Saubere Luft ist eine der elementarsten Lebensbedingungen. Gerade deshalb wirkt es paradox, dass Umweltverschmutzung in Russland zwar messbar zunimmt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber an Gewicht verliert. The Moscow Times beschreibt dieses Auseinanderfallen am Beispiel sibirischer und uralischer Industrieregionen: Die Luft wird schlechter, Wasser und Böden bleiben belastet, doch viele Menschen haben im Alltag dringendere Sorgen.
Ausgangspunkt ist der jüngste Bericht von Rospotrebnadsor über den sanitären und epidemiologischen Zustand des Landes. Danach waren 2025 rund 83,6 Millionen Menschen in Russland einer kombinierten chemischen Belastung durch Wasser, Luft und Boden ausgesetzt. Das entspricht etwa 57 Prozent der Bevölkerung. 2024 waren es nach Angaben des Berichts 79,1 Millionen, 2023 noch 75,4 Millionen. Damit kehrt sich ein jahrelanger Rückgang um, der nach dem Start des föderalen Projekts „Saubere Luft“ im Jahr 2016 eingesetzt hatte. The Moscow Times verweist darauf, dass die Zahl der Betroffenen von 92,8 Millionen im Jahr 2016 bis 2022 auf 74,2 Millionen gefallen war, seither aber wieder steigt.
Besonders sichtbar ist das Problem in Sibirien und im Fernen Osten. Ulan-Ude, die Hauptstadt Burjatiens, liegt in einer Senke, umgeben von Bergen. Im Winter stauen sich dort Abgase aus Kohlekraftwerken und aus den Öfen privater Häuser. Bewohner berichten, im Sommer könne man zeitweise aufatmen, im Winter sei das Atmen dagegen manchmal kaum möglich. Ähnliche Schilderungen kommen aus Tuwa, Chakassien, Tscheljabinsk, Krasnojarsk und anderen Regionen, in denen Kohleheizungen, Schwerindustrie, Tagebau und Waldbrände zusammenwirken.
Ein Bewohner Tuvas bringt die Gesundheitsdimension drastisch auf den Punkt: Wenn der Ruß so stark sei, dass sich die Nase schwarz färbe, könne man sich vorstellen, wie es in der Lunge aussehe. Solche Beobachtungen sind keine bloße Übertreibung. Feinstaub, Schwefeldioxid, Stickoxide, Schwermetalle und andere Luftschadstoffe gehören weltweit zu den wichtigsten Umweltgefahren für die Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Außen- und Haushaltsluftverschmutzung zusammen jährlich mit rund 6,7 Millionen vorzeitigen Todesfällen verbunden sind; allein Außenluftverschmutzung wurde für 2019 auf etwa 4,2 Millionen vorzeitige Todesfälle geschätzt.
In Russland kommt hinzu, dass die offiziellen Daten wahrscheinlich nur einen Teil der Belastung erfassen. The Moscow Times zitiert einen Umweltanalysten, der darauf hinweist, dass selbst stark belastete Städte wie Norilsk oder Krasnojarsk nicht überall über kontinuierliche Messsysteme für besonders gefährliche Feinstaubfraktionen wie PM2,5 und PM10 verfügen. Unternehmen hätten die Einführung solcher Systeme vielfach behindert. Wenn aber die Messung lückenhaft ist, bleibt auch das politische Problem kleiner, als es tatsächlich sein könnte.
Auffällig ist auch die Gewichtung der Risiken in den russischen Gesundheitsdaten. Rospotrebnadsor führt laut MT verschmutztes Trinkwasser als wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsfaktor an und bringt es für 2025 mit 12.400 Todesfällen in Verbindung; für Luftverschmutzung werden 6.100 Todesfälle genannt. Der von MT zitierte Experte hält diese Relation für fragwürdig, weil frühere Studien in Russland den Anteil der Luftverschmutzung an den umweltbedingten Gesundheitsrisiken deutlich höher angesetzt hätten.
Die Verschiebung hat auch politische und wirtschaftliche Ursachen. Das Projekt „Saubere Luft“ war ursprünglich eines der zentralen Elemente des nationalen Umweltprogramms. Es sollte die Emissionen in besonders belasteten Industriestädten senken. Doch bereits für den Haushalt 2024 wurde die Finanzierung deutlich gekürzt. The Moscow Times berichtete damals unter Berufung auf Wedomosti, dass das Projekt fast die Hälfte seiner Mittel verlieren sollte; die Kürzung belief sich auf rund sechs Milliarden Rubel. Parallel wurden auch andere Umweltprogramme reduziert.
Das Umweltministerium erklärte seinerzeit, die Ziele seien nicht gefährdet, weil das Programm über Plan liege. Kritiker hielten dagegen, dass die Methodik problematisch sei: Eine bloße Verringerung der Gesamtmasse ausgestoßener Schadstoffe sage wenig darüber aus, ob die Luft für Menschen wirklich gesünder werde. Ein Kilogramm hochgiftiger Stoffe könne gesundheitlich schwerer wiegen als sehr viel größere Mengen weniger gefährlicher Emissionen.
Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat sich der Rahmen weiter verändert. Westliche Investoren, Lieferketten und ESG-Anforderungen haben für russische Unternehmen an Bedeutung verloren. Viele Exporte wurden nach Asien umgelenkt, und die Wirtschaft wurde stärker auf Kriegs- und Rüstungsbedarf ausgerichtet. Der von MT zitierte Umweltanalyst formuliert es zugespitzt: Das Russland, in dem das Projekt „Saubere Luft“ gestartet wurde, existiere nicht mehr; seit 2022 sei es ein anderes Land.
Besonders deutlich zeigt sich das beim Kohlesektor. Das europäische Embargo gegen russische Kohle, sinkende Exportmöglichkeiten und zugleich weiterhin hohe Produktion machen die Binnenmärkte in Sibirien und im Fernen Osten wichtiger. Regionen, die wirtschaftlich an Kohle hängen, haben wenig Interesse an einem schnellen Übergang zu saubereren Energiequellen. In Kohleabbaugebieten berichten Bewohner von Ruß, Staub, Erschütterungen durch Sprengungen und schwarzen Ablagerungen auf Autos und Häusern.
Dass Umweltfragen dennoch in der Wahrnehmung vieler Russen nach hinten rücken, passt zu den jüngsten Umfragen des Lewada-Zentrums. Im Mai 2026 nannten nur noch 14 Prozent der Befragten die Verschlechterung der Umweltlage als eines der besonders akuten Probleme der russischen Gesellschaft. Gegenüber August 2023 war das ein Rückgang um neun Prozentpunkte. Deutlich häufiger wurden Preissteigerungen, Krieg beziehungsweise „Spezialoperation“, Konflikt mit dem Westen, Sanktionen und die Angst vor Anschlägen genannt.
Das bedeutet nicht, dass die Menschen schlechte Luft oder schmutziges Wasser nicht wahrnehmen. Vielmehr zeigt sich eine Art Gewöhnung unter Druck. Wer mit steigenden Lebensmittelpreisen, unsicherem Einkommen, Kriegsmobilisierung, Drohnenangriffen, Treibstoffmangel oder kommunalen Problemen konfrontiert ist, verschiebt ökologische Risiken in die zweite Reihe. Umwelt wird dann nicht als Grundrecht verstanden, sondern als etwas, worüber man nachdenken kann, wenn elementare Alltagsprobleme gelöst sind.
Gerade darin liegt die eigentliche Dramatik. Umweltverschmutzung wirkt selten so spektakulär wie eine Explosion, ein Preisschock oder ein politischer Skandal. Sie ist langsam, alltäglich und oft unsichtbar. Doch sie greift Gesundheit, Lebenserwartung, Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität dauerhaft an. Schlechte Luft ist kein Randthema für Idealisten, sondern eine Form schleichender sozialer Gewalt — besonders gegen Kinder, ältere Menschen, Kranke und Bewohner armer Regionen.
Russlands Luftproblem ist damit mehr als ein Umweltproblem. Es ist ein Indikator dafür, welche Prioritäten der Staat unter Kriegsbedingungen setzt, wie stark Regionen von alten Industrien abhängig bleiben und wie wenig Schutz Bürger dort haben, wo wirtschaftliche Interessen, schwache Kontrolle und politische Gleichgültigkeit zusammenkommen. Dass viele Menschen inzwischen „größere Sorgen“ nennen, macht die Belastung nicht kleiner. Es zeigt nur, dass saubere Luft in Russland wieder zu einem Luxusgut zu werden droht.

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