Zu den Feiern am 9. Mai werden in Moskau sieben ausländische Delegationen erwartet. Während der Tag des Sieges für die Mehrheit der Russen laut einer Umfrage weiterhin der wichtigste Feiertag bleibt, sorgt eine russische Warnung vor möglichen Angriffen auf Kiew international für neue Spannungen.
Der Kreml hat die Liste der ausländischen Delegationen veröffentlicht, die am 9. Mai an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teilnehmen sollen. Erwartet werden unter anderem der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko, der laotische Präsident Thongloun Sisoulith, Malaysias König Sultan Ibrahim sowie der slowakische Ministerpräsident Robert Fico. Außerdem sollen die Präsidenten Abchasiens und Südossetiens, Badra Gunba und Alan Gaglojew, nach Moskau kommen. Aus der Republika Srpska werden gleich drei Vertreter erwartet, darunter Milorad Dodik.
Nach Angaben des russischen Präsidentenberaters Juri Uschakow seien in diesem Jahr keine besonderen Einladungen verschickt worden. Einige ausländische Politiker hätten jedoch selbst den Wunsch geäußert, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Im Vergleich zum Jubiläumsjahr 2025 fällt die internationale Präsenz deutlich kleiner aus: Damals waren laut „Kommersant“ fast drei Dutzend Staats- und Regierungschefs nach Moskau gekommen, darunter Chinas Staatschef Xi Jinping, Serbiens Präsident Aleksandar Vučić, Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Vietnams KP-Generalsekretär To Lam.
Innenpolitisch bleibt der 9. Mai für die russische Gesellschaft dennoch von herausragender Bedeutung. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM betrachten 67 Prozent der befragten Russen den Tag des Sieges als den wichtigsten Feiertag des Landes. Insgesamt 82 Prozent erklärten, sie wollten den Tag in irgendeiner Form begehen. Fast jeder zweite Befragte – 49 Prozent – gab an, persönlich an öffentlichen Veranstaltungen wie Paraden, Kranzniederlegungen oder Gedenkmärschen teilnehmen zu wollen.
Die Zahlen zeigen allerdings auch eine Verschiebung in der Wahrnehmung des Feiertags. Der Anteil jener, die den 9. Mai vor allem als „größten Sieg Russlands“ und deshalb als wichtigsten Feiertag betrachten, ist laut WZIOM seit 2005 von 76 auf 67 Prozent gesunken. Zugleich stieg der Anteil derjenigen, die stärker an die menschlichen Verluste erinnern und den Tag eher als Gedenk- und Trauertag verstehen, von 18 auf 25 Prozent. Unter jungen Befragten liegt dieser Anteil nach Angaben der Soziologen sogar bei 40 bis 45 Prozent.
Die WZIOM-Expertin Tatjana Smak erklärt diese Entwicklung mit dem Generationenwechsel und dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Der Akzent verschiebe sich allmählich vom Triumph hin zur Reflexion über den Preis des Sieges. Das bedeute jedoch nicht, dass das Thema für jüngere Generationen an Bedeutung verliere: 88 Prozent der Befragten unterstützten weiterhin die Idee, den Sieg für die patriotische Erziehung der Jugend zu nutzen.
Überschattet werden die Feiern in diesem Jahr von neuen Drohungen im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine. Die Europäische Union erklärte, sie werde ihre diplomatische Vertretung in Kiew trotz russischer Warnungen nicht evakuieren. Ein Sprecher der EU-Kommission, Anouar El Anouni, sagte laut „Kommersant“, Russland versuche erneut, die Ukraine für den von Russland begonnenen Krieg verantwortlich zu machen. Die EU werde ihre Position und Präsenz in Kiew nicht ändern.
Das russische Verteidigungsministerium hatte am 5. Mai Bewohner Kiews und Mitarbeiter ausländischer diplomatischer Vertretungen aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Für den Fall, dass die Ukraine versuche, die Feiern zum 9. Mai zu stören, drohte Moskau mit einem massiven Raketenangriff auf das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt.
Damit steht der diesjährige Tag des Sieges erneut im Spannungsfeld zwischen staatlich inszenierter Erinnerung, gesellschaftlicher Mobilisierung und der Realität des anhaltenden Krieges. Für den Kreml bleibt der 9. Mai ein zentrales Symbol historischer Legitimation. Zugleich zeigen die geringere Zahl internationaler Gäste und die verschärften Drohungen gegenüber Kiew, wie stark der Feiertag inzwischen von der aktuellen politischen und militärischen Konfrontation geprägt ist.

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