Solide deutsch-russische Wirtschaftsbasis trotz Sanktionen

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[Hartmut Hübner] Gestern gingen in Berlin die 10. Deutsch-Russischen Festtage zu Ende, die inzwischen die größte deutsch-russische Kulturveranstaltung in Deutschland sind. Traditionell findet im Rahmen dieser Festtage der deutsch-russische Wirtschaftstag statt.

„Dieses Wirtschaftsforum für deutsche und russische Unternehmen trägt dazu bei, die Gespräche auch in diesen komplizierten Zeiten nicht abreißen zu lassen und die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder weiter zu entwickeln“, so Egbert Drews, Vorstandsvorsitzender der MARWIKO AG, einem Firmenkonsortium mit einem umfangreichen Netzwerk in alle Wirtschaftsrichtungen und mit sehr engen Kontakten nach Russland und in die GUS-Staaten, das alljährlich dieses Wirtschaftstreffen organisiert.

Rund 150 Vertreter von Unternehmen und Organisationen aus Russland und Deutschland kamen zum Austausch über aktuelle wirtschaftspolitische Fragen und Perspektiven sowie zu praktischen Kooperationsgesprächen. Schirmherr der Veranstaltung war der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Wladimir Grinin.

Auf einer Plenartagung mit Podiumsgespräch wurden der aktuelle Standort der russischen Wirtschaft zwischen Lokalisierung und Importsubstitution, Energieexport und Know-how-Transfer bestimmt sowie die struktureller Anpassung und strategische Neuausrichtung der deutschen Wirtschaft in Russland diskutiert.

In seiner Einleitung begrüßte Egbert Drews die Forderung des Vizekanzlers, Wirtschaftsministers und SPD-Vorsitzenden Siegmar Gabriel, auf dem diesjährigen Russland-Tag von Mecklenburg-Vorpommern  in Rostock, dass nun wieder der Dialog mit Russland an die Stelle der Sanktionen treten müsse. Allerdings habe die Wirtschaft den Dialog nie aufgegeben, machte er deutlich, wenn auch noch viele von der Politik in den Weg gelegte Steine wegzuräumen seien. Dazu sollten gerade die Gespräche zwischen deutschen und russischen Unternehmern auf dem Wirtschaftstag in Berlin beitragen.

Den gegenwärtigen Zustand der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen bezeichnete Prof. Andrej Swerjew, Repräsentant des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes (RSPP) in Deutschland, als am Boden liegend. Seit 2013 habe sich der Warenaustausch bis jetzt etwa halbiert und auch bei den gegenseitigen Investitionen gebe es derzeit Stillstand. Zudem fänden seit 2012 keine Konsultationen zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Putin mehr statt. Wenigstens  tage am 24.Juni zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder die strategische Arbeitsgruppe beider Regierungen.
Diese insgesamt traurige Bilanz zu verbessern, erfordere von beiden Seiten konstruktive Schritte. Dazu gehört aus seiner Sicht nicht die Orientierung auf die umfassende Ablösung von Importen. „Die Idee ist grundsätzlich richtig, aber sie sie kommt für viele Wirtschaftszweige zu früh und ist zu teuer“, meinte Swerjew. „Wir konnten schon in der Sowjetunion und können auch jetzt eine Kopie eines Mercedes Benz herstellen, aber zu welchem Preis?“, fragte er. Richtig und wichtig sei die Importsubstitution hingegen in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen und in der pharmazeutischen Industrie. In diesen Bereichen ließen sich relativ schnell positive Resultate erreichen.
Hinsichtlich der Aufhebung der Sanktionen gebe es aber offensichtlich widersprüchliche Auffassungen innerhalb der Regierungskoalition in Deutschland, wie zum einen das Eintreten von Gabriel für einen Abbau und andererseits die offensichtlich aus Berlin initiierte Absage von Seehofer eines von ihm bei seinem Moskau-Besuch vereinbarten Treffens mit dem russischen Wirtschaftsminister Uljukajew in München zeige.
„Ich schaue eher pessimistisch in die nahe Zukunft, weil ich denke, dass der Westen Ende Juni die Sanktionen gegen Russland verlängern wird“, schloss Swerjew, „außerdem sind in den USA und führenden europäischen Staaten in absehbarer Zeit Wahlen und hier bleibt abzuwarten, wie sich die neuen Staatsführer zu Russland stellen.“

Der  Vizepräsident Business Development GUS und Zentralasien, DB Schenker Rail AG, Generaldirektor der OOO Railion Russija Services sowie stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsclubs Russland, Uwe Leuschner, wies darauf hin, dass seine Gesellschaft wie wohl alle ausländischen Unternehmen trotz der schlechten Stimmung in der russischen Wirtschaft engagiert weiter arbeitet und bemüht ist, mit den russischen Partnern im Dialog zu bleiben. Es gebe durchaus auch gemeinsame Projekte, widersprach er Swerjew, und verwies auf die Ende Juni bevorstehende Eröffnung eines Werkes für Erdöl-Pumpen bei Moskau, das in Verantwortung der WILO Gruppe realisiert wurde, sowie auf den Abschluss eines 120-Millionen Projektes zum Bau eines Landmaschinen-Betriebes der russischen Claas-Tochter im vergangenen Jahr in Krasnodar sowie die mit finanzieller und organisatorischer  Unterstützung der deutschen LUNO-Gruppe erfolgte Inbetriebnahme eines weltweit einzigartigen medizinischen Diagnostikzentrums in Moskau, bei dem innovative russische Verfahren eingesetzt werden. Alle drei Erfolgsprojekte in Krisenzeiten seien in ihrer Art auf die Lokalisierung der Produktion in Russland gerichtet.
„Es gibt nach wie vor stabile Wirtschaftsbeziehungen zwischen Unternehmen in beiden Ländern, der Rückgang im Außenhandel ist vor allem durch den Wegfall von Finanzierungsmodellen aus dem Westen bedingt“, versicherte Leuschner. „Wir sollten gemeinsam die bestehenden Probleme nicht nur mit den politischen Dissonanzen zu erklären versuchen, sondern in gemeinsamer praktischer Arbeit überwinden.“

Den Verlust aus den der Sanktionen für Russland bewertete Dr. Sergej Nikitin, Repräsentant der russischen Handels- und Industriekammer in Russland in Deutschland, auf 20 Prozent. Dessen ungeachtet würden mit politischer Unterstützung Großprojekte weitergeführt, die vor den Sanktionen begonnen worden waren, wie eines von Wintershall im Bereich der Erdgasförderung im Umfang von über zwei Milliarden Euro und der Bau eines Werkes für Solarzellen zur Entwicklung alternativer Energiequellen in Russland.
„Dieses Projekt lag lange auf Eis, jetzt haben wir ein Signal von der Deutschen Energie Agentur DENA zur Weiterführung des Projekte erhalten“, berichtete Nikitin. Allerdings müssten laut gesetzlicher Vorgabe fünfzig Prozent der Komponenten der Projektionsstätte in Russland hergestellt werden.
Dass aber auch russische Unternehmen durchaus im Westen erfolgreich sein können, zeige die Auszeichnung eines Moskauer Entwicklungsbüros als international erfolgreiches russisches Unternehmen, das für das Forschungszentrum Jülich einen Supercomputer gebaut hat. Die russische Handels- und Industriekammer unterstütze außerdem weitere fünf IT-Firmen bei Projekten im Ausland. Darüber hinaus sei seine Organisation bereit, gemeinsam mit deutschen Partnern neue gemeinsame Vorhaben zu entwickeln.

Auch Swerjew versicherte, der Unternehmerverband RSPP stehe in den Startlöchern, um weitere Firmen aus Russland nach Deutschland zu holen und der  ebenfalls von ihm vertretene Verband der russischen Wirtschaft in Deutschland kümmert sich um deutsche Firmen mit russischer Beteiligung, wie GAZPROM Germania oder die Bank WEB Deutschland. Aber der Verein unterstützt auch Dutzende kleine und mittlere Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind oder Interesse am deutschen Markt haben. „Dass ihre Zahl eher zu- als abnimmt, ist ein Beleg für die nach wie vor bestehende solide Basis in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, die wir mit unseren Möglichkeiten ausbauen wollen“, betonte Swerjew.

Im zweiten Teil des Wirtschaftstages diskutierten die Teilnehmer in Gesprächsgruppen über Qualitätsstandards in der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, über die Kooperation zwischen Deutschland und Russland in Handel und Wirtschaft, über Finanzierungsmöglichkeiten von Investitionen in Russland sowie über aktuelle Fragen der russischen Gesetzgebung, die Lokalisierung und die Importablösung.

Zum Abschluss des deutsch-russischen Wirtschaftstages hob Egbert Drews die zahlreichen besprochenen vielversprechenden Ansätze für eine Verbesserung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen hervor und äußerte die Hoffnung, dass auf dem deutsch-russischen Wirtschaftstag im kommenden Jahr zumindest einige davon realisiert sind.
(Hartmut Hübner/russland.RU)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.