über die Ziellinie. Dritter wurde der sich wacker bemühende Finne Valtteri Bottas, der immerhin die schnellste Runde fuhr. Für den noch amtierenden Weltmeister Sebastian Vettel reichte es hingegen nur zum 8. Platz. Der Lokalmatador Daniil Kwjat erreichte als 14. das Ziel.

Irgendwie fuhren sie ja sowieso alle für Jules Bianchi. Der eigentliche Gewinner an diesem Wochenende jedoch, hieß – Sotschi. Der erste Grand Prix von Russland war gefahren, die Premiere war gelungen. Sogar der künftige Weltmeister in spe, Lewis Hamilton, war voll des Lobes und erwägt durchaus einmal einen privaten Besuch des Landes. Do Swidanje – der Zirkus zieht weiter, Russland bleibt.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.