Schmerzvolle Erinnerung 20 Jahre nach Tschernobyl

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Auch 20 Jahre danach ist der Schmerz so groß, dass Mykola Rjabuschkin sich der Tränen nicht erwehren kann. „Ich habe das alles durchlebt“, sagt der 59-Jährige, während er sich die Wangen abwischt. Am 26. April 1986 hatte Rjabuschkin Nachtdienst im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl, als um 01.23 Uhr Ortszeit zwei Explosionen den Reaktor vier erschütterten, die Umgebung in ein unwirkliches blaues Licht tauchten und eine riesige radioaktive Wolke freisetzten. „Ich kannte sie alle“, sagt der grauhaarige Mann und deutet auf die Fotos der 30 Menschen, die im Jahr nach dem bislang größten nuklearen Unglück starben.

Bei einer nächtlichen Gedenkfeier im nahe gelegenen Slawutitsch ehren Überlebende, Freunde und Angehörige in der Nacht zu Mittwoch die Opfer von damals.

„Ich schaue sie an und will sie um Vergebung bitten“, sagt Rjabuschkin schluchzend, während er auf die Porträts der Toten schaut. „Vielleicht sind wir alle Schuld daran, dass dieser Unfall passieren konnte.“ Hunderte Menschen haben sich um Mitternacht an einem Mahnmal im Zentrum von Slawutitsch versammelt, das etwa 50 Kilometer östlich von Tschernobyl liegt. Die Stadt im Norden der Ukraine wurde nach der Katastrophe gebaut, um die Arbeiter der Atomanlage unterzubringen. 20 Jahre danach zünden sie Kerzen an und legen Nelken nieder, um an die Toten des Reaktorunglücks zu erinnern. Viele von ihnen weinen. Ihre Geschichten gleichen sich.

Stanislaw Honko ist gekommen, um seinen Kollegen von der Feuerwehr die Ehre zu erweisen, die bei den Löscharbeiten starben. „Leute, die nicht zurückgewichen sind und ihren Dienst getan haben“, sagt der 45-Jährige. Galina hatte Glück im Unglück: Weil sie am 26. April Geburtstag hatte, durfte sie früher nach Hause gehen. „Eine halbe Stunde vor der Explosion. Das hat mir das Leben gerettet“, sagt sie heute.

Alla Rodjonowa gedenkt bei einer Messe in Kiew ihres Mannes. Er wurde damals mit hunderttausenden anderen am Katastrophenort eingesetzt; „Liquidatoren“ werden diese Kräfte genannt. Vor drei Jahren starb Rodjonowas Mann an Darmkrebs. Für Margarita Schubenok bedeutet Tschernobyl auch den Verlust ihrer Heimat. Pripjat gleich nördlich des AKW war ihr Zuhause. Heute ist es eine Geisterstadt, die in der Sperrzone rund um den Unglücksort liegt. „Ich habe dabei mitgeholfen, die Stadt aufzubauen“, sagt die 58-Jährige. „Es ist, als ob ich ein Kind verloren hätte.“

Für viele der ehemaligen Arbeiter von Tschernobyl sind die frühen Morgenstunden des 26. April jedes Jahr die einzige Gelegenheit, bei der sie die Tränen und den Schmerz noch einmal zulassen, weil sie sich der Tragödie erinnern. Normalerweise zeigen die Bewohner von Slawutitsch nicht, dass sie weinen, sagt Galina. Das Reaktorunglück „ist ein Teil unseres Lebens, der immer zu uns gehören wird“, sagt die Ukrainerin, die heute als Turnlehrerin arbeitet. „Aber man kann nicht fortwährend in der Vergangenheit leben.“ [Von Anya Tsukanova ]