Selbst-Zensur oder warum staatliche Kontrolle im Internet so schwierig wie vergeblich ist

Photo: TheDigitalWay CCO Public Domain via Pixabay
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Das Zensieren des Internets ist so schwierig wie vergeblich. Russische Internetnutzer haben dies ihrer Regierung kürzlich überzeugend bewiesen, indem sie ihr Webseiten-Blockier-System gegen es selbst angewandt haben.

Während Präsident Wladimir Putins dritter Amtszeit, die im Jahr 2012 begann, hat Russland verstärkt versucht, das Internet von „extremistischen“ Ansichten zu reinigen. Aber der Kreml hat kein Äquivalent zu Chinas „Großer Firewall“, die das Internet über die Zugänge zwischen dem nationalen Bereich und dem Rest des globalen Netzwerks steuert. Stattdessen sind russische Internetanbieter nur verpflichtet, die Seiten auf der „Schwarzen Liste“ der Regulierungsbehörde Roskomnadzor zu blockieren.
Die Internetanbieter sind auch nicht gesetzlich verpflichtet, eine bestimmte Sperrmethode anzuwenden, so dass viele von ihnen, einschließlich großer Mobilfunkbetreiber, lediglich all diejenigen IP-Adressen blockieren, die mit einer verbotenen Webadresse verknüpft sind. In den vergangenen Tagen hat diese Eigentümlichkeit des russischen Systems zu einem kuriosen Protest gegen die Zensur geführt.

In sozialen Netzwerken verbreiteten sich Anleitungen,  mit denen man praktisch jede Website blockieren kann. Zuerst verwandelt man die „Schwarze Liste“ in einen Einkaufszettel und kauft neue oder bereits registrierte Domains, die aber nicht mehr in Gebrauch sind. Dann verknüpft man diese Seiten mit IP-Adressen aus Regierungskreisen, um eine automatische Sperrung auszulösen. Es funktionierte spektakulär gut. Der russische Telefonprovider BeeLine zum Beispiel schloss umgehend den Zugang zu vielen Webseiten, darunter Bank-Überweisungs-Server und dem Kreml nahestehende Medien wie Life.ru und NTV.ru. Sogar Roskomnadzor, der Hüter der „Schwarzen Liste“, landete auf seiner eigenen schwarzen Liste. Laut Alexander Litrejew, einem St. Petersburger Experten für Sicherheit im Internet, waren mehr als 30 Prozent der russischen Nutzer gleichzeitig von den Abschaltungen betroffen.

Dies stellte Roskomnadzor vor erhebliche Probleme, aber nicht aus dem offensichtlichen Grund, dass viele Menschen nicht mehr ihren Bankgeschäften nachgehen konnten. Um auf die vielen Beschwerden einzugehen, gab die Zensur-Behörde lediglich eine Pressemitteilung heraus, in der die Netzanbieter für die Probleme verantwortlich gemacht wurden. Alles sei in Ordnung, wenn Roskomnadzor die Sperrmethoden diktieren könnte. Das eigentliche Problem bestand darin, dass Putins jährliche „Live-Telefon-Schaltung“ mit den Wählern – ein wichtiges Ereignis mit Fragen, die über das Internet gesammelt werden, und der daraus resultierende mehrstündige Marathon, sowohl online als auch im Fernsehen ausgestrahlt – für den 15. Juni geplant war und die Besitzer von gesperrten Domains die Macht hatten, es zu blockieren.

Zuerst schickten die regionalen Büros von Roskomnadzor an die Anbieter eine „Weiße Liste“ mit mehr als 2.000 Domains, die nicht blockiert werden sollten – auch wenn sie mit einer verbotenen Domain verknüpft waren. Gov.ru und Kremlin.ru, die Domains für die Regierung und das Präsidialamt, standen an der Spitze der Liste. Es beinhaltete auch alle Variationen von „Google“, so dass es möglich war, eine Website wie „Sprengung.Google.AllahAkbar.org“ zu registrieren und gleichzeitig zu vermeiden, blockiert zu werden. Es war kein großartiger Lösungsvorschlag, zumal die Anbieter nicht gesetzlich verpflichtet waren, die Weiße Liste umzusetzen.

Am 9. Juni präsentierte die Zensuragentur eine bessere Lösung. Sie schickte einen Brief an die Anbieter und forderte sie auf, dass bis zum 16. Juni – ein Tag nach dem Putin-Event – nur die spezifischen IP-Adressen auf der „Schwarzen Liste“ blockiert werden sollten aber nicht die, von denen der Datenfluss weitergeleitet wurde. Es wurde versprochen, die Anbieter nicht dafür zu bestrafen, die Zensur auf diese Weise zu mildern.

Die Zensoren werden letztlich dieses spezielle Problem lösen. Vielleicht durch die Blockierung von inaktiven Domains aus der schwarzen Liste, damit es nicht so einfach sein wird, sie zu kaufen. Vielleicht durch die Durchsetzung von Gesetzen, die ihnen mehr Macht geben würde, den Anbietern vorzuschreiben, welche Sperrtechnologie zu verwenden ist.

Letzte Woche wurde auch ein Gesetz im russischen Parlament eingeführt, das den Einsatz von Anonymisierungssoftware zur Umgehung der „Schwarzen Liste“ einschränken würde. Immerhin ist seit der Wiederwahl von Putin im Jahr 2012 die Zahl der russischen Nutzer des anonymisierenden Netzwerks Tor von rund 20.000 pro Tag auf über 200.000 Menschen gewachsen.

Aber die Verbote ähneln einem Blindekuh-Spiel. Nachdem Russland eine relative Internetfreiheit auskosten konnte, akzeptiert es die Zensur weniger als China. Wie die ganze Welt weiß, gibt es in Russland eine große, kreative Hackergemeinschaft, die nicht viel Respekt vor Beschränkungen hat, seien es aus- oder inländische. Die Ausnutzung des Fehlers von Roskomnadzor erforderte keine große Hacker-Kompetenz. Aber wenn es erforderlich ist, da die Zensur enger und anspruchsvoller wird, wird sie auch zur Anwendung kommen.

[hub/russland.NEWS]