Serbien will den visafreien Reiseverkehr für russische Staatsbürger nicht abschaffen. Das erklärte der serbische Minister Nenad Popović, der in Belgrad für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit zuständig ist. Er verwies dabei ausdrücklich auf die Linie von Präsident Aleksandar Vučić: Serbien werde keine Visa für Bürger der Russischen Föderation einführen.
Die Aussage ist mehr als eine technische Mitteilung zur Reisepolitik. Sie bestätigt erneut den Sonderweg, den Serbien seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine innerhalb Europas verfolgt. Während die Europäische Union ihre Visapolitik gegenüber russischen Staatsbürgern verschärft hat und von Beitrittskandidaten eine stärkere Angleichung an die EU-Politik erwartet, hält Belgrad an engen Beziehungen zu Moskau fest.
Popović sagte der russischen Nachrichtenagentur TASS am Rande der Industriemesse Innoprom, russische Bürger seien in Serbien „die besten Gäste“. Nach seinen Angaben gibt es weiterhin Direktflüge nach Belgrad aus mehreren russischen Städten, darunter Moskau, St. Petersburg, Kasan, Nischni Nowgorod und Sotschi. Im ersten Halbjahr 2026 hätten russische Touristen in Serbien bei der Zahl der Besuche den ersten Platz eingenommen.
Damit unterstreicht Belgrad auch die wirtschaftliche Bedeutung russischer Reisender. Seit der weitgehenden Schließung europäischer Lufträume für russische Fluggesellschaften ist Serbien für viele Russen ein wichtiges Drehkreuz geblieben. Die visafreie Einreise erleichtert nicht nur touristische Aufenthalte, sondern auch Geschäftsreisen, Familienbesuche und Ausweichbewegungen russischer Bürger, die wegen Sanktionen und Reisebeschränkungen in vielen EU-Staaten deutlich weniger Bewegungsfreiheit haben.
Politisch steht Serbien damit weiter zwischen zwei Linien. Einerseits hält das Land formal an seinem Ziel fest, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Andererseits weigert sich Belgrad seit vier Jahren, sich den westlichen Sanktionen gegen Russland anzuschließen. Popović hatte erst zuvor versichert, Serbien werde keine antirussischen Sanktionen verhängen. Serbien bleibt damit eines der wenigen europäischen Länder, das seine Beziehungen zu Moskau trotz des Krieges demonstrativ aufrechterhält.
Für die EU ist diese Haltung ein wiederkehrender Konfliktpunkt. Von Beitrittskandidaten wird erwartet, dass sie ihre Außen-, Sicherheits- und Visapolitik schrittweise an die EU angleichen. Gerade die Visafrage hat dabei praktische Bedeutung: Länder des westlichen Balkans profitieren selbst von Reisefreiheit in Richtung EU, stehen aber zugleich unter Beobachtung, wenn ihre eigenen Einreiseregeln als Schlupflöcher für Drittstaaten gelten.
Belgrad versucht, diesen Widerspruch auszubalancieren. Vučić betont regelmäßig den europäischen Kurs seines Landes, verweist aber zugleich auf traditionelle Bindungen zu Russland, auf Energieabhängigkeiten und auf die innenpolitisch starke russlandfreundliche Stimmung in Teilen der serbischen Gesellschaft. Die nun erneuerte Zusage, russischen Bürgern keine Visa aufzuerlegen, passt in dieses Muster.
Die Entscheidung ist deshalb auch ein Signal an Moskau. Während viele europäische Staaten den Reiseverkehr mit Russland eingeschränkt haben, präsentiert sich Serbien weiter als offenes Ziel für russische Bürger. Für Russland ist dies politisch nützlich, weil es zeigt, dass die europäische Isolierung nicht vollständig ist. Für Serbien wiederum bedeutet der Kurs wirtschaftliche Einnahmen, politischen Spielraum – aber auch anhaltenden Druck aus Brüssel.
Ob Belgrad diesen Balanceakt dauerhaft fortsetzen kann, bleibt offen. Solange die EU-Perspektive Serbiens ungewiss bleibt und die Erweiterung nur langsam vorankommt, hat die serbische Regierung wenig unmittelbaren Anreiz, ihre Russlandpolitik grundlegend zu ändern. Die Visafreiheit für russische Bürger wird damit zu einem kleinen, aber symbolträchtigen Baustein einer größeren serbischen Außenpolitik: europäisch im Anspruch, aber russlandfreundlich in entscheidenden Fragen.

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